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Moderne contra Retro-Architektur aus der Sicht eines Denkmalpflegers


von Dr. ULRICH KAHLE

(Vortragsmanuskript vom 10.11.2011 im Rahmen der Vortragsreihe "Neues Bauen in der alten Stadt"; das Copyright liegt bei Dr. Ulrich Kahle; es gilt das gesprochene Wort)

Der Begriff „Neues Bauen in der Alten Stadt“ hat seine Wurzeln im 1978 vom damaligen Bundesbauministerium initiierten Bundeswettbewerb „Stadtgestalt und Denkmalschutz im Städtebau“. Die erste fundamentale Auseinandersetzung mit dem so spezifierten „Neuen Bauen“ fand in der Hamburger Tagung des Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz zum „Bauen in der Alten Stadt“ im November 1979 und in der gleichnamigen Ausstellung der Bayerischen Architektenkammer 1980 in München statt.
„Die verbreitete Sehnsucht nach der alten Stadt und der vielerorts geäußerte Wunsch der Bürgerschaft nach Rekonstruktion historischer Bauten und vollständiger Stadtbilder vergangener Zeiten hat die Fachwelt in Teilen ebenso überrascht, wie sie deren Ursache, nämlich die Ablehnung zeitgenössischer Architektur und städteräumlicher Disposition, verunsicherte“. Diese lakonische Feststellung der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung im Flyer für ihre Jahrestagung 2009 ist aktuell und wird Teil meiner Überlegungen in der kommenden Stunde sein.

Anlass für meine Bereitschaft, bei der vierteiligen Vortragsreihe der Bamberger Kulturträgervereine mitzuwirken, war die wunderbare Groteske von Januar und April diesen Jahres im Bausenat unserer Stadt. Es ging um ein Baugesuch eines Bamberger Architekten für ein wirklich winziges Grundstück in der Letzengasse und die zwiefache kollektive Entrüstung der zur Entscheidung bestellten Senatsmitglieder: Von dumpfer Bunkervorstellung bis zu empörter Kritik an der zu laschen Denkmalpflege reichten die Spontanreaktionen der gewählten oder bestimmten Stadtverantwortlichen bei der ersten Antragsvariante.
Die ob dieser ebenso lauten wie kakophonen Reaktion wenige Wochen später eingereichte zweite Variante, gegenüber der ersten in entscheidenden Punkten umfassend verändert, stieß auf neuerliche kollektive Entrüstung vor allem der tatsächlich Baubeflissenen Fraktionsvertreter. Nein, so viel Anpassung – oder schon provozierende Selbstverleugnung? Das ginge selbst im Weltkulturerbe dann doch zu weit und steigerte sich zu neuerlicher massiver Kritik an der Denkmalpflege, sie entbehre einer klaren Linie – wobei man sich fragen darf, ob hier die Denkmalpflege überhaupt gefordert ist.
Ich habe nach der Lektüre unserer weltumspannenden Bamberger Presse zunächst schallend gelacht. Als dann annähernd zeitgleich das Wettbewerbsergebnis um die Ersatzbauten für das 1967 noch gefeierte Frankfurter technische Rathaus in Fachzeitschriften und Feuilletons offenbarte, dass am Main Ähnliches in weit größerem Stil gut geheißen wird, war mein Ärgerpotential endlich groß genug, mich überreden lassen, hier und heute etwas Ursachenforschung zu betreiben. Wobei es mir nicht primär um die Denkmalpflege geht, sondern vor allem um die gegenwärtige Haltung zum Neuen Bauen, die ich als ursächlich für vorgenannte Irritation vermute.

Denn es stellt sich im Kern die alte, immer aus Neue aktuelle Frage nach dem „rechten“ Bauen in der alten Stadt. Das ist das dicke Fragezeichen hinter dem Generalthema, das da lautet: Was dürfen Architekten in der alten Stadt  bauen? Was ist man geneigt, ihnen zu genehmigen? Dies dürfte, zumindest aus der Sicht der Architekten, der rote Faden der bis Februar gehenden Veranstaltungsreihe sein - zumal hier in Bamberg, das seit Dezember 1993 mit stolz geschwellter Brust das Prädikat „Weltkulturerbe“ vor sich herträgt und sich allzu gerne in Verweigerungshaltung gefällt. Angesichts dessen erscheint es mehr als gerechtfertigt, ja überfällig, Fragen zu stellen. Es gilt, nach Erklärungen zu suchen, Vergleichbares andernorts aufzuspüren. Vielleicht finden wir Antworten, über die man – vor allem jenseits aller denkmalfachlichen, historisch konditionierten Ideologien -  auch im Welterbe nachdenken könnte.

Ich bitte um Verständnis, wenn ich im Folgenden ganz bewusst KEIN Plädoyer für das Welterbe halte. Dies war und ist in unserem gegenwärtig straffer denn je organisierten BLfD seit jeher die Aufgabe der Denkmalinventarisation und Denkmalforschung. Deren langjähriger, vor wenigen Tagen achtzig gewordener Leiter Professor Tilmann Breuer hat damals folgerichtig die konstituierende Begründung für das ersehnte Welterbeprädikat verfasst. Und zu dem ist in kaum einer Welterbestadt mehr Papier zu diesem Thema bedruckt worden als gerade in Bamberg – Ich denke, diese Eulen sollten andere tragen!

Es geht mir auch nicht um die vielfältigen, zunehmend inflatorischen „World-Heritage“- Interessen oder –Probleme, sondern um wahre oder vermeintliche Probleme mit dem Bauen in der Gegenwart. Es geht um dessen Wert- oder Unwertschätzung insbesondere vor der Folie historischer Umfeldvorgaben und Empfindungen.
Es geht um das Verhältnis von Stadtplanung, Architektur und Denkmalschutz. Es geht, wenn wir der aktuellen Diskussion folgen wollen, um die gegenwärtigen Vorlieben und unser Verhältnis zur Geschichte, zumal der gebauten. Es geht schließlich um Beispiele für das Miteinander von „Neu“ und „Alt“, um praktisch realisierte Vielfalt.

Was ist eigentlich die Alte Stadt? Es ist natürlich jene vielfältige Stadt, die gute wie schlechte Zeitläufte hinter sich gebracht hat und von einem ersten Entstehungskern über Jahrhunderte gewachsen ist.
Bildlich gesprochen, und das werden gerade die Bamberger bestens verstehen, bildlich gesprochen gleicht jede Alte Stadt einer Zwiebel, deren einzelnen Geschichtsschalen sich Lage auf Lage, Schicht auf Schicht um einen Ursprungskern legen – ein Wachstumsprozess, der nie abgeschlossen sein kann. Im Unterschied zur Zwiebel, der durch schlichtes Ernten und Aufessen der Garaus zu machen ist, kann dies bei der Stadt nur durch brutale Zerstörung oder durch Aufhalten des Wachstumsprozesses vermittels Verweigerung von Neuem geschehen.

Entstehung von Neuem, Vergehen von Älterem, Überformung von Älterem durch Neues, also ein permanenter Prozess kennzeichnet jede über Jahrhunderte gewachsene Alte Stadt. Ihre heute gemeinhin anerkannten Werte beruhen, so Peter Anselm Riedel, „auf einer scheinbaren organischen Kontinuität der Entwicklung ihrer baulichen Erscheinung, ihrer Maßstäblichkeit und Individualität. Wenn diese im Laufe der historischen Entwicklung auch häufig missachtet worden waren, so liegt der entscheidende Unterschied zur Gegenwart darin, dass sich Veränderung früher sehr viel langsamer vollzog und die Menge des Gebauten im Vergleich zum geschichtlich Gewachsenen in völlig anderem Verhältnis gestanden hat als heute“.
Im Gegensatz dazu steht die Neue Stadt auf der grünen Wiese, sei dies als Stadtteil oder Stadterweiterung der 50er oder 60er Jahre, wie wir sie, fußend auf den städtebaulichen Theorien vornehmlich des frühen 20. Jhs., vielerorts kennen. Oder etwa Oskar Niemeyers Hauptstadt Brasilia, architektonisch, städtebaulich aufregend und als städtebauliches Gesamtkunstwerk sicherlich schon heute unbedingt erhaltenswert weil Gegenprogramm zur Alten Stadt. Hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit oder Erhaltungsfähigkeit stellt die konzentrierte Fülle der rapide zunehmenden Beton- und sonstigen Gefügeschäden alle Erhaltungswilligen schon jetzt vor immense bis völlig ungekannte Probleme – ein deutlicher Gegensatz zur alten Stadt, die zwar auch kontinuierlicher, aber keinesfalls massiver Erneuerung bedarf.

Herausragendes Merkmal der Alten Stadt ist also die über einen langen Zeitraum tradierte Geschichtlichkeit, deren unterschiedliche bauliche Zeugnisse aus unterschiedlichen Zeiten eben diese Geschichte spiegeln. Nun werden dank unserer historisch-wissenschaftlich geprägten formenanalytischen Methoden die historische Stadt als Ganzes gerne als in sich geschlossene Gestaltungen gesehen, denen automatisch eine Wertsetzung zugebilligt wird. Dies gilt auch für städtebauliche Ensembles oder Baugruppen, die oft keiner einheitlichen Konzeption entstammen, sondern sich in Jahrhunderten gebildet und immer wieder verändert haben. Architekt wie interessierter Laie haben gelernt, die formalen Qualitäten historischer Stadtbilder mit strukturellen Gestaltungsbegriffen zu beschreiben, organisch, maßstäblich, homogen, kleinteilig, vielteilig oder individuell.
Fast zwangsläufig wird dabei das Stadtbild zu einer mehr und mehr homogenen Gestalt analysiert, die es natürlich gar nicht ist. Es entsteht vielmehr ein ästhetisches Bild mit Idealstadtbedeutung, dass nur aus der Antithese zur modernen Stadt à la Brasilia oder den Strukturbegriffen der funktionalistischen Städtebautheorien des 20.Jahrhunderts gewonnen werden kann. Wertemaßstab der alten Stadt ist dabei der aus den Stilepochen von Renaissance, Barock oder Klassizismus gewonnene Begriff der „Stadtbaukunst“ und der ihr innewohnenden Ordnungsprinzipien. Demgegenüber steht die „Stadtplanung“ als ein Kind rationaler theorielastiger Moderne der Nachkriegszeit. Manche sehen in ihr gar ein „Schmuddelkind“!

Gerd Albers, der langjährige Ordinarius für Städtebau und Regionalplanung an der TUM, hat in einem sehr lesenwerten Aufsatz über den Wandel des Geschichtsverständnisses im Städtebau gezeigt, wie sich unter dem Einfluss des Zeitgeistes das Verhältnis der Architektur und Stadtplanung zur Geschichte mehrfach gewandelt hat. Es ist für das Verständnis der Gegenwart daher sinnvoll ist, diesen Wandlungen nachzugehen. Zwei Aspekte verdienen besonderes Interesse, nämlich einerseits die Frage, inwieweit Spuren und Zeugnisse der Geschichte in der aktuellen Stadtentwicklung zu bewahren, vielleicht sogar hervorzuheben sind, und anderseits die Frage, ob man historische Gestaltungselemente in das Schaffen der Gegenwart einbeziehen soll.
Es lässt sich der Wandel der jeweils herrschenden Sicht auf die Historie durch die Charakterisierung bestimmter Zeitabschnitte darstellen – für die Architektur allerdings prägnanter als für die Stadtplanung. So ist in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts die Architektur von dem Gedanken geprägt, die Geschichte biete spezifische Höhepunkte, die es wieder zu beleben oder zu erreichen gelte: Klassizismus und Neugotik haben hier ihre Wurzeln. In der zweiten Jahrhunderthälfte weitet sich die Sicht: Geschichte bietet ein ganzes Arsenal von Gestaltelementen, die unterschiedliche historische Assoziationen auslösen. Also wählt man zwischen ihnen mit dem Ziel einer Bedeutungsaussage aus – der Grundgedanke des Eklektizismus und der daraus resultierenden Neostile. Nach einzelnen Vorläufern setzt sich in den Zwanziger Jahren des 20.Jahrhunderts weitgehend die These der Moderne durch: Geschichte ist Ballast für eine Zeit, die sich mit ganz neuen Problemen von Licht, Luft und Verkehr auseinandersetzen muss und dazu auch neue technische Möglichkeiten besitzt. Radikaler Neubeginn ist geboten, weshalb der Moderne zunächst eine gewisse Linkslastigkeit unterstellt wurde, der die restaurativen Kräfte der Weimarer Republik zähen Widerstand entgegensetzten. „Undenkbar.., dass die kleinbürgerlich-ländlich geprägten Führungseliten des Freistaats Bayern samt dessen traditionell national eingestellter Administration staatliches modernes Bauen konzediert hätten.“ (Chr. Hackelsberger) Den Süden der Weimarer Republik, vertreten durch die beiden Bauschulen in Stuttgart und München, prägte stattdessen nach Historismus und der kurzen Zeit des Jugendstils eine Formmischung aus neoklassizistischem Repräsentationsstil und völkischem Regionalismus. Ein solcher Konservativismus bot der NS-Zeit beste Grundlage für ihren brachialen Herrschaftsstil und zwang nach 1933 viele der Großen der Moderne ins Exil.

Beim Wiederaufbau nach den Kriegszerstörungen streiten Versuche der Anknüpfung an die zuvor verunglimpfte Moderne mit dem überlagernden Gefühl der Verpflichtung, das kulturelle Erbe zu bewahren. So werden die Zeugnisse der Geschichte unterschiedlich bewertet – teils als Anknüpfungspunkte, teils als Hindernisse der Entwicklung. Es steht bildlich gesprochen etwa der Prinzipalmarkt in Münster gegen die verkehrsgerechte Stadt der Lavesallee in Hannover oder die Trabantenstadt à la Neu Vahr in Bremen.
Während viele hochbauliche Einzelleistungen der 50er Jahre auf weithin positive Resonanz stießen, tat sich der Städtebau, durch das nie zuvor gekannte Maß an Flächenzerstörung zu raschen Lösungen herausgefordert, ungleich schwerer. Auf der einen Seite erlaubte eben diese Flächenzerstörung, die grundsätzlich richtigen städtebaulichen Vorschläge der 20er Jahre nun anzugehen. „Die Chance zum Neubeginn, der Revision mancher unglücklicher Stadtentwicklung der Gründerzeit, und zur Verwirklichung vor dem Krieg nicht durchsetzbarer Verkehrskonzepte hing unter dem Strich definitiv ab von den verfügbaren Mitteln...“ (Hackelsberger). Andererseits setzten die in der Regel unzerstörten städtischen Infrastrukturen von Straßen und Versorgungsleitungen dem völligen Umbruch überraschende Grenzen. Große städtebauliche Würfe oder neue Stadtgrundrisse blieben folglich die Ausnahme, kleinliches Mittelmaß war die Regel, gepaart allenfalls mit breiten Verkehrsschneisen – fast alle Anstrengung galt dem Abbau der Wohnungsnot, die binnen anderthalb Jahrzehnten nahezu geschafft war.

Voll Stolz auf eine ungeheure Wiederaufbauleistung dominiert ab 1960 das Bewusstsein, vor neuen Aufgaben in einer neuen Zeit zu stehen und endlich über entsprechende Steuerungsmittel zu verfügen: Integrierte Stadtentwicklungsplanung als neuer Ansatz, verbunden mit Visionen einer hochtechnisierten Zukunftsstadt.

Doch die Enttäuschung überhöhter Erwartungen, bestens umschrieben mit Alexander Mitscherlichs Schlagwort „Von der Unwirtlichkeit der Städte“ (1965) und die längstens mit der ersten Energiekrise aufkommende Einsicht in die „Grenzen des Wachstums“ bereiten den Boden für einen Rückbesinnung auf die Geschichte – als Anhalt für die kollektive Erinnerung und als Verkörperung von weiterhin gültigen Werten. Damit bereitete sich ein Umschwung vor, der durch das „Europäische Denkmalschutzjahr“ 1975 mit der einprägsamen Parole „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ Ausdruck fand und ungeahnte Schubkraft erhielt. Norbert Huse pointierte dies so: „Von der Gegenwart enttäuscht und ohne Vertrauen auf das Kommende, befriedigte die Gesellschaft ihr Utopiebedürfnis durch Geschichte.“ Die große Resonanz, die der oben erwähnte 1978 entschiedene Wettbewerb „Stadtgestalt und Denkmalschutz im Städtebau“ fand, bestätigt ebenso eindruckvoll den Wandel der Perspektive wie manche architektonisch - städtebaulichen Entwicklungen der Gegenwart.

Die neue Architektur stand dem ein wenig orientierungslos gegenüber und musste nolens volens verstehen lernen, dass die Moderne augenscheinlich gescheitert war. In Anknüpfung an Venturis Versuche einer Revision der Moderne setzte ab 1975/1980 die Postmoderne ein. Verknappt ausgedrückt war es eine Architektur des radikalen Pluralismus im Sinne eines „anything goes“ und der Wiederentdeckung des Details als Symbol und Darstellungselement. „Der sprechenden Einzelform kam wieder Bedeutung zu, was sie breithin verständlicher machte“, so Heinrich Klotz.
Vom immer rastloseren Zeitgeist getrieben, folgte auf die Postmoderne die Zweite Moderne, dazu Konstruktivismus und Dekonstruktivismus mit einem immer unübersehbareren Hang zur gänzlichen Flucht aus der Moderne, wenn Sie sich etwa dieses Projekt von Hild+K in München oder von Stefan Höhne 2004 in Berlin vor Augen halten.

Damit bin ich am Ende meines ersten These, die da lautet, dass sich die gegenwärtige öffentliche Meinung mit moderner, aktueller Architektur aus vielerlei, zumal in Bayern erklärbaren Gründen schwer tut. Gewiss, es gibt sie immer wieder, die herausragenden, meist monumentalen Einzelprojekte etwa von Norman Foster, Saha Hadid oder Sanaa, die mit staunender Bewunderung wahrgenommen werden, allerdings eher als Kunstwerke, denn als Bauwerke. Es finden wahre Völkerwanderungen statt zu den vielen, teilweise aufregend modernen Museumsneubauten in  Bayern und weit darüber hinaus. Doch gleichzeitig scheint mir hinsichtlich des Neuen Bauens in der städtischen Gemengelage in der breiten Bevölkerung eine überwiegende Abneigung gegen Neues Bauen die grundlegende Haltung zu sein, was Sie für das Folgende im Hinterkopf behalten mögen.

Sie haben gemerkt, Denkmalpflege, also das Tun meiner Zunft, kam bis hierher nicht vor. Der Grund liegt darin, dass sich die Bundesländer grosso modo erst nach 1970 eigene Denkmalschutzgesetze zulegten und mit dem vielgliederigen Aufbau größerer und damit handlungsfähigerer Denkmalämter begannen. Zuvor blieb unser Tun beschränkt auf herausragende Einzelbauten, Kirchen, Schlösser und andere profane Glanzlichter, was zumal der bauenden Zunft der freien Architekten durchaus zupass kam, hielt sich die Denkmalpflege aus dem „normalen“ Bauen und dem Städtebau meist heraus. Und kaum ein Berufsstand außer dem allgegenwärtigen Kommunalpolitiker hat sich seither mehr an der Denkmalpflege gerieben als die Architekten. Zu deren Ehrenrettung darf ich anerkennen, dass sie mit ihrem Störfeuer nicht immer Unrecht hatten, denn die Denkmalpflege hat sich mitunter in der Tat kritikwürdig verhalten – doch das ist ein anderes, wenn auch weites Feld, das nicht hierher gehört.

Ich denke, es ist an dieser Stelle sinnvoll und notwendig, die Strukturen der für Bamberg zuständigen Denkmalpflege und deren Zuständigkeiten kurz zu umreißen, denn da scheint selbst 38 Jahre nach Inkrafttreten des Bayer. Denkmalschutzgesetzes noch immer eine weit verbreitete Unklarheit zu herrschen.

Die Stadt Bamberg ist eine alte Stadt mit einer ganz beträchtlichen Fülle von Einzeldenkmälern. Weiterhin ist sie ein Denkmalensemble, das, rein flächenmäßig zu den größten in Deutschland zählt, sodann ein Stadtdenkmal und schließlich eine Weltkulturerbe-Stätte. Alle denkmalgeschützten Objekte sind nachrichtlich in der von der staatlichen Denkmalpflege für die Stadt erstellten Denkmalliste enthalten. Ebenso dort kodifiziert ist der Geltungsbereich des Ensembles Stadt Bamberg. Für den Umgang mit dieser Stadt in jedwedem baulichen Zusammenhang heißt dies, die Regularien des Denkmalschutzgesetzes zu beachten und sich regelmäßig damit abzufinden, dass die allermeisten Maßnahmen an den Bamberger Gebäuden gemäß art. 6 Denkmalschutzgesetz einer Erlaubnis bedürfen. Grundlage einer Erlaubnis sind die Bestimmungen des Denkmalschutzgesetzes und eine ganze Reihe von Regularien und sonstigen Übereinkünften, die sich zwischen Stadt und Denkmalamt im Laufe der Zeit als zweckmäßig herausgestellt haben.
Erteilt wird diese Erlaubnis von der Stadt Bamberg als Untere Denkmalschutzbehörde, wenn einer Maßnahme denkmalfachlich nichts entgegensteht. Beurteilt wird dies durch das beim Hochbauamt der Stadt angesiedelte Team Denkmalpflege, welches, meist bei den regelmäßigen Amtstagen des Denkmalamtes, von der für Bamberg zuständigen Vertreterin des Landesdenkmalamtes beraten wird. Das BLfD ist damit wohlgemerkt nicht Vollzugsbehörde, sondern die staatliche beratende Fachbehörde, die fachliche Entscheidungen formuliert und zur Umsetzung vorschlägt, während der Vollzug, also die rechtliche Umsetzung denkmalfachlicher Entscheidungen grundsätzlich bei der Stadt liegt, und zwar beim Bauverwaltungsamt, welches die Bescheide erstellt und versendet.
Bei dem Entscheidungsprozess im Rahmen des Behördensprechtages können, aber müssen nicht, mitwirken der Stadtheimatpfleger oder Vertreter des 2008 ins Leben gerufenen Zentrums Welterbe Bamberg, der städtischen Clearingstelle für alle Fragen des Weltkulturerbes.
Handelt es sich bei einer anstehenden Maßnahme um eine baurechtliche oder baugenehmigungspflichtige Entscheidung nach Bayer. Bauordnung, so ist der denkmalfachliche Teil von der städt. Denkmalpflege abzuklären und in das Baugenehmigungsverfahren einzubringen, welches fallweise schließlich dem Bausenat der Stadt zur Entscheidung vorzulegen ist.
Sie können sich jetzt die Komplexität der Entscheidungsgänge vorstellen und sich leicht ausmalen, wo eine Entscheidung primär denkmalfachlich bleibt oder in den stadtbaupolitischen Bereich übergehen kann, für den der Stadtrat der Stadt Bamberg letztverantwortlich ist.
Bevor Sie also in Zukunft bereitwillig über die Denkmalpflege herzufallen gedenken, gönnen Sie sich einen Moment des Innehaltens und Nachdenkens über die tatsächliche Verantwortung für eine Entscheidung im Einzelfall.

Die alte Stadt – bleiben wir nun ruhig bei Bamberg – ist in 1000 Jahren entstanden, davon die längste Zeit in der Folge von der Not gehorchenden oder Baulust verspürenden Einzelentscheidern, Herrschern, Fürstbischöfen, die an der Bevölkerung vorbei für die Stadtentwicklung verantwortlich waren, während das bevölkerungsbasierte Bauen allenfalls Restflächen füllte und nicht Entwicklungen beförderte. Brannte etwas ab, baute man neu, war etwas zu alt oder altertümlich geworden, ersetzte man es durch Neues; passte dem Landesherrn eine gewisse Stadtenge nicht mehr, so schaffte man durch Abriss neue Freiräume, die sich größermaßstäblich bebauen ließen – stadtplanerische Überlegungen oder Vorschriften spielten anders als etwa im Italien ab dem Quattrocento zu nächst eine allenfalls geringe Rolle. Als etwa im nahen Würzburg der Souverän einer neuen standesgemäßen Residenz bedurfte, ließ er ein ganzes Stadtquartier abreißen und den kurz zuvor begonnenen bescheideneren Versuch seines Vorgängers buchstäblich links liegen. Neumann konnte die Residenz bauen, damals städtebaulich maßstabsprengend, heute Weltkulturerbe – ähnliches in Bamberg, denken Sie an die Neue Residenz am Domplatz, die ebenfalls kleinteilige Strukturen zerstörte und überbaute, heute aber ganz selbstverständlich zum Kernbereich des Welterbes zählt. Im Jahre 1700 erschien ein Dekret des Fürstbischofs Lothar Franz von Schönborn, der da wünschte, alle älteren Häuser seien nun mit einem Barocken Gewand zu versehen und stellte zwecks besserer Durchsetzbarkeit Steuervergünstigungen in Aussicht. Stellen Sie sich vor, der Bamberger OB Starke würde, in welcher Robe auch immer, Ähnliches fordern – das würde ihn mit Sicherheit den Kopf kosten.
Der Souverän entschied nach Gusto und holte sich, je nach Finanzlage, die angesagtesten Baumeister der Zeit. Mit dem Untergang solcher Herrschaftsgefüge gingen 1803 eine Fülle von Klöstern verloren und boten Platz in Hülle und Fülle zu Abriss und Neubau oder zu großzügiger Umnutzung.
Eine wirkliche städtebauliche Entwicklung gelenkter Natur fand eigentlich erst im Gefolge der Industrialisierung des 19.Jahrhundert statt, als nahezu ungehemmter, explosiver Bevölkerungszuwachs die alten Städte vor zuvor ungekannte Probleme stellte. Denn nun galt es rasch, Wohnraum für Arbeiter, Versorgungseinrichtungen für die Bevölkerung, grundlegende Be- und Entwässerungsstrukturen, neue und vermehrte Verkehrswege zu schaffen. Mit der Jahrhundertwende begann man sich über städtebauliche Strukturen grundsätzlich Gedanken zu machen. Man setzte sich mit Ideen auseinander, die andernorts, vornehmlich in England mit seinem dreivierteljahrhundert Vorsprung in der industriellen Entwicklung, entstanden, ausprobiert und formuliert worden waren. Für Bamberg sei stellvertretend Erlwein als der erste große Stadtbaumeister genannt, der neue Bauaufgaben großzügig planen und realisieren konnte und so entscheidende Weichen für weite Areale östlich der Regnitz stellte. Die unter ihm begonnene urbane Verdichtung zwischen Fluss und Eisenbahn, dann jenseits dieser bis zum Hauptmoorswald, war bis Ende der Dreissiger Jahre grundlegend fixiert. Dank der vergleichsweise geringen Kriegsverluste gab es in Bamberg zunächst keine fundamentalen Neuplanungszwänge – neben den zu notierenden Kriegsreparaturen lag die Hauptbauaufgabe in der zügigen Wohnungsmehrung für den Bamberger Bevölkerungszuwachs infolge der großen Flüchtlingsverschiebungen nach 1945.
Die Fünfziger bis Siebziger Jahre sind ansonsten gekennzeichnet durch entweder markante städtische Einzelbauvorhaben der Ära Rothenburger oder privater Investoren, darunter sicherlich bedauerliche Verluste durch Abbruch und Neubau beispielsweise am Schönleinsplatz oder in der Langen Straße oder einige wenige markante Neubauten wie etwa das EVO-Hochhaus in der Luitpoldstraße. Stadtbaudirektor Rothenburger war abseits aller Planungsvorhaben zudem der Vater des „Bamberger Modell“, mit dem die Stadt schon zwei Jahrzehnte vor der Denkmaleuphorie der Siebziger Jahre die Sanierung der Alten Stadt erfolgreich anzukurbeln suchte. Das andere unübersehbare Problem war der zunehmende Individualverkehr, den die alles andere als autogerechte Stadt bis heute mit viel Mühe zu lenken sucht. Die kommunale Gebietsreform in Bayern von 1979 nahm der Stadt faktisch nachhaltige Erweiterungsflächen und zwang zur städtebaulichen Siedlungsverdichtung wie etwa in Südwest oder am Südrand von Gaustadt. Abgesehen von wiederum prägnanten Einzelmaßnahmen wie Konzert- und Kongresshalle und der längst überfälligen Auslagerung des Klinikums aus der Innenstadt fand Bauen seither überwiegend in Einzelmaßnahmen statt, vom gezielten, Innenstadtverdichtenden großzügigen Universiätsausbau abgesehen vornehmlich durch Sanierung von alter Bausubstanz, wo es diese Stadt zweifellos zu herausragenden Leistungen gebracht hat.
Begründet durch die eigene kontinuierliche, zäsurarme weil vom Krieg verschonte stadtgeschichtliche Entwicklung gehört Bamberg zu den wenigen deutschen Städten, in denen man die andernorts untergegangene, zerstörte und von massiven Brüchen gekennzeichnete Stadtentwicklung auf Schritt und tritt spüren, erleben kann. Eine solchermaßen ungestörte Rückschaumöglichkeit bekommt angesichts der deutschen Geschichte im 20.Jahrhundert mit ihren gewaltigen Zerstörungen durch den 2. Weltkrieges damit unversehens einen Eigenwert, begünstigt das Bewusstsein um die eigene seltene Sonderstellung und führt zu einer breit verankerten Wertempfindung, von welcher der Schritt zur erfolgreichen Aufnahme in die Weltkulturerbeliste nur noch ein kleiner war.

Intensiver als in anderen Städten stehen in Bamberg mit seinen über 4000 Baudenkmalen und den unterschiedlich bemessenen Grenzen von Ensemble, Stadtdenkmal und Weltkulturerbe Architektur und Denkmalpflege in einem engen Dialog,
nicht nur bei Restaurierung oder Umbau von alter Substanz, sondern immer wieder
auch, wenn es um Neues Bauen der Gegenwart in der von der Vergangenheit geprägten alten Stadt geht, wobei man die lediglich beratende Funktion der Denkmalpflege nie außer acht lassen sollte.

In der Denkmalpflege herrscht grundsätzlich Einigkeit darüber, dass im Dialog zwischen Alt und Neu der materielle Schutz der Denkmalsubstanz Vorrang hat. Weiterhin dürfte unbestritten sein, dass zeitgenössische Eingriffe stets reversibel ausgeführt werden sollen. Die Diskussion setzt regelmäßig dort ein, wo es um die Gestalt des Neuen geht, wobei sich zwei Grundrichtungen auftun: eine konservative, die das Neue auf eine harmlose Ergänzung des Bestandes beschränken möchte, und eine fortschrittliche, welche für den Fall eines notwendigen Eingriffs im Denkmal auf einem eigenständigen Ausdruck des Neuen besteht.

Mit dem Begriff des „Alterswerts“ hat Riegl die radikalste aller Grundlagen für die Praxis der Denkmalpflege eingeführt...Er gewährleistet, dass es der in der Zeit wirkenden Natur überlassen wird. “Jedes Menschenwerk wird hierbei aufgefasst gleich einem natürlichen Organismus, in dessen Entwicklung niemand eingreifen darf; der Organismus soll sich frei ausleben, und der Mensch darf ihn höchstens vor vorzeitigem Absterben bewahren. So erblickt der moderne Mensch im Denkmal ein Stück seines Lebens und jeden Eingriff in dasselbe empfindet er ebenso störend wie einen Eingriff in seinen eigenen Organismus.“

Der Alterswert schließt folglich ein gemeinsames Handeln von Denkmalpflegern und Architekten aus. So betrachtet ist der Konflikt unlösbar. Aber auch das andere, weniger radikale Rieglsche Prinzip, der historische Wert, entzweit, denn es fordert, dass das Denkmal seinen ursprünglichen geschlossenen Zustand behält und offenbart, also einen verändernden Eingriff etwa im Zuge einer erforderlichen Umnutzung ausschließt. Entgegen dieser Theorie gibt es im Kreise der Denkmalpflege seit langem einen guten Kompromiss, eine versöhnliche These, der zufolge moderne Architektur im Zusammenspiel mit historischer Bausubstanz nicht ausgeschlossen werden soll, sofern denn wirklich gute Architekten herangezogen werden. Bei genauem Hinsehen fällt allerdings auf, dass die alte Substanz bei solchem Zusammenspiel meist in den Hintergrund geraten, fast durchwegs zu einer Bühne mutiert ist, auf der das Neue raffiniert inszeniert wird. Und je virtuoser die Leistung des Architekten ist, desto schwerer fällt es, sich auf das alte Bauwerk zu konzentrieren. Die Wahrnehmung des Alten wird durch das Neue mitbestimmt.
Dass dies auch anders geht, mögen 2 Beispiele belegen, die sorgfältig zwischen Denkmal und neuer Architektur unterscheiden:

Da gibt es einmal den beharrlichen Meister der “Fuge“, Karljosef Schattner, der länger als ein Vierteljahrhundert in einem kleinen bayerischen Bischofsstädtchen wirken und in dieser Stille zum Virtuosen werden konnte. Dabei bildete sich, wie Manfred Sack dies in den „Zeit-Punkten 6/99" formulierte, ein altertümlich erscheinendes Verhältnis zwischen Baumeister und seinem Bauherren heraus, den er auf bewundernswerte Weise von der Notwendigkeit modernen Bauens hatte überzeugen können. Der von ihm vielfältig umgesetzte und immer aufs Neue spannungsreiche Dialog von Geschichte und Gegenwart kümmert sich wenig um Anpassung. Neues und Altes sind prinzipiell voneinander geschieden - durch die Fuge. Selbstbewusst auf zeitgenössische Weise mit den sich jeweils dafür empfehlenden Baustoffen, ob Beton, Mauerwerk oder Stahl und Glas variierend ging es ihm um die meist bewusst kontrastierende Korrespondenz seiner Bauten zu ihrer direkten, meist barocken Umgebung. „Übergänge nicht zu verschleifen, Gestern und Heute klar zu trennen, die Schichtungen zu zeigen“, war die Richtschnur seiner Entwurfskonzepte, ebenso einfach wie immer wieder aufs Neue in sich stimmig.
Er hat es wie vor ihm kaum ein anderer verstanden, für neue Bauaufgaben eine Gestalt zu finden, die sich ebenso selbstverständlich wie unaufdringlich im unmittelbaren Nebeneinander mit dem Alten zu behaupten weiß. Hier wird das Alte eben nicht zur Bühne der eigenen Inszenierung!

Und zum anderen das vermutlich geglückteste Beispiel von Rekonstruktion und Erweiterung eines Denkmals in der Nachkriegsgeschichte: die Alte Pinakothek in München nach der Intervention von Hans Döllgast. Er hat hier ein Jahrzehnt früher umgesetzt, was 1964 in der Charta von Venedig so gefordert wird: „ Die Elemente, welche dazu bestimmt sind, fehlende Teile zu ersetzen, müssen sich dem Ganzen harmonisch eingliedern, aber dennoch vom Originalbestand unterscheidbar sein, damit die Restaurierung den Wert des Denkmals als Kunst- und Geschichtsdokument nicht verfälscht“.
Die ungeschönte kriegsversehrte Fassade ist nur das weithin sichtbare Zeichen eines sorgfältigen aber entschiedenen Umgangs mit dem historischen Bestand, der das ganze Bauwerk betrifft. Hier ist auch der wahre Grund für das zu suchen, was an diesem Beispiel so bewegt. Es liegt eine seltsame Spannung in der Beziehung von Bestand und Zufügung gegenüber der räumlichen Organisation des Gebäudes. Denn Döllgast hat im Zuge der Rekonstruktion der zerstörten Teile vor allem auch jene lange Treppenanlage eingeführt, die das ganze Haus in seiner Längsrichtung spannt und zugleich eine räumlich erlebbare neue Mitte bestimmt. Die Zufügungen, die konsequent dem Geschick der Zerstörung unterstellt scheinen, spielen im Widerspruch dazu einen zentralen, konstituierenden Part im erneuerten Denkmal. Ein Teil der genannten Faszination geht wohl auf die elementare Wirkung zurück, die von den neuen Teilen ausgeht. Es ist eine Kraft, die sich mit dem Denkmalbestand zu einem untrennbaren Ganzen vereinigt hat. Das Alte ist hier ebenso selbstverständlich im Neuen aufgehoben wie das Neue im Alten.
Hans Döllgast hat so eine neue Fassung gefunden, die die gesamte Geschichte des Denkmals in sich aufgenommen hat, aber weder den Alterswert noch den historischen Wert Riegls zur Gänze respektiert, sondern durch einen sehr bewussten Umgang mit dem Bestand einen neuen Wert schafft, der seinerseits längst denkmalwert geworden ist.

Und was ist mit der Gegenwart? Schwierig, möchte ich sagen – „Architekten sind wir alle...so mit vier oder fünf im Sand oder beim  Spiel mit Klötzchen. Und so mancher hat es schon als Lego-Baumeister begriffen: Die Baukunst ist eine verlockende, oft gar berauschende Kunst...So tun denn auch alle mit Lust ihre Meinung kund, wenn es an den Bau von Häusern geht...Und heftigen Streit über Fassaden und Traufhöhen gibt es in jeder Stadt... Allerdings geht der Blick dabei nur zu oft nostalgisch zurück und sucht das angeblich Bewährte bis hin zur heimeligen Kopie. Schade, wenn nicht gar absurd...“ (Benedikt Erenz, Zeit-Punkte 6/99, 3)

Genau hier liegt das Problem – Jürgen Habermas hat denn auch die Bewegung des Denkmalschutzes in seinen „Briefen zur Verteidigung der Republik“ als Abweg bezeichnet. Als das entscheidende Syndrom der Flucht aus der Moderne nennt er den „Neo-Historismus“, den er mit Neukonservativismus gleichsetzt. Er schließt sich der Mehrheitsmeinung an, überall dort das Konzept der Moderne verraten zu sehen, wo ein Bezug zur Geschichte bewusst hergestellt wird, sei es in Form nostalgischer Wiederbelebungsversuche, sei es in Gestalt historisierender Anspielungen oder rücksichtsvoller Anpassung. Blick auf die Geschichte ist – gleich welcher Art – ein Rückfall gleich einem Bekenntnis zur Gegenmoderne. Gehört also zur Gegenmoderne der nostalgische Wunsch einer Wiedergewinnung von Geschichte mit gefälschter Patina? Der dieses fragende Heinrich Klotz hat in seinem geistreichen Aufsatz über den „ästhetischen Eigensinn“ genau die Diskussion vorausgesehen, die jüngst Christan Welzbacher in seinem kleinen Bändchen „Durchs wilde Rekonstruktistan. Über gebaute Geschichtsbilder“ persifliert und altgediente Vertreter einer akademischen Denkmalpflege wie Adrian von Buttlar, Georg Mörsch oder Achim Hubel in den jüngsten Bauwelt-Fundamenten „Denkmalpflege statt Attrappenkult“ vehement geißeln. Statt goldenen Zeiten für die Architektur des 21. Jahrhunderts hat uns die Gegenwart viel Seltsames beschert, was mit Denkmalpflege eigentlich nichts zu tun hat, in die sie aber in den Augen einer breiten Öffentlichkeit involviert scheint.

Ursächlich für die in den Köpfen der breiten Öffentlichkeit verankerten Synapse Rekonstruktion – Denkmalpflege ist die erschreckend unkritische, breite Akzeptanz des Wiederaufbaus der historischen Stadtzentren in Polen als vermeintlich herausragende denkmalfachliche Leistung – dies freilich unter dem bedrückenden Vorzeichen der Auslöschung polnischer Kultur durch das nazionalsozialistische Deutschland! Der Wiederaufbau war die konsequente Reaktion der polnischen Nation auf die totale Zerstörung – einen anderen Weg zur Rückgewinnung kultureller, nationaler Identität wollte oder konnte man nicht gehen. Konstanty Kalinowski, einer der Großen in der polnischen Denkmalpflege, erkannte 1993 selbstkritisch, dass die polnische Denkmalpflegeschule nachgerade herausforderte, selbst total zerstörte Objekte mitsamt Details und Innenausstattung von Grund auf zu rekonstruieren. Dies habe im Kreis der Berufsdenkmalpfleger, der Behörden, leider auch im Bewusstsein der breiten Masse, selbst der gebildeten Kreise die Überzeugung begründet, dass es legitim sei, jedes historisch bedeutsame Objekt ... gänzlich neu zu errichten. Die eigentliche Echtheit historischer Materie ist aus dem Gesichtfeld von Denkmalpflege und Gesellschaft völlig entschwunden. Das führt letztlich zu einer in der alltäglichen Berufspraxis des Denkmalpflegers immer wieder anzutreffenden Haltung von Bauwilligen, die sagen: Hör mal, lass’ mich das doch einfach abbrechen, denn ich baue es genauso wieder auf wie es war; die paar Änderungen im Inneren machen doch nichts. Dann ist es wie neu und hält wieder länger – und es passt mir besser und es passt doch überhaupt besser!
Die dahinter sich verbergende völlige Negierung des Alterswertes, die Gleichgültigkeit gegenüber dem historisch gewachsenen Umfeld lässt eben dieses zum auswechselbaren Bühnenbild werden.

Sie ahnen, worauf ich hinaus will – das Bauen hat in vielen alten Städten eine wie ich finde merkwürdige Form angenommen. Anstatt aus den vieldiskutierten Fehlern des Städtebaus der 50er und 60er Jahre zu lernen und sich von Neuem mit der Materie grundlegend auseinanderzusetzen, führt die Flucht aus der Moderne in Retroarchitektur und einem eigentümlich aktuellen Verlangen nach Rekonstruktion.

Gewiss, gerade letzteres ist nicht neu, gab es zu allen Zeiten, vom Zeus-Tempel in Olympia bis hin zum Campanile von San Marco in Venedig, nach Einsturz 1911 wieder aufgebaut. Diese waren legitimiert durch Notsituationen, Katastrophen, unbedenklich. Eine ethische Diskussion über Gut oder Schlecht setzte in Deutschland erst nach dem Kollaps des 2. Weltkriegs ein und bewegte sehr bald heftig die Gemüter, wie die seitdem vielfach publizierte Diskussion um zwei Nationaldenkmäler in Frankfurt belegt, das Goethehaus und die Paulskirche. Mit beider Untergang 1944 waren wesentliche, Identität stiftende Kernbauten von nationalem Interesse eigentlich unwiederbringlich verloren. Während Rudolf Schwarz unter bewusster Hinnahme des Verlustes die zuvor festlich klassizistisch geprägte Kirche zu einem kargen, großen Versammlungsraum mit verändertem äußeren Kontur bewusst interpretierend umformte, setzte Ernst Beutler, der Direktor des Goethehauses, gegen massivste intellektuelle Widerstände ab 1949 dessen Rekonstruktion durch, die dadurch vom Einzelfall zum Paradigma geriet. Bundespräsident Heuss führte in seiner Einweihungsrede am 10. Mai 1951 „beschwichtigend den Begriff „Restaurierung“ ins Feld, um den Gegnern der Rekonstruktion rhetorisch die Spitze zu nehmen: Ich kenne einen Teil der polemischen Diskussion über all solches Restaurierungsbedürfnis mit seiner Gefahr, das einmal Lebendige im bloßen Musealen zu banalisieren. Man muß die Motive im Grundsätzlichen wie im Konkreten würdigen. Aber ich glaube, die Dinge, die einmal lebhaften Streit verursachten, sind schon ‚den  Bach hinunter’...Aus einem ganz einfachen Grund: Das Haus steht da, die Leistung spricht und wirbt für sich selber“ (Welzbacher S.67). Hier begegnet zum ersten Mal die Macht des Faktischen als alleiniges Korrelativ, das noch immer höchst aktuell ist, wie Sie sehen werden. Das Haus am Frankfurter Hirschgraben hat zudem seinen Alterswert verloren und bezieht seinen Eigenwert allein aus dem Neubau im alten Gewande. Es ist nicht als Zeugnis der Goethezeit, sondern der Nachkriegsepoche historisch geworden und nur als solches zu verstehen und zu akzeptieren.

Ein klein wenig anders verhält es sich mit meinem nächsten Beispiel, der Frauenkirche in Dresden samt dem sie umgebenden Neumarkt. Auch sie ist ein Nationaldenkmal wie das Goethehaus, aber in anderem Sinne: Die unbestreitbar große Architekturleistung George Bährs mit seiner für das Stadtbild des Elbflorenz wirkmächtigen und damit eigentlich unverzichtbaren steilen Kuppel war mit der Zerstörung der Stadt zu einem gigantischen Trümmerhaufen mutiert. Der Steinhaufen enthielt eine große Fülle trotz Einsturz erhaltener, durchaus wieder verwendbarer Spolien, die bereits Ende der 40er Jahre die sächsische Denkmalpflege zu ernsthaften Wiederaufbauplänen motivierten. Im Wissen um die Wirkmächtigkeit des Symbols „Frauenkirche“ beschloss das herrschende System allerdings, den Trümmerhaufen dieses Symbols als unantastbar zu erklären und eben diesen zum Denkmal gegen den Krieg, zum Mahnmal an den Untergang der Stadt als Folge des Faschismus emporzustilisieren. Der aus technischer Sicht durchaus wieder verwendbare Trümmerhaufen der Frauenkirche war damit von „oben“ politisch belegt und festgeschrieben. Mit dem Untergang dieses für die Usurpation allein verantwortlichen Systems etablierte sich eine Bürgerbewegung, die es schaffte, den Wiederaufbau tatsächlich durchzusetzen und zu einer nationalen Angelegenheit zu machen, zu der schließlich sogar die Königin von England beigetragen hat. Es ist ein seltsames Denkmal geworden, das mit hoffentlich sich einstellender egalisierender Patina seine Seltsamkeit verlieren wird.

Die Rekonstruktion der Dresdener Frauenkirche hat immerhin dreifache Legitimation, nämlich einmal das Nachholen des damals vorbereiteten, aber 1951 verbotenen Wiederaufbaus als Teil der Kriegsschadenbewältigung, sodann als augenscheinlich unverzichtbares, identitätstiftendes Objekt der sächsischen Metropole selbst und schließlich und vor allem als Rache am untergegangenen politischen System: Das Nationaldenkmal gegen Faschismus und für den Frieden verwandelte sich in ein unausgesprochenes Nationaldenkmal gegen das überwundene System der DDR. Dieser zudem denkmalfachlich und wissenschaftlich akribisch begleitete Wiederaufbau ist ein herausragender, einzigartiger Sonderfall eines wesentlich politisch begründeten, freilich arg verspäteten Nachkriegswiederaufbaus. Und als solcher hat er meinem Selbstverständnis nach durchaus seine Berechtigung, auch wenn ihm eine spürbare historische Aura abgeht, was Mancher beim Betreten spürt.

Ähnlichem und, meinem Dafürhalten nach, zugleich gänzlich Anderem begegnen wir im Berlin des ersten Nachwendejahrzehnts in der bisher nur auf dem Papier entschiedenen Frage um das Berliner Stadtschloss, die ich nur kurz streifen will, denn das Für und Wider böte Stoff für eine ganzer Vorlesungsreihe.
Im Sommer 1993 entstand in der Mitte der Stadt die Attrappe des Berliner Stadtschlosses, das im Kriege vollkommen ausgebrannt, bis auf jenen Risalit samt Balkon, von dem Scheidemann 1918 die Republik ausgerufen hatte, 1950 von der DDR gesprengt worden war. Wilhelm von Boddien, Landmaschinenhändler und offensichtlich begabter Lobbyist, hatte sich mit einigen Gleichgesinnten in den Kopf gesetzt, die gänzlich abgeräumte Hohenzollernresidenz zu rekonstruieren und damit im alten Zentrum der neuen Hauptstadt Geschichtsreparatur zum Wohle nationaler Identität zu betreiben. Die weitere Entwicklung über Bundestagsbeschluss 2002, Wettbewerb mit einem italienischen Architekturprofessor als Sieger inmitten einer noch längst nicht beendeten Debatte des Für und Wieder kennen Sie, ist bereits Geschichte und stockt wegen vielfältiger Finanzierungsprobleme bis heute.

Roland Stimpel, Chefredakteur des Deutschen Architektenblattes, hält in seiner reichlich tendenzösen Kritik zum erwähnten „Denkmalpflege statt Attrappenkult“-Buch im Heft 1/2011 den Vertretern der „reinen Denkmal-Lehre“ entgegen, dass den Rekonstruierern diese „piepegal“ sei. Mit dieser Lehre konfrontiert, referiert er flugs die Meinung des Herrn von Boddien: „Das mag ja alles sein. Aber ich finde das Schloss schön.“ Wenn es sich auch erübrigt, dies zu kommentieren, so macht das parallel gelaufene Schicksal von Erichs Lampenladen, des 1972 fertiggestellten „Palasts der Republik“ nachdenklich. Reicht das Argument der immensen Schadstoffbelastung aus, den Vorwurf von Geschichtskorrektur und nationalem Revanchismus wirklich zu entkräften?

Aus meiner persönlichen Sicht wirklich Arges geschieht gerade in Frankfurt, das in der Ära Walter Wallmanns vor 35 Jahren schon einmal einen kräftigen Schluck aus der Flasche des süßen Stadtbildrekonstruktionstranks probiert hatte. Dort zauberte man die Römerberg-Ostzeile vor eine innere moderne Stahlbetonkonstruktion zauberte und erhielt ungeachtet der heftigen Kritik aller Bauschaffenden eine ziemlich breite Zustimmung der öffentlichen Meinung. Hier ist aber ein Stadtbild manipuliert worden, wurde Illusion als Realität verkauft, ist eine Fälschung geschaffen worden in der kalkulierten Hoffnung, dass die geschichtliche Rechtfertigung sich mit der Zeit schon selbst einstellen wird – um es mit Karl Valentin zu sagen: „was ich heute fälsche, ist morgen von gestern.“

Heute soll nun zwischen Dom und Römer, dort wo sich bis vor einem dreiviertel Jahr noch das Technische Rathaus befand, 1970 bis 74 von Bartsch, Thürwächter und Weber  errichtet und bundesweit beachteter Preisträger für vorbildliches Bauen, soll mit der Dom-Römer-Neubebauung nach dem Willen der Frankfurter Stadtmutter Roth „die Geschichte des Ortes wieder erlebbar“ werden. Neben der originalgetreuen Kopie von 8  vor bald 70 Jahren untergegangen Stadthäusern sollen auf bis zu 27 Parzellen des 9000 qm großen Areals weitere Wohnquartiere entstehen, „in Anlehnung an den Vorkriegszustand, aber mit dem Komfort des 21.Jahrhunderts“.
Angesichts solcher Vorgabe beschränkte sich die kreative Leistung der immerhin 56 teilnehmenden Architekturbüros darauf, wie Laura Weissmüller in ihrem bitteren SZ-Beitrag vom 17.Mai des Jahres anmerkte, „herauszufinden, auf welche Weise Materialien von heute wie Stahl und Beton für einen bauhistorischen Maskenball genutzt werden können und ob ein Wohnkomfort von heute nicht doch auch hinter Butzenscheiben möglich ist.“ Wenn das Wettbewerbsergebnis dann von der Ausloberseite auch noch als ein Zeichen dafür gesehen wird, „dass unbedingter Fortschrittsglaube von einer eher reflektierenden Betrachtung abgelöst wurde“, wird mir weniger um Neues Bauen in der alten Stadt als viel mehr um Betrachtungsfähigkeit  in der Gegenwart überhaupt bange.

Hier wird sich bis 2015 genau das in perfekter Perfektion vollziehen, was man seit wenigen Jahren im unmittelbaren Umfeld der Dresdner Frauenkirche bereits finden kann, ausschließlich gefällige Kommerzarchitektur. Das neue Bauen in der Alten Stadt kommt wie ein Wolf im Schafspelz daher, gibt sich unschuldig als Wiederaufbau entbehrter Zeugen vergangener Stadtpracht und frisst dabei die letzten überhaupt noch erhaltenen Originalreste auf, nämlich die für die erforderlichen Tiefgaragen hinderlichen Keller und alten Substruktionen. Das man darüber hinaus mit Bauvolumen, Geschossigkeit und Dachausnutzung bis zum Anschlag geht, tritt angesichts des gediegenen Erscheinungsbildes gänzlich in den Hintergrund, garantiert aber erst die erwünschten exorbitanten Verkaufsgewinne. Soll das wirklich die gegenwärtige Konsequenz unserer sogenannten Kulturgesellschaft sein? Oder reflektiert diese Haltung nicht zuallererst eine tiefsitzende Identitätskrise von heute? Ist das unsere Welt?

Michael Ilk, nun fast einem Jahr neuer Baudezernent der Stadt Bamberg, vertrat vor 14 Tagen in seinem Statement zur Eröffnung der Ausstellung „Architektouren 2009 -2011“ im Foyer der Konzerthalle die Auffassung, Erfolg oder Misserfolg von neuer Architektur würde wesentlich von Kommunikation abhängen. Das ist sicherlich nicht grundsätzlich falsch und dürfte eines der entscheidenden Momente für die Bewegung „Stuttgart 21“ sein, doch ist mir das ein wenig zu kurz gesprungen. Natürlich hat man die Öffentlichkeit über Vor- und Nachteile des Stuttgarter Hauptbahnhofs gestern, heute und morgen informiert und anfänglich großenteils auch mitnehmen können. Das zentrale Moment der Stuttgarter Empörung ist aber nicht Christoph Ingenhovens Neubauidee, sondern die gelassene, nein arrogante Kaltschnäuzigkeit, mit der die Öffentliche Hand, Stadt, Land und Bahn vor dem Hintergrund einer nicht mehr zu verleugnenden Kostenexplosion Hand an Paul Bonatz’ Bahnhof von 1914-24 gelegt haben, ohne die Bedenken einer immer breiteren Kritikerschar quer durch die Bevölkerung zu diskutieren. Ich meine, man muss neben aller unverzichtbarer Kommunikation von Bauideen, Planungs- und Bauvorhaben zumal der Öffentlichen Hand die Leute natürlich ein Stück weit bei der Hand nehmen und ihnen die Sinnhaftigkeit von neuen Bauvorhaben erklären. Man muss dies in einem Dialog voll verständlicher Worte tun und sollte niemanden für dumm verkaufen.

Dass solches natürlich gleichermaßen auch für die politischen Entscheider gilt, ist wohl offenkundig und wurde von Hannovers langjährigem Baudezernent Hanns Adrian 1979 so formuliert:
„Die Möglichkeiten der politischen Gemeinde, auf Bauen Einfuß zu nehmen, sind sehr groß. Das Problem ist allerdings, sichere Qualitätsmaßstäbe für die Grundlage des gemeindlichen Handelns zu finden. Gründe hierfür sind u.a.
1. Die Wellenbewegungen in den städtebaulichen und architektonischen Leitbildern ist enorm groß.
2. Die Autorität der Fachleute ist schwer angeschlagen. Politiker berufen sich gerne darauf, dass hochqualifizierte Preisgerichte Projekte zur Ausführung empfohlen hatten, die später größte Proteste hervorgerufen haben, auch aus der Fachwelt.
3. Viele Bürger akzeptieren ihr eigenes Verhalten nicht: Kauf in Warenhäusern, aber Verurteilung derselben als städtebauliches Unding; Autofahren in der Stadt und Verteufelung des Autos in der Stadt.
4. Der Qualitätsbegriff ist subjektiv: bauliche Scheußlichkeiten werden verkauft als „einfacher Zweckbau“, „Kontrapunkt“, „zeitgemäße Lösung“ bis hin „zur Wiedergewinnung von Gemütlichkeit durch Wiederaufbau von historischem Zeug“.
Die Unsicherheit der Bürger ist also die Unsicherheit der politischen Gremien; sie korreliert mit der Unsicherheit der Meinungsbestimmenden Medien. Fazit: Die Meinungsbildung in den Räten erfolgt eher von Fall zu Fall, sie reflektiert eher die öffentliche Meinung oder eine genügend laut vorgetragene Einzelmeinung und bleibt folglich in vielen Fällen labil.“
Ein probates Mittel, solcher auch bei uns zu beobachtender Labilität entgegenzuwirken, ist Fortbildung, also das, was die Bamberger Kulturgruppierungen hier und jetzt begonnen haben.

Na schön, mögen Sie denken, und was soll das uns in unserer Weltkulturerbestadt?
Wir wissen es als Kulturerbestadt doch am Besten, wie das alles geht – sonst wäre wir das ja nicht und alle die vielen Besucher mit all ihrem Geld kämen gar nicht erst.
Dem wollen und müssen wir doch weiterhin Rechnung tragen und uns folglich zunächst danach richten.

Ich hatte oben das für Bamberg besonders geeigneten Zwiebelbild bemüht, in dem man dem möglicherweise unerwünschten Fortentwicklungsprozess etwa durch Verweigerung begegnen könnte, weil solches für das gefeierte Welterbe am einfachsten wäre.
Gewiss, ich überspitze, so gesehen wäre für das Welterbe Bamberg der museale Glassturz, die Vitrine ein Bild – „...jede Welterbestätte ist ein Ort mit einer besonderen, meist historisch begründeten Aura. Die Aura ist die entscheidende immaterielle Komponente der Bedeutung dieses Ortes, oft ihr eigentlicher Kern. Deshalb ist es so wichtig, diese zu schützen“ so Hermann Schefers im Welterbe-Manual 2009. Die Aura, das Numinose, der besondere Duft des Welterbes könnte bei solcher Glasglocke nicht entweichen – man hätte es leichter mit deren Bewahrung. Ebenso das zunehmend Touristen-allergische, -gestresste Gefühl der Bamberger, die die Museumsvitrine nur mit einem kassenbesetzten Zugang versehen müssten, einen Welterbe-Eintrittsobulus erheben, den Ausschank im Schlenkerla rechtzeitig besetzen und die Touristen im Museum kontrolliert sich selbst überlassen könnten. Dann hätten sie endlich das Geld zum Unterhalt des Welterbes, was die Unesco noch nie hatte, und könnten abends hinter den Touristenbussen einfach zusperren und von den Touristenmassen unbeschwert auf a.U. ins Mahrsbräu gehen.

Verzeihen Sie meine Offenheit, aber ich gewinne als Bürger dieser Stadt zunehmend den Eindruck, dass das Welterbe bald alle Köpfe im Schach zu halten scheint. Wie unbeschwert waren da doch die Dresdner, die angesichts des unübersehbaren Verkehrskollapses in ihrer Stadt eine neue Brücke brauchten, ja dringend brauchten. Sie bauen sie nun tatsächlich unverdrossen, flogen dafür aus dem Weltkulturerbe hinaus und haben seitdem kaum einen Touristen weniger.

Die Dresdner flogen wegen einer wirklich dringlichen Brücke raus, die Kölner riskierten Nämliches mit einer etwas schwachsinnigen, überzogenen Hochhausutopie auf der anderen Rheinseite gegenüber dem Dom, besannen sich dann aber ob des vielleit überflüssigen Nonsens noch gerade rechtzeitig ob  – und in Bamberg darf man nicht einmal ein Flachdach zeichnen, ohne das die Verantwortlichen sich aufregen.

Natürlich muss auch und gerade in der alten Stadt neues Bauen möglich sein, allerdings in geordnetem Maße, vielleicht in solchen Kategorien, wie die nachstehenden::
1. Kategorie der Erhaltung, der der Denkmalpflege unterliegt und allenfalls notwendige, geringe Eingriffe zulässt. Der erhoffte städtebauliche Gewinn besteht in der ungeschmälerten Erhaltung der Monumente.
2. Kategorie der Nachempfindung oder Reaktion auf Bestehendes gleich Stadtbildpflege. Ein bisweilen, wie Sie gesehen haben, fragwürdiger, aber durchaus gangbarer Weg, der allerdings zur retrospektiven Stadtbildsicherung führt, ohne einen eigentlichen städtebaulichen Gewinn zu beinhalten.
3. Kategorie der Weiterführung durch Innovation und Neues Bauen, die es, zumal in der Stadtgeschichte immer schon gegeben hat. Kritisch gehandhabt, ist dies der einzige Weg, Fortentwicklung zuzulassen, und – sollte sich diese zum Beispiel im Unterschied zum oben gezeigten Technischen Rathaus in Frankfurt als nachhaltig erweisen – der Altstadtzwiebel neue Schalen geben.
„Diese Kategorien“, so Harald Deilmann, „stehen nicht zur freien Wahl, sondern es kommt stets darauf an, wo man sich befindet und um welche Aufgabe es sich handelt und wie man glaubt, sie am sinnvollsten lösen zu können. Bauen in der Alten Stadt muss aber in jedem Fall ein zeitgenössischer Beitrag sein. Denn es wäre wirklich ein Novum in der Geschichte der Menschheit, wenn eine Generation darauf verzichten würde, ihren eigenständigen Beitrag zum historischen Kontinuum zu leisten, was man als grundlegendes Versagen vor der Lebensaufgabe werten müsste“.

Der Bamberger Alt-OB und als solcher vermutlich Stadtrat auf Lebenszeit fragte, warum man immer Wallfahrtsstätten für Architekturstudenten bauen müsse. Man könne dies gerne woanders machen, „aber bittschön nicht im Weltkulturerbe“.

Ich glaube sogar als Denkmalpfleger daran, dass es auch im Weltkulturerbe besser ist, hie und da zu guter neuer Architektur pilgern zu können als nur das Lied des wohlig heimeligen Alten zu singen. Es ist ehrlicher, auch und gerade in der Alten Stadt der Gegenwart die Chance zu gegenwärtigem Bauen zu lassen. 1927 hatte im konservativen Stuttgart die Weißenhof-Siedlung die Gemüter quer durch die Republik erregt und die tonangebenden Professoren der Stuttgarter Bauschule zu entrüsteten Gegenprogrammen bewegt. Die Weißenhof-Siedlung ist längst weltweit anerkanntes Denkmal, das konservative Gegenmodell weder in Erinnerung geblieben noch überhaupt erhalten.
Wenn man permanent zeitgenössische Architektur zum Feindbild hochstilisiert, als bürgerverachtenden Ego-Trip einzelner Architekten abqualifiziert, dann wird das Vertrauen in die Architektur der Gegenwart untergraben. Dann hat die Gegenwart im Gegensatz zur Vergangenheit keine Zukunft – dann kann, wie Laura Weissmüller es formuliert, die Zukunft für den Bürger nur noch Satteldach heißen. Und eine solche Zukunft will ich – gerade als Denkmalpfleger – gerade auch in dieser Stadt nicht!
Und weil die Denkmalpflege das Freilandmuseum als Reservat seit jeher allenfalls für die ultima ratio gehalten hat und Neues Bauen eben kein Akt der Denkmalpflege ist, kann die Denkmalpflege eben auch mit dem gut gemachten Flachdach deshalb leben, weil es möglicherweise dereinst auch das Zeug zum Denkmal haben kann!