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Kurzbiographien bedeutender Vereinsmitglieder

WILHELM BIEBINGER (1889–-1961)

von RAINER HAMBRECHT in BHVB 141 (2005) 144–-147
Nicht nur die Nachrufe, sondern auch die Beurteilungen während seiner Dienstzeit würdigten ihn als Mann umfassender Kenntnisse, unermüdlichen Fleißes, unbestechlicher Sachlichkeit, von Führungskraft und „ruhiger, unerbittlicher Bestimmtheit“ (Otto Meyer). Allen äußeren Ehrungen abhold, verzichtete er auf jedes persönliche Hervortreten; er war eher einer „der Stillen im Lande“ (Otto Meyer), ein selbstloser Kärrner, dem es allein um die Sache ging. Gemeint war Staatsarchivdirektor Wilhelm Biebinger, dessen Eigenschaften nicht zuletzt dem Historischen Verein Bamberg zugute kamen, dem er von 1946 bis zu seinem Tod 1961, also rund 15 Jahre, als 2. Vorsitzender mit vorstand. Bereits 1952 hatte er seiner unbestreitbaren Verdienste wegen die Ehrenmitgliedschaft des Vereins erhalten.
Als Sohn eines Notars am 28. Juli 1889 in Zweibrücken in der damals noch bayerischen Pfalz geboren besuchte er bis zum Absolutorium (Abitur) 1908 das humanistische Gymnasium in Ludwigshafen. Nach dem Militärdienst folgten von 1909 bis 1914 Studienjahre in München, Erlangen und Marburg. Seine für das Wintersemester 1914/15 bei Prof. Dr. Albert Brackmann, dem späteren Generaldirektor der preußischen Staatsarchive, geplante Promotion vereitelte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den er von Anfang bis Ende mitmachte. Nach seiner Demobilisierung im November 1918 als Leutnant der Reserve setzte er das Studium in Königsberg i. Pr. fort, wohin Brackmann berufen worden war. Dort legte Biebinger 1919 die wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen ab, durchlief – inzwischen verheiratet – bis 1921 den schulischen Vorbereitungsdienst und lehrte schließlich 1921/22 am humanistischen Gymnasium in Bartenstein (Ostpreußen). Allerdings sah er darin nur einen Notbehelf. Sein seit 1917 unbeirrt verfolgtes Ziel war der Eintritt in die bayerische Archivverwaltung. Dank seiner Beharrlichkeit konnte er im November 1922 das Referendariat in München aufnehmen, das er im Juni 1925 mit der bayerischen Staatsprüfung für den höheren Archivdienst abschloß. Mangels offener Stellen mußte er die Zeit bis zur Ernennung zum außerplanmäßigen Archivassessor (1. April 1928) bei der rechtsgeschichtlichen Kommission des Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenrats überbrücken. Seit dem 1. Juni 1928 an das Staatsarchiv Nürnberg versetzt und schon bald dessen „Seele“ (Schreiben der Generaldirektion, 1939) war er dort bis zum 31. März 1941 tätig – zum Schluß etwa ein Jahr als kommissarischer Amtsleiter. Seiner weiteren Archivkarriere stand unter dem Nationalsozialismus trotz bester Beurteilungen die zeitweilige Mitgliedschaft in der Freimaurerloge „Wilhelm zur ostpreußischen Treue“ (1921–1931) entgegen. Sie verhinderte 1938 nicht nur die Aufnahme Biebingers in die NSDAP, sondern bewirkte auch den Entzug eines Ehrenamtes beim Reichsbund der Deutschen Beamten. Als Nichtparteimitglied aber kam er 1939 weder für die Vorstandsstelle des Staatsarchivs Nürnberg noch für die des Stadtarchivs in Betracht. Erst ein allgemeiner Runderlaß des Reichsministers des Innern (6. Juni 1939) änderte die Parteisicht und eröffnete die Möglichkeit, ihn vom 1. April 1941 an zum Vorstand des Staatsarchivs Bamberg und zugleich zum Staatsoberarchivar zu befördern. Die neue Stelle war als Durchgangsstation zu verantwortungsvolleren Aufgaben gedacht. Allerdings konnte Biebinger sie erst unmittelbar nach Kriegsende antreten, da er von 1940 bis 1945 erneut zum Militär eingezogen war. Jetzt, nach 1945, kam ihm zugute, daß er nie NSDAP-Mitglied geworden und daher auch nicht vom Entnazifizierungsgesetz betroffen war. Zum 1. September 1947 erfolgte seine Beförderung zum Staatsarchivdirektor. Ein Schreiben der Generaldirektion würdigte Biebinger 1949 als vorbildlichen Archivbeamten und hob besonders seine Zurückstellung persönlicher wissenschaftlicher Interessen zu Gunsten des Archivs hervor. Lediglich eine Handvoll und dann stets archivisch ausgerichtete Veröffentlichungen entstanden in seiner aktiven Berufszeit, u. a. die „Quellen zur Handelsgeschichte der Stadt Nürnberg seit 1400“ (zusammen mit W. Neukam, 1934) oder das „Pfarrbücherverzeichnis für die Evang.-Lutherische und Evang.-Reformierte Kirche des rechtsrheinischen Bayern“ (1940). Seine Forschungen zu Schloß Seehof (1959) und zum Neuen Ebracher Hof (1961) waren dem Ruhestand vorbehalten. In zweifacher Hinsicht erwarb sich Biebinger mit seiner Tatkraft und seinem Organisationstalent unbestreitbare Verdienste um das Staatsarchiv Bamberg – zum einen durch die rasche Beseitigung der Kriegsschäden am Archivgebäude, danach durch die umgehende Rückführung der während des Krieges ausgelagerten Urkunden und Amtsbücher sowie die Wiederzugänglichmachung der während des Krieges im Keller gestapelten Archivbestände, zum andern schließlich durch den umfassenden Wiederaufbau der Archivpflege. Dabei lag ihm die Betreuung jedes einzelnen, auch noch des letzten Kommunal- und Pfarrarchivs am Herzen. Hierzu veröffentlichte er jeweils Richtlinien „für die landschaftliche Archivpflege“ (1947) und „zum Ordnen der Pfarrarchive und Pfarr-Registraturen in der Erzdiözese Bamberg“ (1953). Unter seiner Leitung wurden 1953 die Inventare für die Stadtarchive Scheßlitz und Weismain sowie der von ihm selbst bearbeiteten Urkunden des Stadtarchivs Lichtenfels herausgegeben. Der Blick und die Hilfe Biebingers reichten dabei immer über das rein Archivische hinaus. So etwa bot er 1950 dem neu ins Leben gerufenen Historischen Institut an der Philosphisch-Theologischen Hochschule in den Räumen des Staatsarchivs eine erste Bleibe. Seine wenige Freizeit widmete er neben der Gesellschaft für fränkische Geschichte und dem Verband der Bayerischen Geschichts- und Urgeschichtsvereine vor allem dem Historischen Verein Bamberg.
Hier besonders engagierte sich Wilhelm Biebinger nach der Ruhestandversetzung am 31. Juli 1954 in seinen letzten Lebensjahren. Bereits am 14. Mai 1946 war er mit ausdrücklicher Genehmigung der Militärregierung gleichzeitig mit dem 1. Vorsitzenden Oberregierungsrat a. D. Köttnitz zum 2. Vorsitzenden gewählt worden. Später stand er Prof. Otto Meyer zur Seite. Namentlich jetzt ließ er sich ganz persönlich die Ordnung und Inventarisation der Archivaliensammlung und der Museumsgegenstände des HV angelegen sein. Außerdem betreute er die umfangreichen Vereinsveröffentlichungen. Von all dem ließ er seinem Wesen gemäß in den Rechenschaftsberichten des Vereins wenig anklingen. Noch auf dem Krankenlager in einer Erlanger Klinik bemühte er sich unermüdlich um die Herausgabe des 96. Vereinsberichts. Am 26. März 1961 erlag er dort seinem Leiden.