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Kurzbiographien bedeutender Vereinsmitglieder

DR. ANTON DÜRRWAECHTER (1862–-1917)
HOCHSCHULPROFESSOR UND 1. VORSITZENDER DES HISTORISCHEN VEREINS

von LOTHAR BRAUN in BHVB 141 (2005) 168–-172
Die Zugehörigkeit der Pfalz zum bayerischen Staatsverband führte vor allem im 19. Jahrhundert zu einem regen Austausch von Beamten und Wissenschaftlern. Zu den Persönlichkeiten, die neben ihrer wissenschaftlichen Befähigung auch Pfälzer Witz ins rechtsrheinische Bayern mitbrachten, gehört Anton Dürrwaechter, den sein Lebensweg schon früh aus seiner pfälzischen Heimat über mehrere historisch denkwürdige Stationen bis nach Bamberg geführt hat. Geboren wurde er am 23. Oktober 1862 in Oggersheim in der vorderen Rheinpfalz als Sohn von Geschäftsleuten. Die Familie zog schon bald nach Ludwigshafen, wo der Vater als Revisor der pfälzischen Eisenbahnen eine Anstellung gefunden hatte. Nach dem Besuch der Volksschule in Ludwigshafen und des Gymnasiums auf dem gegenüberliegenden Rheinufer in Mannheim bezog er 1883 die Universität München, um hier klassische Philologie und Geschichte zu studieren. Tief beeindruckte ihn hier der Historiker Hermann von Grauert (1850–1924), der – wie auch er – dem Katholischen Studentenverein Ottonia angehörte. In diesem weltanschaulich geprägten Umfeld konnte er nicht nur seine organisatorischen Fähigkeiten und seinen Humor entfalten, sondern auch erste historische Forschungen vortragen. Nach Ablegung der Lehramtsprüfung trat er in den höheren Schuldienst ein, stand aber noch im Kontakt zur Universität München, an der er 1895 mit einer text- und sachkritischen Herausgabe der „Gesta Caroli Magni der Regensburger Schottenlegende“ zum Dr. phil. promoviert wurde.
Bereits 1889 hatte Dürrwaechter seine erste Anstellung als Assistent am Neuen Gymnasium in Regensburg angetreten. Schon im folgenden Jahr war er nach Eichstätt versetzt worden, wo er vier Jahre bleiben sollte, um anschließend wieder jeweils vier Jahre am Alten Gymnasium in Regensburg und am Neuen Gymnasium in Würzburg tätig zu sein. Diesen Dienstort verließ er 1902 und wirkte nun  - freilich nur noch für wenige Monate - als Gymnasialprofessor in Freising.
In dieser Zeit war Dürrwaechter durch zahlreiche Veröffentlichungen über historische sowie literatur-, kunst- und kulturgeschichtliche Themen hervorgetreten. Einen breiten Raum nahmen dabei das Jesuitentheater und die Totentanzforschung ein. Sein wissenschaftlicher Betätigungsdrang führte dazu, daß er am 16. April 1903 zum außerordentlichen Lyzealprofessor für Geschichte, Kunstgeschichte und Philologie am Lyzeum in Bamberg ernannt wurde, wo er Nachfolger des frühverstorbenen Dr. Joseph Führer (1858–1903), des Erforschers der sizilianischen Katakomben, wurde. Nach den „Organischen Bestimmungen für die K. Bayerischen Lyzeen vom 20. November 1910“ war seine Amtsbezeichnung nun „Hochschulprofessor“. 1911 wurde das Lehrfach „Philologie“ durch „Geschichte der Pädagogik“ ersetzt. Ein Jahr später wurde er „ordentlicher Hochschulprofessor“, womit er die für einen akademischen Lehrer am Lyzeum mögliche höchste Stufe erreicht hatte.
Ein weiteres Betätigungsfeld fand Dürrwaechter im Historischen Verein Bamberg, dem er seit 1903 als Mitglied angehörte. Der bereits 75 Jahre bestehende Verein hatte um das Jahr 1905 einen Zustand erreicht, der schon damals als „Gedächtnisschwäche“ des „altersschwach gewordenen Vereins“ erkannt wurde. Eine rückläufige Zahl der aktiven Mitglieder, eine finanzielle Überschuldung, die deutlich erkennbare Überalterung von Vorstand und Ausschuß sowie das Ableben mehrerer langjähriger Vorstands- und Ausschußmitglieder war nicht ohne Folgen geblieben. Studienfahrten waren ganz außer Übung gekommen und das Vortragsangebot war geringer geworden. Bei den Veröffentlichungen hatte zwar nicht der Umfang der Berichte, wohl aber die Vielfalt der Thematik eine Reduzierung erfahren. Eine durchgreifende Vereinsreform, die auch die Struktur des Vereins zu erneuern hatte, war unaufschiebbar geworden. Einige Mitglieder, zu denen auch Professor Dürrwaechter gehörte, wandten sich Ende 1905 an die Vereinsleitung mit folgendem konkreten Antrag: „Es sollten behufs Änderung der Satzungen, einer Erweiterung der Aufgaben des Vereins, einer Belebung seiner Versammlungen u. s. w. Schritte geschehen und dazu eine Generalversammlung berufen werden“. Eine am 7. März 1906 eingesetzte Kommission, bestehend aus den beiden Vorsitzenden Domkapitular Dr. Andreas Lahner und Reichsarchivrat Josef Sebert sowie Oberstudienrat Rudolf Klüber, Gymnasialprofessor Dr. Johann Schmaus und Dr. Dürrwaechter, überarbeitete die Vereinssatzung, die von der Generalversammlung am 5. Dezember 1906 gebilligt wurde, und schuf die Voraussetzungen für eine neue Vereinsstruktur, die eindeutig den Einfluß Dürrwaechters erkennen lässt. Wesentlich war die Beseitigung der Einteilung in ordentliche und außerordentliche Mitglieder, die noch auf die Gründungszeit ab 1830 zurückging. Damals waren in der Art einer wissenschaftlichen Akademie die ordentlichen Mitglieder die Träger der Vereinsarbeit und die regelmäßigen Teilnehmer an den monatlichen Sitzungen. Die außerordentlichen Mitglieder hatten dagegen - von der Zahlung eines geringen Beitrags abgesehen - keine weiteren Verpflichtungen, waren allerdings auch nicht wahlberechtigt. Die eigentliche Vereinsarbeit verlagerte sich in den folgenden Jahrzehnten immer mehr auf die Vorstandschaft und auf die Konservatoren der Sammlungen sowie seit der Neufassung der Satzung 1886 einige weitere Mitglieder, die man insgesamt auch Ausschuß nannte. Nun wurde der regelmäßig tagende Ausschuß zusammen mit der Vorstandschaft zum Träger der gesamten Vereinstätigkeit eingerichtet und die alljährlich tagende Generalversammlung zur Entgegennahme der Tätigkeitsberichte sowie zur Kontrolle und Selbstprüfung des Vereins berufen. Außerdem erfolgte dadurch eine genauere Abgrenzung der Vereinsaufgaben, daß der Ausschuß in drei Sektionen eingeteilt und damit eine Erweiterung der Vereinsaufgaben verbunden wurde. Die historische Sektion entsprach der bisher ununterbrochen ausgeübten Vereinstätigkeit; die prähistorische Sektion nahm die vor allem in der Frühzeit eifrig gepflegte vor- und frühgeschichtliche Arbeit wieder auf; und durch die volkskundliche Sektion sollte „das neue, sich dehnende und mit gesteigertem Interesse bedachte Gebiet der Volkskunde dem Verein und seinen Mitgliedern erschlossen werden“. Nach Eintragung der Satzungsänderungen im Vereinsregister fand am 25. Februar 1907 eine weitere Generalversammlung mit Neuwahl von Vorstandschaft und Ausschuss statt, bei der Professor Dürrwaechter zum neuen 1. Vorsitzenden (Vorstand) gewählt wurde. Bei seinem Amtsantritt wartete auf ihn die Lösung von zwei weiteren schwierigen Problemen, nämlich die Entschuldung des Vereins und die Neuaufstellung der Sammlungen, für die repräsentative Räume im Erdgeschoß des Südwestflügels der Neuen Residenz gewonnen werden konnten.
Die Zeit vom Jahr 1907, das durch die 900-Jahrfeier des Bistums Bamberg auch für den Historischen Verein ein wichtiges Ereignis war, bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges kann als eine große Blütezeit des Vereins angesehen werden. Professor Dürrwaechter drückte ihr den Stempel seiner umfassend gebildeten Persönlichkeit auf. Dies wird vor allem an den wieder regelmäßig durchgeführten Vortragsabenden, bei denen er auch selbst referierte, an den alljährlichen Ausflügen ins ehemalige Hochstiftsgebiet und an den aus finanziellen Gründen zwar vom Umfang her begrenzten, aber sehr gehaltvollen Jahresberichten deutlich.
Dürrwaechters letzte Lebensjahre fallen in die Zeit des Ersten Weltkriegs. Hier zeigte sich seine Hilfsbereitschaft in materieller und geistiger Not. Die vom Historischen Verein zu Gunsten der Kriegsfürsorge veranstalteten öffentlichen Vorträge wollten nicht nur die Not der Kriegsopfer lindern. Sie sollten bei allem Patriotismus auch zu durchaus kritischen Gedanken über den Krieg als solchen anregen. In seinem - auch überregional beachteten - Buch „Bayerns Eigenart vom Weltkrieg aus“ stellt er den seit Kriegsausbruch feststellbaren Nivellierungstendenzen der Stammesunterschiede im Deutschen Reich die aus der Geschichte gewachsene Vielfalt der deutschen Stämme gegenüber. Während eines Erholungsurlaubs, der ihm die Kraft zur Vollendung eines abschließenden Gesamtwerks über die Totentanzforschung geben sollte, überraschte ihn selbst der Sensenmann, dessen Spuren in Geschichte, Kunst, Literatur und Volkskunde er über zwei Jahrzehnte nachgegangen war. Er fuhr gerade mit einem Dampfschiff auf dem Ammersee von Grafrath nach Stegen, als am 27. August 1917 ein Herzschlag seinem Leben ein jähes Ende setzte. Eine 1947 nach ihm benannte Straße hält die Erinnerung an ihn wach.
Mit Professor Dürrwaechter begann für den Historischen Verein eine neue Phase, sowohl in äußerer wie auch in innerer Hinsicht. In den ersten 75 Jahren seines Bestehens galt der Verein als „Anhängsel“ des Bamberger Domkapitels“, lag doch die Vorstandschaft des Vereins die längste Zeit in den Händen von Mitgliedern des Kapitels. Dies erscheint leicht dadurch erklärbar, dass wenige Jahrzehnte nach dem Ende des Hochstifts Bamberg eben jene Korporation, die als Organ des Bistums trotz einer längeren Unterbrechung den Umbruch überstanden hatte, sich am ehesten auf eine Kontinuität zwischen dem Fürstbistum und der Gegenwart berufen konnte. Nun aber war seit dem Umbruch mehr als ein Jahrhundert vergangen, die Bindungen hatten sich gelockert und eine Professionalisierung der Vereinsarbeit erschien im Zuge der unaufschiebbar gewordenen Vereinsreform wünschenswert. Die beabsichtigte Erweiterung der Vereinsaufgaben begünstigte diese Entwicklung. Auch Einflüsse von außen, welche den Anschluß an Dachverbände mit sich brachte, verlangten eine Vereinheitlichung der historischen Arbeit, bei der auch die Hilfswissenschaften eine Rolle spielen mußten. Eine verstärkte Heranziehung von Fachleuten in den Vereinsgremien, namentlich aus den Kreisen der Hochschul- und Gymnasiallehrer wie auch der Archivare und Bibliothekare, erschien deshalb angezeigt. Vor allem aber erwies es sich als ausgesprochener Glücksfall, daß in Professor Dürrwaechter eine Persönlichkeit gewonnen werden konnte, die eine Vereinstruktur gestaltet hat, die sich - trotz mancher Modifikationen - im Grunde auch heute noch nach fast 100 Jahren als tragfähig erweist.