Ich stimme zu

HV-Bamberg.de benutzt nur technisch notwendige Cookies, um seinen Lesern das beste Webseiten-Erlebnis zu ermöglichen. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Datenschutzerklärung und der Verwendung von Cookies zu. Weiterführende Informationen erhalten Sie in der Datenschutzerklärung von HV-Bamberg.de. Datenschutzerklärung

Kurzbiographien bedeutender Vereinsmitglieder

KARL ADOLF CONSTANTIN (RITTER VON) HÖFLER (1811–-1897)

von FRANZ MACHILEK in BHVB 141 (2005) 185-–190
Als Karl Adolf Constantin Höfler im Juni 1847 die Stelle des Archivars am damaligen königlichen Archiv in der Neuen Residenz zu Bamberg, dem Vorläuferarchiv des späteren Kreis- bzw. Staatsarchivs Bamberg, übernahm und 1849 zum Ersten Vorsitzenden des Historischen Vereins in Bamberg bestellt wurde, hatte er bereits eine steile berufliche Karriere und einen abrupten Sturz hinter sich. Der am 27. März 1811 als Sohn des königlich bayerischen Amtsgerichtsrats Johann Nepomuk Höfler und der Maria Josepha Heunisch in Memmingen im Bayerischen Schwaben Geborene war nach seiner Schulzeit am Neuen Gymnasium in München und Studien am Lyceum in Landshut und an der Universität München sowie einem anschließenden Reisestipendium, das ihn nach Göttingen, Berlin, Prag, Florenz und Rom führte, im Alter von 25 Jahren 1836 auf Vorschlag des bayerischen Innenministers Karl August von Abel Redakteur der amtlichen „Münchner Politischen Zeitung“ geworden, hatte 1838 die Venia legendi an der Ludwig-Maximilians-Universität in München erlangt und war hier 1839 außerordentlicher, 1841 ordentlicher Professor für Universalgeschichte und 1842 Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften geworden. Die 1841 mit Isabella Hofmann († 1884) geschlossene Ehe hatte sein persönliches Glück noch gesteigert. Der glanzvolle Aufstieg war 1847 als Folge der Affären um König Ludwig I. und die Tänzerin Lola Montez, die der Monarch in den Grafenstand erheben wollte, jäh unterbrochen worden. Als sich Minister, Kirche, Professoren und Studenten und das konservativ-liberale Bürgertum der bayerischen Hauptstadt den Plänen Ludwigs I. widersetzten, hatte Ludwig I. in Verkennung seiner tatsächlichen Macht weitreichende Säuberungen im Beamtenapparat und unter der Professorenschaft angeordnet, denen neben Ignaz von Döllinger und Peter Ernst von Lasaulx auch Höfler, der seine Auffassungen offen vertrat, nicht zuletzt in einer Denkschrift unter dem Titel „Concordat und Constitutionseid der Katholiken in Bayern“ (1847), zum Opfer fielen. Am 27. März 1847, seinem 36. Geburtstag, wurde Höfler die Pensionierungsurkunde zugestellt. Nur dem Zutun von Freunden hatte er es zu verdanken, daß er wenige Monate später, im Juni 1847, die eingangs erwähnte Stelle in Bamberg antreten konnte. Während Höfler dank seines in den Jahren zuvor gewonnenen persönlichen, geistig-wissenschaftlichen und politischen Profils hier rasch Fuß zu fassen vermochte und sofort mit voller Kraft daranging, Forschungen aus seiner Münchener Zeit weiterzuführen und neue wissenschaftliche Projekte in Angriff zu nehmen, waren Ludwigs I. Tage als Monarch gezählt; er dankte bereits am 20. März 1848 als König ab und übergab die Krone seinem Sohn Maximilian II. Joseph. Höfler spiegelt mit seinem Schicksal das Ende der neoabsolutistisch-restaurativen ludovicianischen Epoche des bayerischen Staates vor der Revolution von 1848 wider.
Höflers Entwicklung wurde durch eine Reihe herausragender Persönlichkeiten und auf ihn wirkender Kräfte geprägt. Durch den Vater in streng rationalistischem Geist erzogen, begnete er in Landshut dem Byzantinisten und Orientalisten Jakob Philipp Fallmerayer; ihm verdankte er seine Hinwendung zum Studium der Geschichte, wobei Fallmerayer seinen rational-kritischen Sinn noch verstärkte. Unter dem Einfluß des Vaters begann er in München mit dem Studium der Rechte und hörte hier vor allem die Vorlesungen der Rechtshistoriker Georg Ludwig Maurer und Friedrich Georg Puchta. Als Hörer des Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, der ihn schnell in seinen Bann zog, fand Höfler zu einer positiven Einstellung zum Christentum. Er wechselte in die philosophische Fakultät und zu den klassischen Altertumswissenschaften über und wurde 1831 mit einer Dissertation „Zur Geschichte der Anfänge der Griechen“ promoviert. Der Aufenthalt in Rom und seine Begegnung mit dem westfälischen Freund Felix Papencordt stärkten die ihm fortan eigene enge Beziehung zur römisch-katholischen Kirche. Als Redakteur ergriff er in den konfessionellen Auseinandersetzungen engagiert Partei für die katholischen Belange und wirkte 1838 mit Johann Joseph Görres und anderen ultramontan Gesinnten an der Gründung der „Historisch-politischen Blätter“, dem Hauptorgan der sich sammelnden politischen Bewegung der deutschen Katholiken, mit. Die Venia legendi und damit der Einstieg in die ersehnte akademische Laufbahn in München kam auf Betreiben des Ministeriums zustande. Zu den seinen Ruf als Wissenschaftler in München begründenden Arbeiten gehörte neben zahlreichen kleineren Beiträgen eine Reihe größerer Werke, darunter: „Geschichte der englischen Civilliste“ (1834), „Die deutschen Päpste“ (2 Bde., 1839), „Kaiser Friedrich II.“ (1844) sowie das in München begonnene „Lehrbuch der allgemeinen Geschichte“ (3 Bde., 1845–1856).
Wie in München nahm Höfler auch in seinen wenigen Bamberger Jahren von 1847 bis 1851 bald eine führende Stellung im geistigen Leben der Stadt ein. Rasch arbeitete er sich in die reichen Bestände des Archivs, vor allem des Hochstifts Bamberg und des Fürstentums Brandenburg-Kulmbach-Bayreuth, ein und dachte auch an eine Neuordnung der durch die Umwälzungen an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert erfolgten Verschiebungen in den Archivfonds. Auf der damals üblichen gemeinsamen jährlichen Versammlung der Historischen Vereine von Bamberg und Bayreuth, die 1848 in Lichtenfels stattfand, appellierte er an alle fränkischen Geschichtsvereine, sich zur Herausgabe der Quellen zur fränkischen Geschichte und zu einem Gesamtverein zusammenzuschließen. Da das Echo auf diesen Vorschlag gering blieb, entschloß er sich, seinen Plan bezüglich der Publikation der Quellen in Bamberg zu verwirklichen. Schon bald nachdem ihm hier die Leitung des Historischen Vereins anvertraut worden war (6. Dezember 1848), begründete er die „Quellensammlung für Fränkische Geschichte“, von der unter seiner Ägide vier Bände erschienen (1449–1852). An seinen damaligen und späteren Editionen wurden schon früh erhebliche methodische und sachliche Mängel festgestellt: Höfler hat die Orthographie der Vorlagen oft willkürlich verändert, vielfach einzelne Wörter oder auch ganze Sätze ohne Kennzeichnung ausgelassen und gelegentlich auch Worte ohne jede Kennzeichnung eingefügt. Auf textkritische und sachliche Anmerkungen hat Höfler weitgehend verzichtet. Manche Quellen wurden von ihm aus heutiger terminologischer Sicht falsch bezeichnet. Trotz schwerwiegender Einwände stellen die Ausgaben aber auf das Ganze gesehen eine für die damalige Zeit durchaus respektable Leistung des Gelehrten dar und werden mangels neuer Editionen von der Fachwissenschaft in vielen Fällen bis heute benutzt. Zu den wichtigen aus Bamberger Archivalien geschöpften Arbeiten gehören u. a. auch die „Urkundlichen Nachrichten über König Georg von Podiebrads von Böhmen Versuch, die deutsche Kaiserkrone an sich zu reißen“ (1849). Höfler hatte den Vorsitz des Historischen Vereins Bamberg bis 5. November 1851 inne. Aus einem vor Höflers Weggang von Bamberg verfaßten Schreiben an seinen Nachfolger im Archiv geht hervor, daß er sich hier offensichtlich wegen seiner Erfolge auch mit gegen ihn gerichteten Anfeindungen von Seiten seiner vorgesetzten Behörde und wegen seiner konfessionellen Einstellung zur Wehr gesetzt hat.
Im Zuge der mit der Etablierung des neoabsolutistischen Systems in Altösterreich verbundenen Reformen an den Hochschulen erhielt Höfler im Oktober 1851 durch Unterrichtsminister Leo Graf Thun-Hohenstein den Ruf auf den Lehrstuhl für allgemeine Geschichte an der k. k. Karl-Ferdinands-Universität zu Prag, für den ihn seine vorausgehenden, von großdeutsch-katholisch-österreichfreundlicher Tendenz bestimmten Publikationen empfahlen. Höfler behielt diesen Lehrstuhl bis zur Teilung der Hohen Schule in eine deutsche und eine tschechische Universität im Jahre 1882. Konnte er in Prag zunächst an die bereits 1834 bei seinem Aufenthalt in der Moldaustadt geknüpften Verbindungen zu Franti‰ek Palack˘, den „Vater der böhmischen Historiographie und tschechischen Nationalbewegung“ anknüpfen und diese in kollegialer Weise weiterführen, so kam es mit der Verschärfung der nationalen Spannungen im Lauf des folgenden Jahrzehnts zu einer immer tieferen Entfremdung zwischen beiden. Die Auseinandersetzung wurde immer stärker durch die gegensätzliche Sicht des Hussitismus nach seiner nationalen und religiösen Komponente bestimmt und mündete schließlich in öffentlich ausgetragene Polemik.
An der Universität wurde Höfler trotz der gravierenden nationalen Spannungen als hoch angesehener, von den Studenten geachteter und wegen seiner glänzenden Vorlesungen gerühmter akademischer Lehrer in alle hohen Universitätsämter bis hin zum Rektorat der Carolo-Ferdinandea (1871) gewählt. Um den Besitzstand der Deutschböhmen zu wahren setzte er sich bereits 1868 für die Teilung der Prager Technischen Hochschule ein. Seit 1879 war er auch maßgeblich an den Verhandlungen über die Teilung der Universität in eine deutsche und eine (neue) tschechische Universität beteiligt, beklagte diesen Akt aber später selbst gleichwohl als einen Schritt zur Zergliederung („dismembratio“) des österreichischen Staates. Von seinen Schülern ist der Tscheche Jaroslav Goll, der Begründer der modernen Geschichtsforschung in den böhmischen Ländern, hervorzuheben: Von seinen Prager Lehrern hat nach Golls Worten Höfler am meisten auf ihn gewirkt; er besaß nach Goll „universal-
historischen Überblick“.
Zum wissenschaftlichen Ertrag von Höflers Jahren an der Prager Universität gehörten vor allem wichtige Quellenpublikationen und historische Grundlagenwerke, darunter: „Geschichtschreiber der husitischen Bewegung“ (3 Bde., 1856–-1866), „Bartos Písar. Des Bartholomäus von Sct. Aegidius Chronik von Prag im Reformationszeitalter 1524–-1530“ (1859); „Ruprecht von der Pfalz genannt Clem, römischer König 1400-–1410“ (1861), „Kaisertum und Papsttum“ (1862), „Concilia Pragensia 1353-–1413“ (1862), „Johannes Hus und der Abzug der deutschen Professoren und Studenten aus Prag. 1409“ (1864), „Urkunden zur Beleuchtung der Geschichte Böhmens“ (1865), „Papst Adrian VI.“ (1880).
Der schon vor der Eskalation des Nationalismus 1862 mit Höflers Mitwirkung und unter seiner Ägide begründete „Verein für Geschichte der Deutschen in Böhmen“ zielte darauf ab, den Deutschböhmen im Lande die von tschechischer Seite angezweifelten nationalpolitischen Rechte ins Bewußtsein zu rufen und nach den Worten Höflers der Stimme der Wissenschaft den Weg zu bahnen; der Verein stand in den folgenden Jahren der deutschen Geschichtsforschung an der Universität in enger Verbindung zur Seite. Das Organ des Vereins bildeten die seit dem Gründungsjahr erscheinenden „Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen“, für die Höfler in den Anfangsjahren zahlreiche Beiträge verfaßte. Bei der Leitung des Vereins, der er als Vizepräsident angehörte, stießen seine katholischromantischen und restaurativen Beiträge zum Teil auf erbitterten Widerspruch, was eine fast zwei Jahrzehnte andauernde Entfremdung Höflers vom Verein zur Folge hatte.
Von 1865 bis 1869 war Höfler Mitglied des böhmischen Landtags. Seit 1872 gehörte er dem Wiener Reichstag an. Als entschiedener Vertreter der deutschböhmischen und katholischen Interessen. war er gleichwohl auch vielfach in vermittelnder Position tätig. 1873 erlangte er den österreichischen Ritterstand.
Bereits in den letzten Jahren vor seiner 1882 erfolgten Emeritierung und als Emeritus wandte sich Höfler verstärkt der Geschichte der romanischen Länder, vor allem Spaniens, zu. In den Jahren um 1880 verfaßte er auch mehrere Dramen zu Themen der westeuropäischen Geschichte. Am 29. November 1897 ist Höfler hochbetagt in Prag verstorben. Er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Prager Friedhof Olsany.
Der stets geradlinige, gelegentlich auch als eigenwillig beschriebene, sich in Prag selbst als Deutschböhme fühlende Wissenschaftler gilt zu Recht als einer der großen Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts. Für Bamberg, den hiesigen Historischen Verein und für Franken insgesamt stellte Höfler in der kurzen Zeit seines Wirkens vor Ort wichtige Weichen für die folgende Forschung.