Ich stimme zu

HV-Bamberg.de benutzt nur technisch notwendige Cookies, um seinen Lesern das beste Webseiten-Erlebnis zu ermöglichen. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Datenschutzerklärung und der Verwendung von Cookies zu. Weiterführende Informationen erhalten Sie in der Datenschutzerklärung von HV-Bamberg.de. Datenschutzerklärung

Kurzbiographien bedeutender Vereinsmitglieder

ALFRED KÖBERLIN (1861-–1902)
PIONIER WIRTSCHAFTSGESCHICHTLICHER UND HISTORISCH-GEOGRAPHISCHER REGIONALFORSCHUNG

von WILFRIED KRINGS in BHVB 141 (2005) 200–-203
In seiner programmatischen Jubiläumsrede von 1907 gedachte der Lyzealprofessor Dr.Anton Dürrwaechter, der damalige Vorsitzende des HVB, dreier unlängst verstorbenerverdienter Mitglieder. Neben Friedrich Leist und Heinrich Weber nennt er an erster Stelle Alfred Köberlin. Für Dürwaechter war der promovierte Gymnasiallehrer der feine Erforscher des historischen Landschaftsbildes um Bamberg, der eine Epoche der Wirtschaftsgeschichte bei uns hätte inaugurieren können. In seinen weiteren Ausführungen sprach Dürwaechter die jetzt im Mittelpunkt einer regen historischen Forschung stehenden Fragen der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an; Alfred Köberlin habe das Verdienst, einzelnes aus ihr in glücklichster Weise angegriffen zu haben.
Dies traf zu, beschrieb aber nur einen Teil der Leistung Köberlins. Der andere, ebenso zukunftsweisende Teil ist der Historischen Geographie zuzurechnen, bei der es um die Rekonstruktion von Landschaftszuständen in der Vergangenheit geht. Beide Wissenschaftsgebiete, die mit- und ineinander verwoben waren und sind, hatten gegen Ende des 19. Jahrhunderts wichtige Impulse erfahren. Köberlin orientierte sich daran und setzte die neuen Betrachtungsweisen auf der Grundlage intensiver Quellenforschung in Bamberg um.
Alfred Köberlin stammte aus Schweinfurt, wo er am letzten Tag des Jahres 1861 geboren wurde. Er studierte in Erlangen und wurde dort auch promoviert. 1890 kam er nach Bamberg an das Neue Gymnasium, das als zweite Anstalt den Unterricht aufnahm und das bereits bestehende, überlastete zum nunmehrigen Alten Gymnasium werden ließ. Untergebracht war es in einem repräsentativen Neubau an der Franz-Ludwig-Straße im südlichen Erweiterungsgebiet der Inselstadt. Nach nur zehnjähriger Tätigkeit in Bamberg wurde Köberlin 1900 in die Bayerische Pfalz versetzt, und zwar an das seit 1880 als Vollanstalt bestehende Gymnasium in der Bezirksamtsstadt Neustadt an der Haardt. Dort verstarb er im Alter von 40 Jahren als Opfer einer „tückischen Krankheit“. Bestattet wurde er in Nürnberg, dem neuen Wohnort seiner Witwe.
Im Historischen Verein war Köberlin Mitglied des Ausschusses und gemeinsam mit einem Kollegen, Dr. Johann Schmaus, „Conservator der prähistorischen Sammlungen“. Der wissenschaftliche Nachlaß Köberlins wird im Stadtarchiv Bamberg verwahrt.
Die junge Zeitschrift „Deutsche Geschichtsblätter. Monatsschrift zur Förderung der landesgeschichtlichen Forschung“ veröffentlichte einen Nachruf aus der Feder ihres Gründers Armin Tille. Für wirtschaftsgeschichtliche Arbeiten, wie Köberlin sie vorlegte, gab es noch keine Fachzeitschrift. Erst 1903 kam mit der „Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ ein besonderes Organ zustande, das zum „Flaggschiff der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte“ wurde.
Zu den erwähnten Detailfragen, die Köberlin aufgriff, gehörte die der Viehhaltung im alten Bamberg. Er hielt darüber im Winter 1895 einen Vortrag vor dem Historischen Verein. In einer posthum veröffentlichten Fassung heißt es: „Bis zum Jahr 1481 trieben sich in allen Straßen ungezählte unbeaufsichtigte Schweine herum, darunter besonders viele mit Glöckchen versehen, sogenannte Antonierschweine. Man verstand darunter Schweine, die ein Privileg, das der freien Fütterung durch mildtätige Bürgersleute genossen. Das Eigentumsrecht an diesen Schweinen besaß das Kloster St. Antoin(e) in der Dauphiné, das nicht nur in Bamberg, sondern auch in Regensburg und Memmingen eigene Bedienstete hielt, die von Zeit zu Zeit dem fernen französischen Kloster Rechnung zu legen hatten. In Bamberg benützten arme Leute, manchmal aber auch wohlhabende Bäcker – die größten Schweinezüchter der Stadt – diese eigentümliche Sitte, um auch ihrerseits ein oder mehrere Schweine als Petelsweye auf die Gassen zu schlehen, d. h. in der Stadt unbeaufsichtigt herumziehen zu lassen. Dagegen schritten nun Schultheiß und Rat in dem J. 1481 u. 1490 energisch ein. Die Zahl der Antonierschweine wurde 1481 unter dem Schultheiß von Guttenberg auf 6 festgesetzt, alle übrigen Bettelschweine aber abgeschafft. Ebenso wurde ein Verbot erlassen, die großen Schweineherden der Bäcker und Müller unbeaufsichtigt durch die Stadt zur Tränke gehen zu lassen. Die Stadt hatte an 4 Punkten städtische Schweineställe errichtet und dort waren sämtliche Schweine in Privatoder Genossenschaftsbesitz unterzubringen.“
Was um 1900 noch als Kuriosum und kaum als Gegenstand ernsthafter Forschung erscheinen mochte, fügt sich heute, nachdem eine Vielzahl ähnlich ausgerichteter Detailstudien vorliegt, in das vielfarbige Bild der west- und mitteleuropäischen Stadt des Spätmittelalters ein. Selbst Paris lieferte dazu ein paar kräftige Pinselstriche.  Die wirtschafts- und sozialgeschichtliche Betrachtungsweise ist zudem mittlerweile in einem weiter gefaßten umweltgeschichtlichen Ansatz aufgegangen.
Unter den wenigen größeren Arbeiten, die Köberlin zu Lebzeiten veröffentlichen konnte, verdient an erster Stelle seine Abhandlung über die Landschaftsentwicklung im Bamberger Raum Beachtung. Was dem Titel nach als trivialer heimatkundlicher Beitrag erscheinen mag, erweist sich bei näherem Hinsehen als methodisch überregional bedeutsame Leitstudie der Historischen Geographie moderner Prägung.
Grundlage war die Erkenntnis, daß Landschaft nicht ein starres Bühnenbild ist, vor dem sich die lebendige Geschichte abspielt, sondern daß Landschaft selbst eine Geschichte hat. Diese Geschichte wurde zu einem mit der Zeit wachsenden Anteil vom Menschen geformt. Landschaft wurde auf diese Weise zur „Kulturlandschaft“, wobei unter dem Vorsatz „Kultur-„ zunächst einmal die „Bodenkultur“ im weitesten Sinne zu verstehen ist, da im 19. Jahrhundert die Landwirtschaft noch die dominierende Prägekraft war.
Dementsprechend setzte Köberlin voraus, daß in historischer Zeit eine Menge Faktoren in Wirksamkeit waren, ja zum Teil jetzt noch geschäftig sind. Zu diesen zählen die Veränderungen der Erdoberfläche, die Forschungsgegenstand der Geomorphologie sind. Er geht darauf zwar nur kurz in der Einleitung ein (Spuren geoplastischer Änderungen), kann aber immerhin Belege für die charakteristischen, bis heute vorkommenden Hangrutschungen an der Altenburg beibringen. Außerdem weist er auf den Bergsturz hin, der sich 1625 am Nordhang des Wiesenttals bei Gasseldorf ereignete.
Die Darstellung umfaßt zwei Hauptteile. Der erste Teil behandelt „Das hydrographische Bild unseres Gebietes und seine Umgestaltungen in historischer Zeit“. Darin ist zusammengestellt, was über Eingriffe an Regnitz und Main sowie über die Entwicklung der Bamberger Teichwirtschaft in Erfahrung zu bringen war. Im zweiten Teil widmet sich Köberlin dem Thema „Historisch erweisbare Änderungen im Vegetationsbild“, wobei er untergliedert in „Die Umschaffung von Waldland in freies Kulturland“ und in die „Vegetationsveränderungen im freien Kulturland, Garten und Park“. In diesem letzteren Teil kommen die verschiedenen Feldfrüchte zur Sprache, so u. a. „Das Süssholz in der Bamberger Gärtnerei“.
Die Ausführungen sind eine reiche Fundgrube. Sie belegen, welche Bedeutung der Mensch als Gestalter der Landschaft hatte und daß er sich beispielsweise auch Einflüsse von außen zunutze gemacht hat. Angeregt wurde Köberlin vermutlich durch Josef Wimmer, der eine Historische Landschaftskunde vorgelegt und darin zwischen historischer Naturlandschaft, historischer Kulturlandschaft sowie historisch-politischer Landschaft unterschieden hatte. Vorbereitet hatte Wimmer dieses Werk mit Studien, die als Schulveröffentlichungen erschienen waren. Dadurch könnte Köberlin Kenntnis von Ansatz und Vorgehensweise bekommen haben. Eine unmittelbare Nachfolge fand Köberlins historisch-geographische Initiative zunächst nicht. Zu nennen ist allenfalls eine – nicht auf ihn Bezug nehmende – Arbeit über den Würzburger Raum.