Kurzbiographien bedeutender Vereinsmitglieder

KARL ADOLF CONSTANTIN (RITTER VON) HÖFLER (1811–-1897)

von FRANZ MACHILEK in BHVB 141 (2005) 185-–190
Als Karl Adolf Constantin Höfler im Juni 1847 die Stelle des Archivars am damaligen königlichen Archiv in der Neuen Residenz zu Bamberg, dem Vorläuferarchiv des späteren Kreis- bzw. Staatsarchivs Bamberg, übernahm und 1849 zum Ersten Vorsitzenden des Historischen Vereins in Bamberg bestellt wurde, hatte er bereits eine steile berufliche Karriere und einen abrupten Sturz hinter sich. Der am 27. März 1811 als Sohn des königlich bayerischen Amtsgerichtsrats Johann Nepomuk Höfler und der Maria Josepha Heunisch in Memmingen im Bayerischen Schwaben Geborene war nach seiner Schulzeit am Neuen Gymnasium in München und Studien am Lyceum in Landshut und an der Universität München sowie einem anschließenden Reisestipendium, das ihn nach Göttingen, Berlin, Prag, Florenz und Rom führte, im Alter von 25 Jahren 1836 auf Vorschlag des bayerischen Innenministers Karl August von Abel Redakteur der amtlichen „Münchner Politischen Zeitung“ geworden, hatte 1838 die Venia legendi an der Ludwig-Maximilians-Universität in München erlangt und war hier 1839 außerordentlicher, 1841 ordentlicher Professor für Universalgeschichte und 1842 Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften geworden. Die 1841 mit Isabella Hofmann († 1884) geschlossene Ehe hatte sein persönliches Glück noch gesteigert. Der glanzvolle Aufstieg war 1847 als Folge der Affären um König Ludwig I. und die Tänzerin Lola Montez, die der Monarch in den Grafenstand erheben wollte, jäh unterbrochen worden. Als sich Minister, Kirche, Professoren und Studenten und das konservativ-liberale Bürgertum der bayerischen Hauptstadt den Plänen Ludwigs I. widersetzten, hatte Ludwig I. in Verkennung seiner tatsächlichen Macht weitreichende Säuberungen im Beamtenapparat und unter der Professorenschaft angeordnet, denen neben Ignaz von Döllinger und Peter Ernst von Lasaulx auch Höfler, der seine Auffassungen offen vertrat, nicht zuletzt in einer Denkschrift unter dem Titel „Concordat und Constitutionseid der Katholiken in Bayern“ (1847), zum Opfer fielen. Am 27. März 1847, seinem 36. Geburtstag, wurde Höfler die Pensionierungsurkunde zugestellt. Nur dem Zutun von Freunden hatte er es zu verdanken, daß er wenige Monate später, im Juni 1847, die eingangs erwähnte Stelle in Bamberg antreten konnte. Während Höfler dank seines in den Jahren zuvor gewonnenen persönlichen, geistig-wissenschaftlichen und politischen Profils hier rasch Fuß zu fassen vermochte und sofort mit voller Kraft daranging, Forschungen aus seiner Münchener Zeit weiterzuführen und neue wissenschaftliche Projekte in Angriff zu nehmen, waren Ludwigs I. Tage als Monarch gezählt; er dankte bereits am 20. März 1848 als König ab und übergab die Krone seinem Sohn Maximilian II. Joseph. Höfler spiegelt mit seinem Schicksal das Ende der neoabsolutistisch-restaurativen ludovicianischen Epoche des bayerischen Staates vor der Revolution von 1848 wider.
Höflers Entwicklung wurde durch eine Reihe herausragender Persönlichkeiten und auf ihn wirkender Kräfte geprägt. Durch den Vater in streng rationalistischem Geist erzogen, begnete er in Landshut dem Byzantinisten und Orientalisten Jakob Philipp Fallmerayer; ihm verdankte er seine Hinwendung zum Studium der Geschichte, wobei Fallmerayer seinen rational-kritischen Sinn noch verstärkte. Unter dem Einfluß des Vaters begann er in München mit dem Studium der Rechte und hörte hier vor allem die Vorlesungen der Rechtshistoriker Georg Ludwig Maurer und Friedrich Georg Puchta. Als Hörer des Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, der ihn schnell in seinen Bann zog, fand Höfler zu einer positiven Einstellung zum Christentum. Er wechselte in die philosophische Fakultät und zu den klassischen Altertumswissenschaften über und wurde 1831 mit einer Dissertation „Zur Geschichte der Anfänge der Griechen“ promoviert. Der Aufenthalt in Rom und seine Begegnung mit dem westfälischen Freund Felix Papencordt stärkten die ihm fortan eigene enge Beziehung zur römisch-katholischen Kirche. Als Redakteur ergriff er in den konfessionellen Auseinandersetzungen engagiert Partei für die katholischen Belange und wirkte 1838 mit Johann Joseph Görres und anderen ultramontan Gesinnten an der Gründung der „Historisch-politischen Blätter“, dem Hauptorgan der sich sammelnden politischen Bewegung der deutschen Katholiken, mit. Die Venia legendi und damit der Einstieg in die ersehnte akademische Laufbahn in München kam auf Betreiben des Ministeriums zustande. Zu den seinen Ruf als Wissenschaftler in München begründenden Arbeiten gehörte neben zahlreichen kleineren Beiträgen eine Reihe größerer Werke, darunter: „Geschichte der englischen Civilliste“ (1834), „Die deutschen Päpste“ (2 Bde., 1839), „Kaiser Friedrich II.“ (1844) sowie das in München begonnene „Lehrbuch der allgemeinen Geschichte“ (3 Bde., 1845–1856).
Wie in München nahm Höfler auch in seinen wenigen Bamberger Jahren von 1847 bis 1851 bald eine führende Stellung im geistigen Leben der Stadt ein. Rasch arbeitete er sich in die reichen Bestände des Archivs, vor allem des Hochstifts Bamberg und des Fürstentums Brandenburg-Kulmbach-Bayreuth, ein und dachte auch an eine Neuordnung der durch die Umwälzungen an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert erfolgten Verschiebungen in den Archivfonds. Auf der damals üblichen gemeinsamen jährlichen Versammlung der Historischen Vereine von Bamberg und Bayreuth, die 1848 in Lichtenfels stattfand, appellierte er an alle fränkischen Geschichtsvereine, sich zur Herausgabe der Quellen zur fränkischen Geschichte und zu einem Gesamtverein zusammenzuschließen. Da das Echo auf diesen Vorschlag gering blieb, entschloß er sich, seinen Plan bezüglich der Publikation der Quellen in Bamberg zu verwirklichen. Schon bald nachdem ihm hier die Leitung des Historischen Vereins anvertraut worden war (6. Dezember 1848), begründete er die „Quellensammlung für Fränkische Geschichte“, von der unter seiner Ägide vier Bände erschienen (1449–1852). An seinen damaligen und späteren Editionen wurden schon früh erhebliche methodische und sachliche Mängel festgestellt: Höfler hat die Orthographie der Vorlagen oft willkürlich verändert, vielfach einzelne Wörter oder auch ganze Sätze ohne Kennzeichnung ausgelassen und gelegentlich auch Worte ohne jede Kennzeichnung eingefügt. Auf textkritische und sachliche Anmerkungen hat Höfler weitgehend verzichtet. Manche Quellen wurden von ihm aus heutiger terminologischer Sicht falsch bezeichnet. Trotz schwerwiegender Einwände stellen die Ausgaben aber auf das Ganze gesehen eine für die damalige Zeit durchaus respektable Leistung des Gelehrten dar und werden mangels neuer Editionen von der Fachwissenschaft in vielen Fällen bis heute benutzt. Zu den wichtigen aus Bamberger Archivalien geschöpften Arbeiten gehören u. a. auch die „Urkundlichen Nachrichten über König Georg von Podiebrads von Böhmen Versuch, die deutsche Kaiserkrone an sich zu reißen“ (1849). Höfler hatte den Vorsitz des Historischen Vereins Bamberg bis 5. November 1851 inne. Aus einem vor Höflers Weggang von Bamberg verfaßten Schreiben an seinen Nachfolger im Archiv geht hervor, daß er sich hier offensichtlich wegen seiner Erfolge auch mit gegen ihn gerichteten Anfeindungen von Seiten seiner vorgesetzten Behörde und wegen seiner konfessionellen Einstellung zur Wehr gesetzt hat.
Im Zuge der mit der Etablierung des neoabsolutistischen Systems in Altösterreich verbundenen Reformen an den Hochschulen erhielt Höfler im Oktober 1851 durch Unterrichtsminister Leo Graf Thun-Hohenstein den Ruf auf den Lehrstuhl für allgemeine Geschichte an der k. k. Karl-Ferdinands-Universität zu Prag, für den ihn seine vorausgehenden, von großdeutsch-katholisch-österreichfreundlicher Tendenz bestimmten Publikationen empfahlen. Höfler behielt diesen Lehrstuhl bis zur Teilung der Hohen Schule in eine deutsche und eine tschechische Universität im Jahre 1882. Konnte er in Prag zunächst an die bereits 1834 bei seinem Aufenthalt in der Moldaustadt geknüpften Verbindungen zu Franti‰ek Palack˘, den „Vater der böhmischen Historiographie und tschechischen Nationalbewegung“ anknüpfen und diese in kollegialer Weise weiterführen, so kam es mit der Verschärfung der nationalen Spannungen im Lauf des folgenden Jahrzehnts zu einer immer tieferen Entfremdung zwischen beiden. Die Auseinandersetzung wurde immer stärker durch die gegensätzliche Sicht des Hussitismus nach seiner nationalen und religiösen Komponente bestimmt und mündete schließlich in öffentlich ausgetragene Polemik.
An der Universität wurde Höfler trotz der gravierenden nationalen Spannungen als hoch angesehener, von den Studenten geachteter und wegen seiner glänzenden Vorlesungen gerühmter akademischer Lehrer in alle hohen Universitätsämter bis hin zum Rektorat der Carolo-Ferdinandea (1871) gewählt. Um den Besitzstand der Deutschböhmen zu wahren setzte er sich bereits 1868 für die Teilung der Prager Technischen Hochschule ein. Seit 1879 war er auch maßgeblich an den Verhandlungen über die Teilung der Universität in eine deutsche und eine (neue) tschechische Universität beteiligt, beklagte diesen Akt aber später selbst gleichwohl als einen Schritt zur Zergliederung („dismembratio“) des österreichischen Staates. Von seinen Schülern ist der Tscheche Jaroslav Goll, der Begründer der modernen Geschichtsforschung in den böhmischen Ländern, hervorzuheben: Von seinen Prager Lehrern hat nach Golls Worten Höfler am meisten auf ihn gewirkt; er besaß nach Goll „universal-
historischen Überblick“.
Zum wissenschaftlichen Ertrag von Höflers Jahren an der Prager Universität gehörten vor allem wichtige Quellenpublikationen und historische Grundlagenwerke, darunter: „Geschichtschreiber der husitischen Bewegung“ (3 Bde., 1856–-1866), „Bartos Písar. Des Bartholomäus von Sct. Aegidius Chronik von Prag im Reformationszeitalter 1524–-1530“ (1859); „Ruprecht von der Pfalz genannt Clem, römischer König 1400-–1410“ (1861), „Kaisertum und Papsttum“ (1862), „Concilia Pragensia 1353-–1413“ (1862), „Johannes Hus und der Abzug der deutschen Professoren und Studenten aus Prag. 1409“ (1864), „Urkunden zur Beleuchtung der Geschichte Böhmens“ (1865), „Papst Adrian VI.“ (1880).
Der schon vor der Eskalation des Nationalismus 1862 mit Höflers Mitwirkung und unter seiner Ägide begründete „Verein für Geschichte der Deutschen in Böhmen“ zielte darauf ab, den Deutschböhmen im Lande die von tschechischer Seite angezweifelten nationalpolitischen Rechte ins Bewußtsein zu rufen und nach den Worten Höflers der Stimme der Wissenschaft den Weg zu bahnen; der Verein stand in den folgenden Jahren der deutschen Geschichtsforschung an der Universität in enger Verbindung zur Seite. Das Organ des Vereins bildeten die seit dem Gründungsjahr erscheinenden „Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen“, für die Höfler in den Anfangsjahren zahlreiche Beiträge verfaßte. Bei der Leitung des Vereins, der er als Vizepräsident angehörte, stießen seine katholischromantischen und restaurativen Beiträge zum Teil auf erbitterten Widerspruch, was eine fast zwei Jahrzehnte andauernde Entfremdung Höflers vom Verein zur Folge hatte.
Von 1865 bis 1869 war Höfler Mitglied des böhmischen Landtags. Seit 1872 gehörte er dem Wiener Reichstag an. Als entschiedener Vertreter der deutschböhmischen und katholischen Interessen. war er gleichwohl auch vielfach in vermittelnder Position tätig. 1873 erlangte er den österreichischen Ritterstand.
Bereits in den letzten Jahren vor seiner 1882 erfolgten Emeritierung und als Emeritus wandte sich Höfler verstärkt der Geschichte der romanischen Länder, vor allem Spaniens, zu. In den Jahren um 1880 verfaßte er auch mehrere Dramen zu Themen der westeuropäischen Geschichte. Am 29. November 1897 ist Höfler hochbetagt in Prag verstorben. Er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Prager Friedhof Olsany.
Der stets geradlinige, gelegentlich auch als eigenwillig beschriebene, sich in Prag selbst als Deutschböhme fühlende Wissenschaftler gilt zu Recht als einer der großen Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts. Für Bamberg, den hiesigen Historischen Verein und für Franken insgesamt stellte Höfler in der kurzen Zeit seines Wirkens vor Ort wichtige Weichen für die folgende Forschung.

DR. MICHEL HOFMANN (1903–-1968)
ARCHIVAR, JOURNALIST, POLITIKER, MUSISCHER MENSCH

von SIEGFRIED WENISCH in BHVB 141 (2005) 191-–195
Michael (Michel) Hofmann wurde am 13. August 1903 in Waischenfeld, einem ehemals fürstbischöflich-bambergischen Landstädtchen in der Fränkischen Schweiz, geboren. Sein Vater besaß dort neben einer kleinen Landwirtschaft einen Kaufladen; seine Mutter war eine Lehrerstochter. Nach dem Besuch der Volksschule von 1910 bis 1914 zog er nach Bamberg, um dort seine schulische Ausbildung fortzusetzen. Er besuchte das humanistische Alte Gymnasium und wohnte im Studienseminar Aufseesianum; die Reifeprüfung legte er im März 1923 ab. Das erste Semester des Hochschulstudiums verbrachte er noch in Bamberg an der Philosophisch-Theologischen Hochschule, dann aber änderte er seine Pläne und wandte sich dem juristischen Studium zu, das er fortan in München und Würzburg betrieb. Schon frühzeitig war sein besonderes Interesse für die Rechtsgeschichte erkennbar; er hatte aber eine ausgesprochene Passion zur Geschichte allgemein. Viele seiner Fähigkeiten und Neigungen glaubte er im Archivarsberuf anwenden und ausleben zu können. Deshalb bewarb er sich, gleich nach Ablegung des Ersten juristischen Staatsexamens, im März 1928 bei der bayerischen Archivverwaltung für den höheren Archivdienst. Er wurde genommen und leistete jetzt im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München Dienst als Archivreferendar; die Abschlußprüfung bestand er als Bester des Jahrgangs. Weitere Etappen in München waren: bis Juni 1932 Archivassessor, ab Juli 1932 dann Archivrat. Im selben Jahr wurde er auch in Würzburg bei dem Rechtshistoriker Ernst Mayer zum Doktor beider Rechte summa cum laude promoviert. Am 1. April 1933 kehrte er wegen Versetzung an das Staatsarchiv Bamberg wieder und jetzt endgültig in seine geliebte fränkische Heimat zurück.
In Bamberg, wo er nun von 1933 bis 1958 beruflich tätig war, entfaltete er eine ungewöhnliche Aktivität. Er brachte es fertig, neben seiner Haupttätigkeit am Staatsarchiv -– vom 1. September 1938 bis nach Kriegsende war er vertretungsweise sogar mit der Führung der Vorstandsgeschäfte betraut -– auch noch andere Dienstleistungen zu vollbringen: Er war ab 1. April 1937 nebenamtlicher Leiter des Stadtarchivs Bamberg, eine Zeitlang beauftragter Heimatpfleger für den Stadtkreis Bamberg sowie vom 20. Juni 1933 bis 20. März 1937 Zweiter Schriftführer („Ausschußschriftführer“) und vom 20. März 1937 bis November 1945 Vereinsleiter des Historischen Vereins Bamberg, dem er schon seit 1928 als Mitglied angehörte. In politisch diffiziler Zeit, die auch manche Anpassungen erforderte, wurde trotz allem unter Hofmanns Regie ein reges Vereinsleben gestaltet. Wie bisher schon wurden viele Studienfahrten durchgeführt, Führungen veranstaltet und Vorträge gehalten; neu waren vom Vereinsleiter abgehaltene heimatgeschichtliche Einführungskurse. Die Kriegszeit brachte Einschränkungen und Störungen, doch konnten die laufenden Geschäfte aufrechterhalten werden. Viel neue Arbeit machten die Luftschutzmaßnahmen. Zum Glück mußte der sonst so agile Beamte keinen Kriegsdienst leisten, weil er militärisch nur beschränkt tauglich war und so erreichen konnte, daß er die ganze Zeit über uk (= unabkömmlich) gestellt wurde. Seine archivarische Tätigkeit wurde nicht wie bei so vielen anderen Beamten nach Kriegsende aufgrund der Entnazifizierung nur kurz unterbrochen, sondern bis zum 30. September 1956 – beim Stadtarchiv nur bis zum 30. September 1948 –, aber nicht, weil er politisch in besonderem Maße belastet gewesen wäre, sondern weil er in der Zwischenzeit einen anderen für ihn attraktiven und sehr passenden Beruf gefunden hatte: Er wurde Journalist und übernahm die Kultur-Redaktion der Tageszeitung „Fränkischer Tag“ in Bamberg. Die von ihm ins Leben gerufene Beilage „Fränkische Blätter“ erschien von 1948 bis 1962. In dieser Zeit war er auch politisch sehr aktiv: Er war vom 1. Mai 1952 bis zum 30. April 1958 Stadtratsmitglied, war Fraktionsvorsitzender der Bayernpartei und trat 1952 sogar als aussichtsreicher Oberbürgermeister-Kandidat in Erscheinung. Eine große Ehre war, daß er 1957 in das Kuratorium der Akademie für politische Bildung berufen und zu dessen Schriftführer bestellt wurde.
Michel Hofmann wurde noch einmal versetzt, und zwar im April 1958 an das Staatsarchiv Würzburg, dessen Vorstandsgeschäfte er übernahm (Beförderungen: 1958 Oberregierungsarchivrat, 1964 Archivdirektor). Wieder gab er sich nicht mit diesem Amt allein zufrieden, sondern übernahm dazu Ehrenämter, so beim Frankenbund (Beirat und Mitglied des Redaktionsausschusses), bei der Gesellschaft für fränkische Geschichte (stellvertretender wissenschaftlicher Leiter) und bei den Freunden Mainfränkischer Kunst und Geschichte (Beirat und Schriftleiter). Schließlich erhielt er noch einen Lehrauftrag für fränkische Rechtsgeschichte an der Universität Würzburg. Kurz vor Vollendung seines 65. Lebensjahrs wurde er im Juli 1968 wegen schwerer Erkrankung in den Ruhestand versetzt. Er starb am 7. November 1968 in Würzburg und wurde in seinem Geburtsort Waischenfeld beigesetzt. Es hatte ihn in seinen letzten Lebensmonaten sicherlich mit besonderer Freude erfüllt, daß er am 1. März 1968 noch zum Ehrenmitglied des Historischen Vereins Bamberg ernannt worden war.
Wie Verfasser aus eigener Erfahrung weiß, war Hofmann ein gerechter Chef, ein liebenswürdiger und konzilianter Mensch, redegewandt, temperament- und humorvoll, bisweilen ironisch. Er glänzte deshalb besonders bei Vorträgen, die leider später nur zum Teil veröffentlicht wurden. Geblieben sind als Zeugnis seines Charakters und seines Könnens aber doch noch zahlreiche Publikationen. Werkverzeichnisse haben Otto Meyer und Walter Scherzer schon in ihren Nachrufen im Jahre 1969 geliefert. Aber obwohl in dem ausführlichen Verzeichnis von Scherzer immerhin 88 Titel aufgeführt sind, ist das bei weitem nicht alles. Insgesamt gibt es nämlich mehr als 200 Beiträge allein in Bamberger Zeitschriften aus Hofmanns Feder. Fast alle Veröffentlichungen haben fränkische Themen zum Inhalt. Von Anfang an und immer wieder spielte die Erforschung rechts- und verfassungsgeschichtlicher Vorgänge eine große Rolle. Dieses Spektrum wurde aber ausgeweitet auf Lokalgeschichte allgemein, Volkskunde, Kunstgeschichte und Lebensbeschreibungen, ja, man wird kaum einen Themenbereich finden, dem sich sein sprühender Geist nicht zugewandt hat.
Aber das Bild des Menschen Michel Hofmann wird erst vollendet, wenn man auch die musische Seite seines Wesens einbezieht. Er liebte die Literatur und war ein Meister der lateinischen und griechischen Sprache. In den dreißiger Jahren arbeitete er mit Ernst Heimeran zusammen, in dessen Verlag er eine zweisprachige Anthologie „Antike Briefe“ und gemeinsam mit diesem eine weitere, „Antike Weisheit“ (mehrere Auflagen!), erscheinen ließ. Entdeckung und Übertragung der Werke klassischer Schriftsteller und Dichter, aber auch solcher des Mittelalters und besonders aus der Zeit des Humanismus begeisterten ihn. Groß waren auch seine musikalischen Fähigkeiten. Hofmann beherrschte Cello, Gitarre und Klavier und führte hausmusikalische Abende durch oder regte solche an. Er war auch ein guter Kenner der Musiktheorie, wovon noch seine Konzertkritiken Zeugnis geben. Übersetzungskunst und musikalische Fähigkeiten führten zu der kongenialen Zusammenarbeit mit dem Komponisten Carl Orff (1895–1982) bei der Entstehung der „Carmina Burana“. Michel Hofmann lieferte das Textbuch für die Uraufführung des Werkes im Jahre 1937 in Frankfurt am Main. Anläßlich des 100. Geburtstages von Orff im Jahre 1995 wurde am Haus Hainstraße 30 in Bamberg, in dem sich 1934 die Junggesellenwohnung von Hofmann befand und wo die Zusammenarbeit begann, von der Stadt Bamberg eine Gedenktafel zur Ehre des Komponisten und seines Freundes angebracht.

HEINRICH JOACHIM JAECK (1777–-1847)
BIBLIOTHEKAR, FORSCHER UND SCHRIFTSTELLER

von BERNHARD SCHEMMEL in BHVB 141 (2005) 196–-199
Den Bamberger Bibliothekar Heinrich Joachim Jaeck zu würdigen, fällt nicht leicht – der Spätgeborene sollte sich ihm nur in Ehrfurcht nahen. Die Verdienste für die gesamte regionale Geschichte und Kultur des 19. Jahrhunderts sind keineswegs aufgearbeitet. Allein das wissenschaftliche Oeuvre, an die 240 Titel, ist außerordentlich vielschichtig. Vieles ist trotz mancher Unzulänglichkeiten bis heute unverzichtbar, so das „Pantheon der Literaten und Künstler Bambergs“. Hans Fischer wird seinem Vorgänger in den „Lebensläufen aus Franken“ in glänzender Formulierung differenziert gerecht, Wilhelm Schleicher hat Jaeck und sein Wirken für die Königliche Bibliothek, die heutige Staatsbibliothek, knapp und treffend charakterisiert, Karl Klaus Walther würdigt den Kulturstifter, Wissenschaftler und Bewahrer von Bambergs literarischem Erbe vom externen Standpunkt.
Immerhin gibt es einen eindrucksvollen Erinnerungsort, die Staatsbibliothek in der Neuen Residenz, und hier insbesondere das „Vorstandszimmer“. Im ersten Stock, in einem 1733/1734 zum Gästezimmer umgebauten ursprünglichen Treppenteil, ist es ein leicht und beschwingt stuckierter Raum, der einen herrlichem Blick auf die Dächerlandschaft Bambergs und die umgebenden Jurahöhen ermöglicht. Der siebente Nachfolger, Fridolin Dreßler, hat es 1965 gestaltet, beim Umzug der damaligen Staatlichen Bibliothek ins neue Domizil am Domberg, und es gehört sicher zu den schönsten Amtszimmern Bayerns.
Hier sind die Biedermeiermöbel Jaecks repräsentativ, aber nicht museal angeordnet. Er hat sie den (vielleicht nicht so begüterten) Nachfolgern testamentarisch hinterlassen, mit der Auflage, sie nur verändern zu dürfen, wenn sie Besseres schafften. Das war nicht der Fall. Das Mobiliar ist bis in die jüngste Vergangenheit den funktionalen Erfordernissen entsprechend, aber stilvoll erweitert worden. Seit dem 200. Geburtstag des Bibliothekars im Jahr 1977 sind auf einem repräsentativen Biedermeierschrank (der Aufnahme in ein Handbuch gefunden hat) auch Teile des chinesischen „Dessert-Service“ ausgestellt, „welches einem Gabelfrühstücke mit fremden Gelehrten zur Ehre gereichen würde“ und das auf ewig unveräußerlich bleiben sollte (es hatte das anfängliche Jahresgehalt gekostet).
In diesem „Vorstandszimmer“ ist Jaeck „in effigie“ präsent, und er scheint sich in dem Raum inmitten der Porträts von Fürstbischöfen als später Gast keineswegs unwohl zu fühlen. Warum auch, ist die Bibliothek, die hier ihre Zentrale hat, doch (nicht nur nach seiner eigenen Vorstellung und Formulierung) sein geistiges Kind. Die Portraits des Erbauers dieses Residenz-Flügels, des jovial wirkenden Bamberger Fürstbischofs und Mainzer Kurfürst-Erzbischofs Lothar Franz von Schönborn, und des asketischen Sozialreformers, des Bambergischen und Würzburgischen Fürstbischofs Franz Ludwig von Erthal, prangen als Gegensatzpaar an der Wand zum Vorzimmer.
Jaecks Ölbild hängt zwischen den Fenstern der Stadtseite, über der Etagere mit dem gültigen gedruckten Handschriftenkatalog der Staatsbibliothek. Es ist eines von mehreren charakteristischen Porträts, und zeigt den Bibliothekar in der Fülle seiner Schaffenskraft. Ein 1816 erstmals publiziertes Kupfer hängt damit zusammen. Eine Kopie des Bildes hat der Mäzen Emil Frhr. Marschalk von Ostheim 1898 für die „Ahnengalerie“ der Bibliothek (heute im Vorzimmer) bei dem Maler Hans Kundmüller in Auftrag gegeben. Selbstbewußt, mit vollen Lippen, um die – wie auch um die Augen – ein fast schalkhaft-wissendes Lächeln zu spielen scheint, blickt Jaeck – anscheinend verständnisvoll – auf das Tun und Treiben seiner Nachfolger. Das ist ein etwas anderes Bild, als die ihm attestierte Merk-Würdigkeit im Doppelsinn, die sonderbaren, fast bizarren Eigentümlichkeiten seiner Persönlichkeit.
Jaeck hat den Kontakt mit Kollegen, Gelehrten und mit vielen anderen Menschen, auch auf Reisen, durchaus gesucht. Er bekannte von sich, daß die trockene Bibliotheksarbeit einen Ausgleich im mehr geselligen Bereich erfordere. Freuden des Lebens war er nicht verschlossen. Als fast väterlicher Förderer hat er Joseph Heller zur wissenschaftlichen Tätigkeit angeregt, als Freund verbanden ihn mit dem Arzt Johann Lukas Schönlein nicht nur gleiche freiheitliche Gesinnungen. Literarischen Gästen gegenüber erwies er sich als unermüdlich gefällig.
Auf die Barrikaden stieg Jaeck aber, wenn die Interessen der Bibliothek oder gar deren Eigenständigkeit geschmälert zu werden drohten, wenn er Konkurrenz fürchtete. Mit Personen seines Umkreises konnte er streng ins Gericht gehen, wenn er glaubte – ob zu Recht oder nicht – Zweifel an der richtigen Berufung äußern zu müssen. Letztendlich ist für uns aber nicht entscheidend, ob seine Persönlichkeit auf Anhieb Sympathie erwecken kann, sondern die Leistung, die bleibt. „Unbeweibt und unbekindert“, so eine seiner Formulierungen in den Literaten-Biographien, war der Exzisterzienser Langheims nicht nur höchst geschickt und außerordentlich arbeitsam, sondern unermüdlich, aufopfernd und rastlos bibliothekarisch, literarisch und wissenschaftlich tätig. Dabei kam er mit wenig Schlaf aus. Energisch und streitbar formte er die säkularisierten Büchermassen zu einer Sammlung. Anfangs tat er das mit Hilfe des gutmütig-fleißigen Exkapuziners Alexander Schmötzer und oft gegen den lustlos-trägen früheren Universitätsbibliothekar Konrad Frey. Ab 1815 war er allein „funktionierender Bibliothekar“ bis 1847, dabei häufig ohne festen Etat, auf Makulatur- und Doublettenverkauf, Geschenke, die schriftstellerische Tätigkeit und seinen eigenen „patriotischen Beutel“ angewiesen.
Die in die Universitätsbibliothek eingegliederten Bücher waren in einem pragmatischen standortgebundenen System aufgestellt und bereits ab 1805 benützbar. Mit gutem historischem Gespür, freilich durchaus von aufklärerischen Vorstellungen hinsichtlich „Brauchbarkeit“ durchdrungen, hat Jaeck nicht nur das Überkommene bewahrt, sondern ganze Sammlungen selbst zusammengebracht, so die von Drucken und Handschriften zur Geschichte Bambergs (gewissermaßen eine Regionalbibliothek). Die Erschließung und die Vermittlung an die Öffentlichkeit in z. T. selbst finanzierten Publikationen waren für die damalige Zeit beispielgebend.
Dabei sollte die Bibliothek nicht zu einem Museum erstarren (auch die Versuche, die Stadt Bamberg in die Pflicht zu nehmen, sind hier zu erwähnen). Jaeck gründete eine Lesegesellschaft, nach damaligem Gebrauch „Museum“ genannt. Deren Mitglieder sollten vor allem aktuelle Zeitschriften finanzieren und zirkulieren, aber nach der Lektüre der Bibliothek zukommen lassen. Wenngleich die Institution später von der Bibliothek getrennt wurde und im Rahmen der Bürgergesellschaft „Harmonie“ eigene Wege ging, so hat Jaeck sich dort weiterhin eingebracht.
Eine Handlungsplattform war ihm der Historische Verein. Jaeck gehört zu den Gründungsmitgliedern (wie beim Kunstverein) und bereicherte ihn mit seiner respektablen Gemäldesammlung. Nach der kurzen Tätigkeit Paul Oesterreichers war er bis zu seinem Tod Vereinssekretär (1831–1847) und hielt häufig Vorträge auf den Versammlungen, auch den mit dem Bayreuther Historischen Verein gemeinsam abgehaltenen. Die Vereinsprotokolle der anfangs monatlichen Sitzungen und die regelmäßigen Zusammenfassungen der Vereinsziele spiegeln seine Tätigkeit. Erwähnt sei sein frühes Projekt der Edition des 1300/1313 vollendeten „Renners“ des Bamberger Schulrektors Hugo von Trimberg. Die Erlanger Handschrift konnte zur Abschrift durch den Sekretär Joseph Hellers ausgeliehen werden. Die Publikation ist eine damals epochemachende Tat gewesen. Die Protokolle zeigen freilich bald die in den Personen begründeten Empfindlichkeiten und daraus sich ergebenden Animositäten.
Jaeck ist für den Historischen Verein so tätig geworden, wie das heute selbstverständlich ist: Fachleute der Institutionen, bei denen jetzt die Sammlungen deponiert sind, bringen ihre Arbeit ein, damit die reichen Vereinsbestände der Öffentlichkeit, sachgerecht aufbereitet, zur Verfügung gestellt werden können. Dabei gibt es keine Konkurrenzsituation und keine ungewollten Überschneidungen. Der Historische Verein hat sich nicht selten als Sammelbecken für reiche, sonst womöglich der Gefahr der Vernachlässigung ausgesetzte Bereiche erwiesen. Es ist gut zu verstehen, daß der Bürger einer von ihm mitgetragenen Institution sein Erbe gerne anvertraut.

ALFRED KÖBERLIN (1861-–1902)
PIONIER WIRTSCHAFTSGESCHICHTLICHER UND HISTORISCH-GEOGRAPHISCHER REGIONALFORSCHUNG

von WILFRIED KRINGS in BHVB 141 (2005) 200–-203
In seiner programmatischen Jubiläumsrede von 1907 gedachte der Lyzealprofessor Dr.Anton Dürrwaechter, der damalige Vorsitzende des HVB, dreier unlängst verstorbenerverdienter Mitglieder. Neben Friedrich Leist und Heinrich Weber nennt er an erster Stelle Alfred Köberlin. Für Dürwaechter war der promovierte Gymnasiallehrer der feine Erforscher des historischen Landschaftsbildes um Bamberg, der eine Epoche der Wirtschaftsgeschichte bei uns hätte inaugurieren können. In seinen weiteren Ausführungen sprach Dürwaechter die jetzt im Mittelpunkt einer regen historischen Forschung stehenden Fragen der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an; Alfred Köberlin habe das Verdienst, einzelnes aus ihr in glücklichster Weise angegriffen zu haben.
Dies traf zu, beschrieb aber nur einen Teil der Leistung Köberlins. Der andere, ebenso zukunftsweisende Teil ist der Historischen Geographie zuzurechnen, bei der es um die Rekonstruktion von Landschaftszuständen in der Vergangenheit geht. Beide Wissenschaftsgebiete, die mit- und ineinander verwoben waren und sind, hatten gegen Ende des 19. Jahrhunderts wichtige Impulse erfahren. Köberlin orientierte sich daran und setzte die neuen Betrachtungsweisen auf der Grundlage intensiver Quellenforschung in Bamberg um.
Alfred Köberlin stammte aus Schweinfurt, wo er am letzten Tag des Jahres 1861 geboren wurde. Er studierte in Erlangen und wurde dort auch promoviert. 1890 kam er nach Bamberg an das Neue Gymnasium, das als zweite Anstalt den Unterricht aufnahm und das bereits bestehende, überlastete zum nunmehrigen Alten Gymnasium werden ließ. Untergebracht war es in einem repräsentativen Neubau an der Franz-Ludwig-Straße im südlichen Erweiterungsgebiet der Inselstadt. Nach nur zehnjähriger Tätigkeit in Bamberg wurde Köberlin 1900 in die Bayerische Pfalz versetzt, und zwar an das seit 1880 als Vollanstalt bestehende Gymnasium in der Bezirksamtsstadt Neustadt an der Haardt. Dort verstarb er im Alter von 40 Jahren als Opfer einer „tückischen Krankheit“. Bestattet wurde er in Nürnberg, dem neuen Wohnort seiner Witwe.
Im Historischen Verein war Köberlin Mitglied des Ausschusses und gemeinsam mit einem Kollegen, Dr. Johann Schmaus, „Conservator der prähistorischen Sammlungen“. Der wissenschaftliche Nachlaß Köberlins wird im Stadtarchiv Bamberg verwahrt.
Die junge Zeitschrift „Deutsche Geschichtsblätter. Monatsschrift zur Förderung der landesgeschichtlichen Forschung“ veröffentlichte einen Nachruf aus der Feder ihres Gründers Armin Tille. Für wirtschaftsgeschichtliche Arbeiten, wie Köberlin sie vorlegte, gab es noch keine Fachzeitschrift. Erst 1903 kam mit der „Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ ein besonderes Organ zustande, das zum „Flaggschiff der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte“ wurde.
Zu den erwähnten Detailfragen, die Köberlin aufgriff, gehörte die der Viehhaltung im alten Bamberg. Er hielt darüber im Winter 1895 einen Vortrag vor dem Historischen Verein. In einer posthum veröffentlichten Fassung heißt es: „Bis zum Jahr 1481 trieben sich in allen Straßen ungezählte unbeaufsichtigte Schweine herum, darunter besonders viele mit Glöckchen versehen, sogenannte Antonierschweine. Man verstand darunter Schweine, die ein Privileg, das der freien Fütterung durch mildtätige Bürgersleute genossen. Das Eigentumsrecht an diesen Schweinen besaß das Kloster St. Antoin(e) in der Dauphiné, das nicht nur in Bamberg, sondern auch in Regensburg und Memmingen eigene Bedienstete hielt, die von Zeit zu Zeit dem fernen französischen Kloster Rechnung zu legen hatten. In Bamberg benützten arme Leute, manchmal aber auch wohlhabende Bäcker – die größten Schweinezüchter der Stadt – diese eigentümliche Sitte, um auch ihrerseits ein oder mehrere Schweine als Petelsweye auf die Gassen zu schlehen, d. h. in der Stadt unbeaufsichtigt herumziehen zu lassen. Dagegen schritten nun Schultheiß und Rat in dem J. 1481 u. 1490 energisch ein. Die Zahl der Antonierschweine wurde 1481 unter dem Schultheiß von Guttenberg auf 6 festgesetzt, alle übrigen Bettelschweine aber abgeschafft. Ebenso wurde ein Verbot erlassen, die großen Schweineherden der Bäcker und Müller unbeaufsichtigt durch die Stadt zur Tränke gehen zu lassen. Die Stadt hatte an 4 Punkten städtische Schweineställe errichtet und dort waren sämtliche Schweine in Privatoder Genossenschaftsbesitz unterzubringen.“
Was um 1900 noch als Kuriosum und kaum als Gegenstand ernsthafter Forschung erscheinen mochte, fügt sich heute, nachdem eine Vielzahl ähnlich ausgerichteter Detailstudien vorliegt, in das vielfarbige Bild der west- und mitteleuropäischen Stadt des Spätmittelalters ein. Selbst Paris lieferte dazu ein paar kräftige Pinselstriche.  Die wirtschafts- und sozialgeschichtliche Betrachtungsweise ist zudem mittlerweile in einem weiter gefaßten umweltgeschichtlichen Ansatz aufgegangen.
Unter den wenigen größeren Arbeiten, die Köberlin zu Lebzeiten veröffentlichen konnte, verdient an erster Stelle seine Abhandlung über die Landschaftsentwicklung im Bamberger Raum Beachtung. Was dem Titel nach als trivialer heimatkundlicher Beitrag erscheinen mag, erweist sich bei näherem Hinsehen als methodisch überregional bedeutsame Leitstudie der Historischen Geographie moderner Prägung.
Grundlage war die Erkenntnis, daß Landschaft nicht ein starres Bühnenbild ist, vor dem sich die lebendige Geschichte abspielt, sondern daß Landschaft selbst eine Geschichte hat. Diese Geschichte wurde zu einem mit der Zeit wachsenden Anteil vom Menschen geformt. Landschaft wurde auf diese Weise zur „Kulturlandschaft“, wobei unter dem Vorsatz „Kultur-„ zunächst einmal die „Bodenkultur“ im weitesten Sinne zu verstehen ist, da im 19. Jahrhundert die Landwirtschaft noch die dominierende Prägekraft war.
Dementsprechend setzte Köberlin voraus, daß in historischer Zeit eine Menge Faktoren in Wirksamkeit waren, ja zum Teil jetzt noch geschäftig sind. Zu diesen zählen die Veränderungen der Erdoberfläche, die Forschungsgegenstand der Geomorphologie sind. Er geht darauf zwar nur kurz in der Einleitung ein (Spuren geoplastischer Änderungen), kann aber immerhin Belege für die charakteristischen, bis heute vorkommenden Hangrutschungen an der Altenburg beibringen. Außerdem weist er auf den Bergsturz hin, der sich 1625 am Nordhang des Wiesenttals bei Gasseldorf ereignete.
Die Darstellung umfaßt zwei Hauptteile. Der erste Teil behandelt „Das hydrographische Bild unseres Gebietes und seine Umgestaltungen in historischer Zeit“. Darin ist zusammengestellt, was über Eingriffe an Regnitz und Main sowie über die Entwicklung der Bamberger Teichwirtschaft in Erfahrung zu bringen war. Im zweiten Teil widmet sich Köberlin dem Thema „Historisch erweisbare Änderungen im Vegetationsbild“, wobei er untergliedert in „Die Umschaffung von Waldland in freies Kulturland“ und in die „Vegetationsveränderungen im freien Kulturland, Garten und Park“. In diesem letzteren Teil kommen die verschiedenen Feldfrüchte zur Sprache, so u. a. „Das Süssholz in der Bamberger Gärtnerei“.
Die Ausführungen sind eine reiche Fundgrube. Sie belegen, welche Bedeutung der Mensch als Gestalter der Landschaft hatte und daß er sich beispielsweise auch Einflüsse von außen zunutze gemacht hat. Angeregt wurde Köberlin vermutlich durch Josef Wimmer, der eine Historische Landschaftskunde vorgelegt und darin zwischen historischer Naturlandschaft, historischer Kulturlandschaft sowie historisch-politischer Landschaft unterschieden hatte. Vorbereitet hatte Wimmer dieses Werk mit Studien, die als Schulveröffentlichungen erschienen waren. Dadurch könnte Köberlin Kenntnis von Ansatz und Vorgehensweise bekommen haben. Eine unmittelbare Nachfolge fand Köberlins historisch-geographische Initiative zunächst nicht. Zu nennen ist allenfalls eine – nicht auf ihn Bezug nehmende – Arbeit über den Würzburger Raum.

PAUL KÖTTNITZ (1875–-1954)
VERWALTUNGSBEAMTER UND VEREINSVORSITZENDER

von LOTHAR BRAUN in BHVB 141 (2005) 204–-207
Paul Köttnitz wurde am 28. April 1875 in Hohenleuben in Thüringen, damals im Fürstentum Reuß jüngerer Linie, geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Greiz, wo sein Vater Leibarzt des Fürsten Heinrich XXII. von Reuß älterer Linie und Physikus des Fürstentums war. Seine Mutter stammte als Angehörige des Geschlechts der Freiherrn Zobel von Giebelstadt jedoch aus Franken, wo Paul dann die wesentlichen Teile seines Lebens und Wirkens verbringen sollte. Nachdem sein Vater das Kurhaus in Streitberg übernommen hatte, besuchte der Sohn von 1887 bis 1894 als Zögling des Aufseesianums das Alte Gymnasium in Bamberg und studierte anschließend ein Jahr Philosophie am Lyzeum in Bamberg. Dann oblag er dem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität München und schloß dieses 1898 mit der Staatsprüfung ab. Nach der praktischen Ausbildung in München entschied er sich für die Laufbahn eines Verwaltungsbeamten.
Zunächst weilte er nur kurz in Bamberg, und zwar als Ratsassessor beim Stadtmagistrat 1902/03. Nach weiterer Tätigkeit als Regierungsakzessist in Bayreuth wirkte er ab 1905 als Bezirksamtsassessor am Bezirksamt (Bad) Neustadt a. d. Saale. 1912 wurde er an das (für Bamberg-West zuständige) Bezirksamt Bamberg II versetzt, das sein Dienstgebäude im Ebracher Hof am Unteren Kaulberg hatte. Hier blieb er bis 1920, als er zum Bezirksoberamtmann in Burglengenfeld berufen wurde. Doch bereits am 1. Juli 1925 kehrte er als Amtsvorstand mit dem Titel eines Oberregierungsrats an das Bezirksamt Bamberg II zurück und bei dessen Vereinigung mit dem (für Bamberg-Ost zuständigen) Bezirksamt Bamberg I am 1. Oktober 1929 wurde er Vorstand des ungefähr dem heutigen Landkreis entsprechenden Bezirksamtes (seit 28. November 1938: Landkreises) Bamberg.
Die Ereignisse des Jahres 1933 brachten Köttnitz in einen tiefgreifenden Konflikt. Als entschiedener Gegner des Nationalsozialismus und als Verfechter einer nach rechtsstaatlichen Grundsätzen ausgerichteten Verwaltung stand er nun einem totalitären Regime gegenüber, das demokratische Strukturen sehr schnell abbaute, ja sogar bekämpfte. Köttnitz war nicht nur Amtsvorstand des größten bayerischen Bezirks, sondern er war als Stadtkommissar der verlängerte Arm der Regierung von Oberfranken für die kreisfreie Stadt Bamberg. Bereits im März 1933 begann seine schrittweise Verdrängung aus dem Amt, es folgte eine zwangsweise Beurlaubung, und zum 1. Dezember 1933 die Versetzung an die Regierung von Unterfranken in Würzburg, wo ihm zwei völlig unpolitische Referate, nämlich der Landesfürsorgeverband und das Stiftungswesen, übertragen wurden, die ihm sehr zusagten. Er führte diese Tätigkeit auch nach Erreichen der Altersgrenze 1940 wegen der Kriegszeit fort und suchte erst nach dem Inferno Würzburgs am 16. März 1945 um seine Versetzung in den Ruhestand nach. Mit seiner letzten dienstlichen Tätigkeit fühlte sich Köttnitz auch noch im Ruhestand verbunden, indem er die beim Brand Würzburgs zerstörten Stiftungsakten der Regierung rekonstruierte.
Nach dem Verlust von Wohnung, Hab und Gut kehrte er im Spätsommer 1945 nach Bamberg zurück. Hier war ihm noch ein knappes Jahrzehnt eines rastlosen Ruhestandes beschieden. Ein jäher Tod ereilte ihn am 2. Dezember 1954 in Bamberg.
Neben seiner von großem Einsatz geprägten beruflichen Tätigkeit förderte Köttnitz an all seinen Wirkungsorten in besonderer Weise kulturelle Bestrebungen. Diese Bemühungen galten in Bamberg vor allem dem Historischen Verein, dem er spätestens 1897 beigetreten war. Am 16. Oktober 1912 wurde er zum Schatzmeister gewählt und am 16. November 1917 übernahm er nach dem überraschenden Tod Professor Dürrwaechters das Amt des Ersten Vorsitzenden, das er bis zu seinem Weggang nach Burglengenfeld bekleidete. Zur Förderung des ihm besonders wichtig erscheinenden Heimatbewußtseins begründete er erstmals für 1920 die jährlich erscheinenden Heimatblätter als volkstümliches Vereinsorgan. Wie sehr er mit dem Verein bereits verwachsen war, geht daraus hervor, daß er 1923 in einem (erfolglosen) Versetzungsgesuch auf seine Beziehungen ... mit dem Frankenland, nicht zuletzt jene aus meiner Mitgliedschaft und zeitweiligen Vorstandschaft im dortigen Historischen Verein, ausdrücklich hinwies. Nach seiner Rückkehr 1925 gehörte er bis zur Neuwahl am 17. Oktober 1933 dem Vereinsausschuß an. Eine äußerst schwierige Aufgabe übernahm er am 11. Mai 1946 mit seiner Wiederwahl zum Ersten Vorsitzenden des Historischen Vereins. Zwar hatte der traditionsreiche Geschichtsverein die Zeit des Nationalsozialismus und insbesondere die Kriegszeit einigermaßen unbeschadet überstanden, die Wiederherstellung einer demokratischen Verfassung, die Sammlung des verstreuten Vereinsinventars und die Wiederaufnahme einer geordneten Vereinstätigkeit bedurften aber größter Anstrengungen, die Köttnitz zusammen mit dem Zweiten Vorsitzenden, Staatsarchivdirektor Wilhelm Biebinger, auf sich nahm. So trägt die am 26. Februar 1949 von der Mitgliederversammlung verabschiedete neue Vereinssatzung deutlich seine Handschrift.
Doch gingen die Blicke von Paul Köttnitz über den Historischen Verein hinaus. Gerade in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg war er auch in anderen Bereichen mitgestaltend tätig: So im Vorsitz der Photographischen Gesellschaft, den er zum dritten Mal übernahm, in dem von ihm gegründeten Kulturkreis, einer lockeren Dachorganisation für kulturelle Bestrebungen aller Art in Bamberg, und als Zweiter Vorsitzender der „Freunde der Hochschule Bamberg“ (heute: Universitätsbund). Dazu kam – wie schon in den zwanziger Jahren – eine umfangreiche Vortragstätigkeit in Stadt und Land über heimatkundliche Themen. Es war deshalb eine Anerkennung seines vielseitigen Wirkens, daß „dem verdienten Förderer der Heimat“, so die Inschrift auf seinem Grabstein, 1952 als erstem Bamberger das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.

OSKAR KRENZER (1857-1939)
GYMNASIALPROFESSOR UND FORSCHER

von BERNHARD SCHEMMEL in BHVB 141 (2005) 208-–210
Oskar Krenzer wurde am 25. November 1857 in Bad Orb im nördlichen Spessart als Sohn eines (späteren) Magistratssekretärs geboren. Nach der Übersiedlung seiner Eltern nach Aschaffenburg besuchte er das dortige Gymnasium und studierte an den Universitäten München und Würzburg Klassische Philologie und Geschichte. 1880 legte er das Staatsexamen ab. Nach Tätigkeiten an Gymnasien in Speyer, Passau, Regensburg, Eichstätt und Schweinfurt wurde er 1903 auf seinen Antrag an das Neue (heute Franz-Ludwig-) Gymnasium in Bamberg versetzt. 1921 wurde er hier Oberstudienrat, zwei Jahre später in den Ruhestand versetzt. Er war nicht nur ein ausgezeichneter, bei Schülern und Kollegen beliebter Lehrer, sondern auch ein Gelehrter von Rang im Bereich der Geschichte und Literaturgeschichte.
Krenzer gilt als der geistige Vater der E. T. A. Hoffmann-Renaissance in Bamberg (und der E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft). Immer noch lesenswert sind seine Arbeiten „Das geistige und gesellschaftliche Leben Bambergs zu Beginn des 19. Jahrhunderts“ (1920) und „E. T. A. Hoffmann und Bamberg“ (1922). Bei der ersten handelt es sich um einen ursprünglich auf der 16. Versammlung der Gesellschaft für fränkische Geschichte gehaltenen Vortrag (Krenzer war Wahlmitglied und arbeitete u. a. an den von der Gesellschaft herausgegebenen „Lebensläufen aus Franken“ mit). In den „Mitteilungen der E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft“ würdigte Wilhelm Ament diese Publikationen und die Persönlichkeit Krenzers.
Er war mit reichem und tiefgründigem Wissen begabt, dabei gütig, humorvoll und bescheiden. Gerne gab er aus dem reichen Schatz seines Wissens und seiner Erfahrung anderen etwas weiter. Dies äußerte sich in zahlreichen Vorträgen, namentlich beim Historischen Verein, und in Publikationen, in den Berichten des Historischen Vereins sowie in Heimatbeilagen. Er war lange im Beirat des Vereins, 1916/17 hatte er die Aufgabe eines stellvertretenden Schriftführers inne und er wurde dessen Ehrenmitglied. Nach kurzer schwerer Krankheit starb er am 20. Februar 1939 in Bamberg und hinterließ seine Witwe Fanny, geb. Rug.
Krenzer besaß eine ungewöhnlich große und qualitätvolle wissenschaftliche Bibliothek zur Geschichte, Kunst und Literatur (darunter wertvolle Erstausgaben), deren Umfang mit ca. 11 500 Bänden zu beziffern ist. Die auf die Romantik und auf E. T. A. Hoffmann bezogenen Teile davon, insgesamt 44 Bände, erwarb die E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft für das E. T. A. Hoffmann-Museum. 1940 kaufte die Stadt Bamberg die verbliebene Sammlung um 13 500 Mark und deponierte sie über der Marienkapelle der Michelsberger Kirche. Die Idee, daraus eine Stadtbücherei zu begründen, hat man nach dem Krieg mit Recht aufgegeben. Am 8. Januar 1962 ging das Eigentum an der Krenzer-Bibliothek an die (heutige) Staatsbibliothek Bamberg über, die die Auflage der geschlossenen Aufstellung (bei der Signaturengruppe „30.“) erfüllte.
Die Sammlung wurde von Anneliese Kayser katalogisiert, und die Katalogisate von Anni Gruberbauer in den Dienstkatalog der Staatsbibliothek übertragen. Ca. 3 000 Doubletten erhielt die neu gegründete Universitätsbibliothek Regensburg im Jahr 1965, die dafür die Summe von 9 000 DM zahlte. Bambergensien und Franconica hatte man zunächst zurückgestellt, da man davon ausging, daß diese Bücher in Bamberg vorhanden sind. Dieser Komplex wurde aber in den letzten Jahren komplett ebenfalls in der Staatsbibliothek aufgestellt, da angesichts der Benützungsintensität Zweitexemplare durchaus erwünscht sind.

FRIEDRICH LEIST (1829–-1903)
SAMMLER, FORSCHER UND SCHRIFTSTELLER

von LOTHAR BRAUN in BHVB 141 (2005) 211-–213
Karl Josef Friedrich Leist entstammt väterlicherseits einer aus Württemberg um die Mitte des 18. Jahrhunderts nach Bamberg eingewanderten Kaufmannsfamilie. Sein Großvater Johann Stephan Leist, geboren 1728 in Löffelstelzen bei (Bad) Mergentheim und gestorben 1800 in Bamberg, war während der Regierungszeit des Fürstbischofs Adam Friedrich von Seinsheim (1757–1779) Hoflieferant für Spezereiwaren und hatte 1759 ein entsprechendes Handelsgeschäft in Bamberg gegründet. Bereits 1757 läßt er sich als Eigentümer des Hauses zum Schwarzen Rad, früher Austraße 7, heute Obstmarkt 7, nachweisen. 1797 erwarb er das nach dem Brand 1789 nach Plänen des Hofarchitekten Lorenz Fink wieder aufgebaute Doppelhaus Lange Straße 13, an dessen früheren Torbögen sich noch heute die Monogramme Leists und dessen Ehefrau Barbara befinden. Ihr Sohn Kaspar Leist (1784–1865) betrieb das Geschäft im Haus zum Schwarzen Rad weiter, das – auch nach dem Neubau von 1976 – als Leisthaus in Bamberg noch allgemein bekannt ist.
Dort wurde Friedrich Leist am 26. September 1829 geboren. Bis 1846 besuchte er das Gymnasium in Bamberg und studierte anschließend Rechtswissenschaften an den Universitäten Erlangen und Würzburg. Die Staatsprüfung legte er 1852 ab. Als Bezirksgerichtsassessor und Untersuchungsrichter trat er 1857 in den Staatsdienst ein, 1862 wechselte er an das Stadtgericht Bamberg und 1865 wurde er zum Landrichter in (Bad) Berneck ernannt, wo er neun Jahre blieb. Nach seiner Rückkehr nach Bamberg wirkte er wiederum am Stadtgericht und wurde 1879 als Oberamtsrichter Vorstand des Amtsgerichts Bamberg I. Als solcher wurde er – seit 1890 mit dem Rang und Titel eines Oberlandesgerichtsrates ausgezeichnet – 1899 in den Ruhestand versetzt. Er starb am 3. Februar 1903 in seiner langjährigen Wohnung Karolinenplatz 1, heute Domplatz 1, in Bamberg. Verheiratet war er seit 1855 mit Anna Schneider (1825–1902) aus Bamberg. Beider einziger Sohn Dr. med. Joseph Wilhelm Ignaz, genannt Inigo, Leist, geboren am 16. Mai 1856 in Bamberg, war praktischer Arzt in
Berlin und starb 1919.
Friedrich Leist war im kulturellen und gesellschaftlichen Leben unermüdlich tätig. Zu seiner Verabschiedung von Berneck 1874 bereitete ihm der dortige Magistrat und der „Musikdilettanten-Verein“ einen großen Ehrungsabend. In Bamberg war er dem Historischen Verein sehr verbunden, dem er seit 14. Juni 1860 als ordentliches Mitglied angehörte. Von 1886 bis zu seinem Tod bekleidete er das Amt des I. Schriftführers. Beim goldenen Vereinsjubiläum, das beim Erscheinen des 50. Berichts am 24. Juli 1888 gefeiert wurde, hielt er die von vaterländischer Begeisterung getragene Festrede.
Besondere Anerkennung brachten ihm seine zahlreichen Veröffentlichungen, allen voran sein Bamberg-Führer und die Geschichte des Bamberger Theaters. Nach den längst vergriffenen Schriften von Heinrich Joachim Jaeck und Joseph Heller hatte es kein neues handliches Buch über Bamberg mehr gegeben. Leist bearbeitete fern von Bamberg, wie er im Vorwort zur ersten Auflage schreibt (damals weilte er in Berneck!), seinen Führer durch die Stadt und ihre Umgebung für Fremde und Einheimische, der 1873 in erster, 1879 in zweiter und 1889 in dritter Auflage erschien. Bescheiden schreibt er im Vorwort zur ersten Auflage weiter, es handele sich bei seinem Werk nicht um das Ergebnis selbständiger Forschungen, sondern um die Zusammenstellung älterer und neuerer Forschungsergebnisse. Jedenfalls entstand ein für die damalige Zeit auch in typographischer Hinsicht ansprechendes Handbuch über Bamberg mit zahlreichen Abbildungen, das die Kunstwerke und sonstigen Besonderheiten der Stadt umfassend darstellt, dem allerdings – zeitbedingt – die Würdigung der barocken Kunst noch schwer fällt. Gleichwohl befaßte sich Leist in einem gedruckten Vortrag, den er am 8. April 1889 im Historischen Verein gehalten hatte, mit der Neuen Residenz und dem Baumeister Johann Jakob Michael Küchel.
Mehrere Jahrzehnte beschäftigte er sich mit der Geschichte des Bamberger Theaters. Zunächst sammelte er alle für ihn erreichbaren Dokumente aus der Vergangenheit der verschiedenen Bühnen, die sich durch einen raschen Wechsel auszeichneten. Das gesammelte Material fügte er zu Bänden zusammen, die über Emil Freiherr Marschalk von Ostheim (1841–-1903) in die Staatsbibliothek Bamberg gelangt sind. Seine erste gedruckte Theatergeschichte vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Jahr 1862 veröffentlichte er 1863 im 26. Bericht des Historischen Vereins. Eine völlige Neubearbeitung dieses Abschnitts erschien 1893 im 55. Bericht. Die Fortsetzung der Theatergeschichte von 1863 bis in die neueste Zeit lag bei Leists Ableben als Manuskript fast druckfertig vor, wurde aber nicht mehr veröffentlicht und ist heute verschollen.
In zahlreichen, meist kleineren Abhandlungen befaßte sich Leist mit volkskundlichen Themen. Auch daraus werden seine breitgestreuten Interessen erkennbar, die ihn als markanten Bamberger Vertreter des Bildungsbürgertums erscheinen lassen.

FRANZ SERAPH WILHELM FREIHERR VON LERCHENFELD (1775–-1846)

von Marina Scheinost in BHVB 141 (2005) 214–-219
Franz Seraph Wilhelm Freiherr von Lerchenfeld-Aham wurde am 2. Juni 1775 in Ingolstadt geboren. Er besuchte das Gymnasium in Amberg. Am 3. September 1800 wurde er zum Priester geweiht, am 6. September 1800 Curatus. Im Jahr 1803 wurde er als Pfarrer in Schambach bei Riedenburg eingesetzt. Am 4. September 1814 trat er nach elf Jahren in Schambach sein Amt als Dekan und Stadtpfarrer in der Pfarrei St. Martin in Amberg an. Die Armenfürsorge war ihm ein wichtiges Anliegen und so setzte er sich in Amberg für die Einrichtung einer Beschäftigungsanstalt für Arme ein, die sie vom Betteln abhalten sollte, denn das Betteln und Almosenreichen an Bettler zieht Bettler und Heuchler herbei. Die Finanzierung beabsichtigte er vor allem durch Spenden zu gewährleisten. In seiner Antrittspredigt nannte er aufgeteilt nach ärmeren und reicheren Familien sogleich die Beträge, die er als freiwillige Spenden zu erhalten hoffte. Lerchenfeld unterrichtete an den Schulen Religion und wurde während seiner Zeit in Amberg zum Distriktschulinspektor ernannt.
Die Erhebung des Bistums Bamberg zum Erzbistum am 22. September 1821 und die damit verbundene Errichtung der erzbischöflichen Stellen brachte Lerchenfeld nach Bamberg. Dort wurde er am 28. Oktober 1821 zum Dompropst ernannt. Lerchenfelds Bruder, der Finanzminister Maximilian Emanuel Freiherr von Lerchenfeld (1778–1843) hatte versucht, ihn als Bischof von Regensburg zu empfehlen, war damit aber gescheitert. Lerchenfeld galt in seinem Amt in Schambach zwar als sehr guter Redner, aber als ebenso schlechter Wirtschafter. Vor allem mußte er sich gegen Vorwürfe wegen übermäßigen Ehrgeizes, wegen eines unsittlichen Lebenswandels – er soll eine uneheliche Tochter und eine Beziehung zu einer in Trennung lebenden Frau gehabt haben –, wegen Schulden und der Beschuldigung, daß er dem Spiele erlegen sei, verteidigen. Dies alles verhinderte wohl seine Berufung zum Bischof von Regensburg und so wurde er als Propst für Bamberg vorgeschlagen. Bereits am 16. Mai 1819 hatte der Bayerische Gesandte am päpstlichen Hof in Rom, Kardinal Casimir Freiherr von Haeffelin (1737–-1827), bei Kardinalstaatssekretär Ercole Consalvi (1757–1824) die Liste der Pröpste eingereicht, die im Sinne des Königs vom Papst ernannt werden sollten. Am 2. Juli 1821 war die Liste dann abgeschlossen und von Lerchenfeld definitiv als Propst in Bamberg vorgesehen. Da er es vorzog, in Amberg zu bleiben, lehnte er das Amt ab, wurde aber trotzdem nach Bamberg versetzt.
Mit seiner Ankunft in Bamberg im Jahr 1821 bat er König Maximilian I. Joseph darum, nicht wie vorgesehen in den Weihbischofshof, sondern in die Dompropstei einziehen zu dürfen. Der dortige Garten hatte seit einiger Zeit bereits sein großes Interesse gefunden und er verwendete anschließend einen großen Teil seines Vermögens, nämlich ca. 12 000 Gulden, dafür, die Dompropstei und den dazugehörigen Garten zur Verherrlichung Gottes wieder instand zu setzen. Am 14. September wurde er zum Präsidenten der Konsistorien in Ehesachen I. und II. Instanz und des Geistlichen Ratskollegiums ernannt. Am 22. Januar 1823 wurde er Träger des Großkreuzes des königlich bayerischen Hausritterordens des hl. Michael. Nach einem Besuch König Ludwigs I. in Bamberg im August 1826 wurde auf Wunsch des Königs eine Innenrenovierung des Bamberger Domes geplant. Schon am 15. August 1826 berief das Metropolitan-Kapitel Dompropst von Lerchenfeld in die neu gebildete Baukommission.
Lerchenfelds Verbindung nach Amberg riß nie ab und bei jeder Gelegenheit, besonders in seinen Predigten bei Besuchen in Amberg, gab er dieser tiefen Verbundenheit Ausdruck. Als 1831 die Pfarrei Amberg wieder besetzt wurde, hatte Lerchenfeld sich überlegt, erneut nach Amberg zu gehen, denn es waren entsprechende Wünsche an ihn herangetragen worden. Doch er verwarf diese Absicht wieder, weil er der Meinung war, daß er den Aufgaben eines Seelsorgers körperlich nicht mehr gewachsen war. Wie beliebt Lerchenfeld trotz der oben genannten Anschuldigungen in Amberg gewesen sein muß, zeigt die Anzahl von 60 000 Gläubigen, die zur Feier des 200. Jubiläums der Wallfahrtskirche Maria Hilf bei Amberg im Jahr 1834 gekommen waren, zu der er vom Stadtmagistrat in Amberg eingeladen worden war, um am 2. Juli das Hochamt und am 3. Juli die Predigt zu halten. Auch seine Wahl zum Ehrenbürger der Stadt Amberg durch den dortigen Stadtmagistrat am 22. Juni 1841 zeigt, daß selbst 20 Jahre nach seinem Weggang aus Amberg sein Wirken dort große Anerkennung gefunden haben muß.
Lerchenfelds Hauptinteressen lagen – wie bereits erwähnt – in der Seelsorge und in der Unterstützung der Armen. In Bamberg engagierte er sich sehr für taubstumme Schüler. 1835 gelang es ihm, nach fast zwei Jahren der Vorbereitung einen Verein zu gründen, der sich um die Unterstützung und den Unterhalt der unvermögenden taubstummen Schüler an der Bamberger Schulanstalt kümmerte. Mit dem Druck und Verkauf von Predigten und über Spendenaufrufe, deren Erlös den Schülern zugute kam, versuchte er, Mittel für den Unterhalt zu erwirtschaften. Da sein Einsatz in dieser Hinsicht bekannt war, wurde er etwa im Fall des ersten Bürgermeisters der Stadt Bamberg, Johann Georg Bayl (1775-–1834), mit der Umsetzung einer häuslichen Anordnung zum Wohle seiner Dienerschaft nach dessen Tod betraut.
Nahezu gleichzeitig, nämlich am 30. Dezember 1833, wurde Lerchenfeld zum Vorstand des Historischen Vereins Bamberg gewählt. Er folgte in diesem Amt dem Appellationsgerichtspräsidenten Maximilian Graf von Lamberg nach. In den ersten Jahren seiner Vorstandschaft nahm er regelmäßig an den Sitzungen teil und im Protokollbuch des Jahres 1833 faßte er die ersten Jahre des Vereins und die Sitzungsthemen kurz zusammen. Aus dem Protokoll vom 5. März 1834 geht hervor, daß Lerchenfeld beabsichtigte, dem Verein ein Siegel nach dem Entwurf des Herrn Kabinettssekretär Theodori bei Dallinger in Nürnberg anfertigen zu lassen. Diese Absicht wurde in die Tat umgesetzt. Unter seiner Führung erschien im Jahr 1834 der erste Bericht des Historischen Vereins. Auch im Wöchentlichen Anzeiger für die katholische Geistlichkeit berichtete Lerchenfeld über den Historischen Verein und die Wünsche, die der Erzbischof hinsichtlich des Vereins hatte. Im Jahr 1837 wurden die Historischen Vereine von der königlichen Regierung aufgefordert, Beiträge für die Erstellung eines historisch-topographischen Lexikons von Bayern zu liefern, um die königliche Akademie der Wissenschaften zu unterstützen. Beim Historischen Verein Bamberg leistete der Schriftsteller Joseph Heller diese Arbeit und schickte eine Ergebnisse an die Registratur. Im August 1843 schlug der Verein vor, diese Beschreibung zu vervollständigen, da nicht alle Gegenstände genügend beschrieben worden seien. In Lerchenfelds Amtszeit fiel u. a. der Versuch, Bamberger Mundart schriftlich zu dokumentieren bzw. Beispiele zu sammeln. Allerdings verlief das Vorhaben recht erfolglos, da die Mitglieder keine Beispiele beim Verein ablieferten. Daneben wurde aber eine Gaukarte des Herzogtums Ostfranken erstellt, deren lange Entstehungsgeschichte in den Protokollbüchern des Historischen Vereins immer wieder angesprochen wurde.
Im Jahr 1840 versuchte Lerchenfeld sich aus der Arbeit im Historischen Verein etwas zurückzuziehen. Da er an der Versammlung am 8. Januar auf Grund einer Unpäßlichkeit, nämlich Halsweh, nicht teilnehmen konnte, brachte er schriftlich eine Bitte ein. Er bedankte sich für das Vertrauen, das ihm der Verein über viele Jahre durch die mehrfache Wahl zum Vorstand entgegengebracht hatte, beabsichtigte aber nicht, sich im Jahr 1840 noch einmal als Vorstand zur Verfügung zu stellen. Ich weiß dieses ehrenvolle Zutrauen zu schätzen, und ich trage die dankbare Erinnerung unvergänglich in meinem Herzen, aber ich bitte zugleich mich nicht wieder zu wählen, denn ich fühle daß ich weder die Zeit noch die volle historische Intelligenz habe, um die Stelle eines Vereinsvorstandes vollkommen auszufüllen. Ich sehe mich daher gedrungen zu erklären, daß ich die Wahl, wenn sie wieder auf mich fallen sollte, entschieden ablehnen würde. Trotz dieser Bitte wurde Lerchenfeld einstimmig wieder zum Vorstand des Vereins gewählt. Auch bei der folgenden Wahl am 5. Januar 1842 entschloß sich die Vereinsführung, Lerchenfeld, der sich am 4. Januar wegen eines heftigen Katarrhs für die Sitzung entschuldigt hatte, erneut zu bitten, das Amt des Vorstands zu übernehmen. Wie aus seinem Brief an den Bibliothekar Jaeck hervorgeht, hoffte Lerchenfeld sehr, diesmal nicht mehr gewählt zu werden, denn es war ihm ein peinvolles Gefühl an dieser ehrenvollen Stelle ohne Verdienst zu figurieren. Am 22. Januar 1842 wurde Lerchenfeld vom Metropolitankapitel einstimmig zum Kapitular-Vikar gewählt. Am 19. Februar 1842 wurde die Wahl vom König bestätigt.  Außerdem wurde er im Schematismus von 1842 nach dem Tod des Erzbischofs als Verweser des Erzbistums sede vacante und als Vorstand des Allgemeinen Geistlichen Rates geführt. Bei den Sitzungen des Historischen Vereins erschien er in den Jahren ab 1843 relativ selten. Seine angeschlagene Gesundheit mag hierzu beigetragen haben. Im Jahr 1845 unterschrieb er kein einziges der Protokolle und stand lediglich noch im Schriftverkehr mit dem Verein. Nicht einmal an der Versammlung der beiden oberfränkischen Geschichtsvereine am 7. Juli 1845 in Banz konnte er teilnehmen.
Im Schematismus für das Jahr 1846 wird Lerchenfeld als königlich geheimer geistlicher Rat geführt. Er war zu dieser Zeit Träger des Großkreuzes des königlich bayerischen Ritter-Hausordens vom hl. Michael. Außerdem fungierte er als Direktor des erzbischöflichen Ordinariats und Vorstand des Metropolitan-Gerichts. Außerdem war er päpstlicher Delegierter III. Instanz in Ehesachen, Ehrenbürger der Stadt Amberg usw.
Von Lerchenfeld starb am 7. Januar 1846 an einem fortgeschrittenen Leberleiden.
An seinem Todestag traf sich die Vorstandschaft des Historischen Vereins zu einer Sitzung. Da nur vier ordentliche Mitglieder erschienen, beschloß man, die Wahl eines neuen Vorstands auf die nächste Sitzung zu verschieben. So wurde am 4. Februar Domdechant Brenner zum neuen Vorstand des Vereins gewählt. Lerchenfeld hinterließ dem Verein eine Pendeluhr, die ein Bildnis der Clio zeigte.
Lerchenfelds Wunsch, in Amberg beerdigt zu werden, erfüllte sich nicht. Sein Leichnam wurde in der Hauskapelle der Dompropstei am Samstag und Sonntag nach seinem Tod für die Öffentlichkeit auf dem Paradebett aufgebahrt. Die Beerdigung fand am 11. Januar 1846 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt. Nicht nur die hohen Militär- und Civilbehörden, die gesammte Geistlichkeit hiesiger Stadt, die sämmtlichen Professoren der k. Studien- und anderer Lehranstalten, mit ihren Schülern, alle Institute und die Elementar-Schulen waren bei dem Leichenzuge, sondern auch viele Geistliche aus der Umgegend hatten sich eingefunden, so daß der Condukt ein sehr imposanter wurde. Viel trugen zur ernsten Feier sowohl hier als bei den Exequien die von dem Liederkranze und den Candidaten des Schullehrer-Seminars unter Posaunen-Begleitung mit ebensoviel Kraft als Präzision vorgetragenen Choralgesänge bei.
In den wenigen Notizen über seine Person wurde von Lerchenfeld als äußerst konsequenter, pünktlicher und unermüdlich arbeitender Mann geschildert. Trotz Krankheit führte er seine Direktorial-Geschäfte und seine sonstigen Arbeiten ohne Unterbrechung weiter. Das in den Bamberger Diözesanblättern angekündigte Lebensbild wurde leider nie publiziert.

VALENTIN LOCH (1813–-1893)
THEOLOGIEPROFESSOR UND „EHREN-VORSTAND“ DES HISTORISCHEN VEREINS

von FRANZ KOHLSCHEIN in BHVB 141 (2005) 220–-223
Valentin Loch wurde am 24. September 1813 in Bamberg geboren, wo er auch am 14. Juni 1893 starb. An das Theologiestudium am dortigen Lyzeum schloß sich 1838 die Priesterweihe an. Nach der theologischen Promotion in München wurde er 1843 Theologieprofessor am Lyzeum in Amberg. Im Zuge der Aufhebung der theologischen Fakultät in Amberg wurde Loch 1863 pensioniert, siedelte nach Bamberg über und lehrte ab 1865 bis zu seiner Emeritierung 1884 biblische Wissenschaft und alte Sprachen am Bamberger Lyzeum. Mit der 1889 erfolgten Ernennung zum päpstlichen Hausprälaten wurde sein Wirken geehrt.
Als theologischer Lehrer erlangte Loch Bedeutung auf dem Gebiet der Exegese. Neben Quellenstudien gab er zusammen mit Wilhelm Th. Reischl die verbreitete Bibelübersetzung „Die heiligen Schriften des alten und neuen Testamentes nach der Vulgata mit steter Vergleichung des Grundtextes“ (4 Bde., Regensburg 1851–1866; 1914) mit praktischen Erklärungen heraus. Im Bamberger Klerus zählte er bei den Auseinandersetzungen um das Unfehlbarkeitsdogma des I. Vatikanischen Konzils zur ultramontanen Partei.
Sein historisches Interesse praktizierte er im Historischen Verein Bamberg, wo er vom 25. Juni 1875 bis zum 10. Januar 1884 das Amt des 1. Vorsitzenden innehatte und bei seinem Ausscheiden zum Ehrenvorsitzenden ernannt wurde. Sein umfangreiches Engagement dokumentieren die Jahresberichte von 1875 bis 1883. Darin zählt er nüchtern die Fakten auf, doch im seinem ersten Bericht über das Jahr 1875 definiert er: Die Aufgabe eines Vereins, welcher seinen Mitgliedern keine materiellen Entgelte zu bieten vermag, sondern sie nur mit Leistungen an Arbeit und Zuschüssen in Anspruch nimmt, darf in unseren Zeitläuften, in welchen alle wissenschaftlichen Arbeitskräfte für ihren angewiesenen Special-Bedarf vollauf in Anspruch genommen sind, schon als gelöst betrachtet werden, wenn er sich in der Weise, wie und zu welchen Zwecke er gegründet worden ist, erhält. Dies dürfte auch vom historischen Vereine dahier ganz besonders gelten. Sehr aktuell ist seine Klage, daß die Reihen der Männer, welche Vorliebe und Muße zur Bearbeitung Bamberger Detail-Geschichte hatten, sich merklich lichteten, und die neuen Mitarbeiter nicht mehr die entsprechende Zeit hätten, um das mühselige Feld der Erforschung der Original Quellen Bamberger Geschichte ersprießlich zu bebauen.
Lochs eigene Forschungsbeiträge sind sorgfältige Detailstudien wie die Artikel „Schenkungsbrief von Conrad Zolner an das Kloster von St. Clara dahier“,„Fürstbischof Johann Georg II. als Präsident der Kaiserlichen Commission für den fränkischen Kreis zur Durchführung des Restitutionsedicts im Jahre 1629“ und „Notizen über den am 20. Mai 1891 auf dem Michaelsberge gemachten Fund“. Loch unterbaut damit seine Auffassung, daß erst die geschichtliche Erforschung von Erscheinungen im Kleinen und Einzelnen und von momentaner und localer Bedeutung den Charakter einer ganzen Zeit erkennen lassen. Die Beiträge „Dr. Adam Martinet“ und „Gedenkblatt für Herrn Pfarrer Georg Raab“ wollen wichtige Mitarbeiter des Historischen Vereins durch Lebensskizzen zum bleibenden Gedenken ehren.
Lochs historisches Hauptwerk ist die „Geschichte der Pfarrei zu Unserer Lieben Frau in Bamberg, im fünften Jahrhundert ihres Bestehens, 1787–-1887“. Für Loch muß eine Pfarrgeschichte zwei Gesichtspunkte berücksichtigen, einmal soll sie so geschrieben sein, daß sie für alle Angehörigen der Pfarrei Interesse bietet und leichtem Verständnisse zugänglich ist, zum anderen soll sie Volksgeschichte sein und die Entfaltung des particulären Lebens in seiner Eigenheit wiedergeben. Der Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt den umfassenden Ansatz Lochs, der die Pfarrkirche und die Nebenkirchen mit ihrer Ausstattung, Clerus und Bedienstete, Pfarrangehörige, Institute für Bildung wie Schullehrerseminar und Volksschule, Anstalten für Wohltätigkeit und sociale Zwecke, Vereine sowie Religiöse Abzeichen, Heiligenbilder und auch das Heilige Loch umfaßt.
Lochs Ausführungen zu seiner wichtigsten Stiftung, dem „St. Martha-Asyl für bejahrte Dienstmägde“, geben einen Einblick in seine Gedankenwelt. In der alten Zeit, so meint er, hätten Familien, Innungen und fromme Stiftungen aus dem Grundprinzip der christlichen Nächstenliebe Notleidenden Hilfe geleistet. Mit kritischen Bemerkungen gegenüber den Großcapitalisten und der aufstrebenden Industrie, die das Lumpenproletariat verursachten und die sociale Frage entstehen ließen, verweist er auf die neueingerichteten Krankenkassen, Invaliden-Versicherungen und Altersrenten für Arbeiter, während die Dienstmägde jedoch vergessen worden seien. Für diese unterprivilegierte Gruppe möchte Loch im Geiste der christlichen Tradition ein Asyl als Heim stiften, das freie Wohnung und eine kleine Unterstützung bietet. In Anknüpfung an das verschwundene St.Martha-Haus und das Ehehalten- und Dienstboten-Haus im Bereich der Pfarrei St. Gangolf ließ Loch deshalb 1886 in der Bamberger Färbergasse 1 a ein Haus mit 16 Plätzen für bejahrte Dienstmägde errichten und mit einem Stammkapital von 20 000 Mark ausstatten. Da die Kirchenverwaltung von St. Gangolf die Geschäftsführung ablehnte, übertrug Loch die Verwaltung seiner Stiftung der Stadt Bamberg. Wie modern Loch dachte, zeigt sich in der Anlage des Hauses, wo je zwei Bewohnerinnen zwei Zimmer mit Küche gemeinsam hatten. Die von ihm verfaßten Dokumente, der „Stiftungsbrief“, die „Anmerkungen für die Vorsteherin“ und die „Hausordnung“, zeugen von Weitsicht und Klugheit. Lochs Stiftungsvermögen ging in die 1987 von der Stadt Bamberg errichtete „Schwesternhaus-Stiftung für würdige, bedürftige, ältere alleinstehende Frauen, vor allem frühere Dienstboten und Witwen“ über. Loch betreute von 1866 bis 1875 und nochmals von 1885 bis zu seinem Tod die vereinseigene Münzen- und Medaillensammlung, als deren kundigen Herrn Konservator ihn der „Bericht“ für 1886/87 nennt.
Der Bericht für das Jahres 1884 meldet: Mit Beginn des Jahres 1884 trat der bisherige erste Vorstand des Vereins Herr geistl. Rath, kgl. Lyzeal-Professor Dr. Loch von der Leitung des Vereins zurück. Durch 7 Jahre stand genannter Herr dem Vereine vor und förderte dessen Zweck mit seinem reichen Wissen auf dem Gebiet des Localgeschichte. In der Sitzung vom 10. Januar 1884 ernannte der Ausschuß des Vereins Loch unter wärmster Anerkennung seiner Verdienste zum Ehrenvorstande. Der Bericht von 1893 gedenkt unter den Toten besonders pietätvoll des so lange an der Spitze des Vereins gestandenen Prälaten Dr. Loch.
Ein ausführlicher Nachruf auf Loch stammt von Martin Katzenberger im „Jahresbericht des Königl. Bayerischen Lyceums“. Katzenberger kennzeichnet Loch als sehr kritische Natur, ein Mann des trockenen, reflectierenden Verstandes, der es in der Bibelwissenschaft wie in der Geschichte zu einer bedeutenden Fachgelehrsamkeit brachte. Was ihm am Vortrage mangelte, das ersetzte er durch Klarheit und kritische Schärfe. Berufstreue, Ordnungsliebe und Pünktlichkeit zeichneten ihn aus. Loch hatte ein Herz für seine Vaterstadt und ein offenes Auge für die sociale Notlage der Gegenwart. Davon zeugen neben dem oben genannten „St. Martha-Asyl“ die „Stiftung zur Zahlung der Umlagen für minder bemittelte Einwohner Bambergs“ und die „Bücherstiftung für Candidaten der Theologie am Lyceum in Bamberg“.
Der General-Personal-Schematismus der Erzdiözese Bamberg rühmt Lochs Tätigkeit im Historischen Verein, der unter ihm in hoher Blüte stand, nennt ihn einen großen Numismatiker und lobt, daß er sein bedeutendes Vermögen in wohltätige Stiftungen einbrachte. Dem Historischen Verein vermachte Loch aus seinem Nachlaß eine stattliche Zahl vortrefflicher Druckwerke sowie sieben Münzen und Medaillen. Seine Gruft auf dem Bamberger Hauptfriedhof ist bis heute erhalten.
Mit Valentin Loch hatte der Historische Verein einen Vorsitzenden und Mitarbeiter, der seine in der Bibelwissenschaft erworbene wissenschaftliche Qualifikation aus Liebe zu seiner Heimatstadt in den Dienst der Ortsgeschichte stellte, seine Arbeitskraft im Historischen Verein der von ihm als wichtig eingeschätzten regionalen Forschung zukommen ließ und – trotz seines Engagements für die Geschichte – als für die Probleme der Gegenwart interessierter Zeitgenosse immer eine große Sensibilität und eine offene Hand für die soziale Not seiner Mitbürger hatte.

HEINRICH MAYER (1881–-1957)
HOCHSCHULPROFESSOR - THEOLOGE -– PÄDAGOGE –- KUNSTHISTORIKER

von PETER RUDERICH in BHVB 141 (2005) 224–-228
Wohl kein anderer, der sich mit der Kunst- und Architekturgeschichte des Bamberger Gebiets beschäftigt hat, ist so populär geworden wie Heinrich Mayer. Auch heute noch, ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, greift man wie selbstverständlich nach seinen beiden Standardwerken – „Bamberg als Kunststadt“ und „Die Kunst des Bamberger Umlands“ – , wenn man sich rasch vor allem über die sakrale Kunstgeschichte der Stadt und der Umgebung informieren will. Für den Landkreis Bamberg, den Altlandkreis Höchstadt a. d. Aisch und den Altlandkreis Ebermannstadt ist „der Mayer“ immer noch grundlegend, muß er hier doch bis heute ein fehlendes Kunstdenkmalinventar ersetzen.
Indes wies Mayers Lebensweg zunächst in eine andere Richtung: Als Sohn eines Betriebsingenieurs geboren und aufgewachsen in Nürnberg, studierte er 1899/ 1900 zwei Semester Architektur an der TH München. Im Wintersemester 1900/01 wechselte er an die Universität München, um sich dort der Philosophie, katholischen Theologie und Kunstgeschichte zu widmen, Studien, die er an der Universität Bonn und schließlich an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Freising fortsetzte. Hier wurde Heinrich Mayer am 29. Juni 1905 zum Priester geweiht; anschließend wirkte er als Kaplan in Bad Reichenhall und München. In München wurde er 1911 bei dem Kirchengeschichtsprofessor Alois Knöpfler mit einer Arbeit zur Sakramentenspendung im Erzstift Salzburg zum Doktor der Theologie promoviert; im Jahr 1914 habilitierte er sich schließlich mit einer religionspädagogischen Arbeit zu Kinderidealen zum Privatdozenten für Katechetik und Pädagogik. Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde er als Feldgeistlicher einberufen. 1917 lehnte Mayer noch einen Ruf auf den Lehrstuhl für Praktische Theologie in Bonn ab, die Berufung zum außerordentlichen Hochschulprofessor für Pädagogik und Katachetik am Lyzeum ab 1923 Philosophisch-Theologischen Hochschule – in Bamberg zum 1. Oktober 1918 nahm er dann jedoch an. Seit 1925 war er ordentlicher Hochschulprofessor. Verbunden mit dieser Ernennung war von Anfang an ein Lehrauftrag für allgemeine und christliche Kunstgeschichte, den er 30 Jahre lang erfüllte. Doch zunächst galt seine Aufmerksamkeit hauptsächlich katechetischen und pädagogischen Fragen. Er verfaßte ein Lehrbuch, betätigte sich als Mitherausgeber der „Katechetischen Blätter“, als Fachgruppenleiter für Katechetik am „Lexikon für Theologie und Kirche“ sowie als Mitarbeiter am „Lexikon der Pädagogik der Gegenwart“, am evangelischen Lexikon „Religion in Geschichte und Gegenwart“ und an Thieme/Beckers „Allgemeinem Künstlerlexikon“.
Als Heinrich Mayer 1930 Leiter der Bamberger Hochschule wurde, hatte seine Rektoratsrede jedoch Grundfragen zeitgenössischer christlicher Kunst zum Thema, ein Bereich, der ihn ebenso wie Kunstgeschichte zunehmend beschäftigte. Für die Gegenwartskunst lehnte er dabei einen Rückgriff auf historistische Elemente klar ab und forderte eine zeitgemäße Ausgestaltung als Kunst unserer Zeit [...] mit den Mitteln der Gegenwart. In der Kunstgeschichte widmete sich Mayer ganz der Erforschung von Kunstdenkmalen in Stadt und ehemaligem Hochstift Bamberg. Die von ihm veranlaßten Grabungen und Untersuchungen auf dem Bamberger Domberg in den 1930er Jahren waren grundlegend für die Erforschung von Kathedrale und Pfalz; sie ermöglichten erstmals eine genauere Vorstellung der Anlagen von der Bistumsgründung bis zur Stauferzeit und führten zur Wiederentdeckung der 1020 geweihten bischöflichen Hauskapelle. In einer Denkschrift regte Heinrich Mayer bereits 1936 an, den Dom liturgisch auf den Westchor als den ursprünglichen Hauptchor auszurichten – ein Gedanke, den man schließlich 1975 verwirklichte. Weiten Kreisen bekannt wurde der Gelehrte jedoch durch seine zahlreichen Forschungen und Veröffentlichungen zur Kunstgeschichte der Stadt Bamberg und ihres fränkischen Einflußgebiets, die in der eingangs genannten zweibändigen lexikographischen Aufnahme gipfelten, die ihm in Anspielung auf Goethes Freund Heinrich Meyer den Namen „Kunst-Mayer“ einbrachte. Als Theologe beschäftigte er sich auch bei seinen kunsthistorischen Arbeiten hauptsächlich mit Kirchen und ihrer Ausstattung. In seinen Untersuchungen zu Profanbauten konzentrierte sich Mayer auf die fürstbischöflichen Hofhaltungen; die Ergebnisse dieser vor allem quellenkritischen Forschungen faßte er in dem gewichtigen Band „Bamberger Residenzen“ zusammen. Wenngleich zahlreiche der stilistischen Zuschreibungen in seinen Arbeiten – so an den spätmittelalterlichen Bildschnitzer Hans Nußbaum oder auch an den Hofbaumeister Johann Jakob Michael Küchel – einer heutigen kritischen Überprüfung nicht standhalten, so sind seine Publikationen als erste systematische Erfassung der Kunstgeschichte des Bamberger Landes in ihrer vielfältigen Material- und Detailfülle dennoch von bleibendem Wert.
1933 bis 1942 Prorektor der Bamberger Hochschule, wurde Heinrich Mayer zum 1. November 1946 emeritiert, führte seine kunstgeschichtlichen Lehrveranstaltungen aber bis zum Ende des Sommersemesters 1948 fort. Dank seiner Mitgliedschaft in zahlreichen Gremien und Vereinigungen konnte Mayer seinen Einfluß besonders in Fragen des Denkmalschutzes und des Kirchenbaus zur Geltung bringen: So war er langjähriger Diözesanvertreter in der „Gesellschaft für Christliche Kunst“, von der Regierung bestellter Denkmalpfleger für den Landkreis Bamberg, Mitglied des Kunstbeirates und der Denkmalkommission der Stadt Bamberg.
Mannigfaltige Ehrungen wurden dem zeitlebens bescheidenen Priestergelehrten zuteil. Unter anderem war er päpstlicher Hausprälat, Inhaber des Bundesverdienstkreuzes und Ehrenmitglied des Historischen Vereins Bamberg, dessen Bestrebungen vor allem in den Bereichen Volksbildung und Sammlungswesen er, bereits 1918 beigetreten, über Jahrzehnte nachhaltig förderte. Seine Vorträge und Führungen waren legendär. Seit 1919 gehörte Heinrich Mayer dem Vereinsausschuß an. Die kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen des Vereins inventarisierte er in jahrelanger Arbeit neu. Wesentlich seiner Initiative ist die Eröffnung des „Fränkischen Heimatmuseums“ in der Alten Hofhaltung 1938 zu verdanken, in dem die Sammlungen des Historischen Vereins mit denen der Stadt vereint aufgestellt sind, um ein Museum zu schaffen, das einigermaßen der einstigen Bedeutung des Hochstifts und der Stadt gerecht wird und das wenigstens über Kunst und Kunstgewerbe einen den Tatsachen entsprechenden Überblick über die Vergangenheit [...] gewährt. Seine enge Verbindung zum HistorischenVerein zeigte sich nicht zuletzt darin, daß er die erste Auflage seiner „Kunst des Bamberger Umlandes“ 1930 als Jubiläumsgabe zum 100jährigen Bestehen den Mitgliedern überreichte. Der Verein wiederum widmete seinem Förderer zu dessen 70. Geburtstag 1951 den 90. Jahresbericht.
Als Heinrich Mayer am 15. Februar 1957 nach längerer Krankheit verstarb, vermachte er dem Historischen Verein seinen literarischen Nachlaß, seine Plan-, Graphik- und Fotosammlung sowie den geschichtlichen Teil seiner Bibliothek, seine kunsthistorischen Bücher schenkte er der Staatsbibliothek, den Städtischen Kunstsammlungen übereignete er 20 Foliobände mit eigenen Architekturzeichnungen und Aquarellen. Trotz intensiver Bemühungen gelang es dem Historischen Verein später nicht, die Stadt Bamberg davon zu überzeugen, nach Heinrich Mayer eine Straße zu benennen – ein bis heute überlegenswerter Vorschlag – und sein Grab wegen der besonderen Verdienste des Verstorbenen als städtisches Ehrengrab auszuweisen. So übernahm der Verein die Pflege des Grabes Nr. 18, Reihe C in der I. Abteilung des Bamberger Friedhofs und bewahrt so bis heute diesem großen Gelehrten ein sichtbares, ehrendes Andenken.