Kurzbiographien bedeutender Vereinsmitglieder

ADOLPH OESTERREICHER (1813–-1867)
GEISTLICHER UND SEKRETÄR DES HISTORISCHEN VEREINS

von KLAUS RUPPRECHT in BHVB 141 (2005) 229–-230
Adolph Oesterreicher wurde als erstes Kind des Bamberger Archivars Paul Oesterreicher und dessen dritter Ehefrau Henrietta Sofie Steiner am 11. Dezember 1813 geboren. Die Schullaufbahn über die Elementarschule, das Gymnasium und Lyceum bis zum theologischen Absolutorium absolvierte Oesterreicher in seiner Heimatstadt Bamberg.
Die Priesterweihe erhielt Adolph Oesterreicher einen Tag nach seinem 24. Geburtstag am 12. Dezember 1837 durch Erzbischof Joseph Maria von Fraunberg im Dom. Danach versah er die 2. Kaplanstelle in Trunstadt für Staffelbach, bevor er 1839 der Pfarrei St. Gangolf in Bamberg als 2. Kaplan zugewiesen wurde. Dort arbeitete er eng mit dem als 1. Kaplan in der Wunderburg tätigen Caspar Schweitzer zusammen, einem der besten Kenner der bambergischen Geschichte. Adolph Oesterreicher litt an Gelenkrheumatismus. Nach längerem Krankenlager schaffte er es 1851, den alltäglichen Anstrengungen des Pfarralltags zu entkommen. Oesterreicher übernahm bis zu seinem Tod die Kuratenstelle im Bürgerspital am Michelsberg, mit welcher die Seelsorge in der zur Nervenheilanstalt gehörenden St. Getreukirche verbunden war.
In den 1850er und 60er Jahren widmete Adolph Oesterreicher, dem durch das überragende literarische Schaffen seines Vaters die historischen Interessen in die Wiege gelegt worden waren, eigenen Forschungen und Studien immer mehr Zeit. Er stand in regem Kontakt mit den Bamberger Geschichtsforschern um Caspar Schweitzer und verfaßte eigene Forschungsarbeiten, die er entweder bei den Vereinssitzungen vortrug oder im Vereinsbericht veröffentlichte. Bevorzugte Themen waren die kirchlichen Baudenkmale in der Stadt oder einzelne herausragende Handschriften, Druckwerke, Archivalien und Sammlungsgegenstände. Darüber hinaus soll er posthum mehrere literarische Werke seines Vaters der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben.
Seit 6. März 1856 diente Adolph Oesterreicher dem Historischen Verein Bamberg als Sekretär. Er besorgte den Schriftverkehr des Vereins und half bei der Versendung des Vereinsberichts tatkräftig mit. Bei den monatlichen Sitzungen berichtete er stets über die literarischen Neuzugänge des Vereins, insbesondere über deren Bezug zur Bamberger Geschichte. Im 24. Band der Vereinszeitschrift (1860/61) legte er eine erste Übersicht über alle Veröffentlichungen im Vereinsbericht vor. Nach dem Weggang Martin von Reiders nach München übernahm Oesterreicher 1860 auch das Amt des Konservators aller Sammlungsgegenstände des Vereins (mit Ausnahme der Münzen). In dieser Eigenschaft legte er viel Wert auf das Ordnen und Beschriften der vereinseigenen Handschriften und Urkunden. Die jährlichen Zugänge an Sammlungsgut erschloß er gründlich und veröffentlichte die Listen im jeweiligen Vereinsbericht. Im Übrigen trug er, wie diese beweisen, durch eigene beträchtliche Schenkungen von Handschriften, Druckwerken und geistlichen Gemälden zur Erweiterung der „Altertümer des Vereins“ bei.
Von Jugend an hatte Adolph Oesterreicher ständig mit verschiedenen Krankheiten zu schaffen, die seine Arbeitskraft beeinträchtigten. Er starb am 6. Juli 1867 an „Luftröhrenschwindsucht“.

PAUL OESTERREICHER (1767–-1839)
KREISARCHIVAR, GESCHICHTSFORSCHER, VEREINSGRÜNDER

von KLAUS RUPPRECHT in BHVB 141 (2005) 231–-238
Paul Oesterreicher wurde am 4. Juli 1767 in Forchheim als zweites Kind von Margarete Roppelt und Johann Oesterreicher geboren. Er wuchs in Forchheim, der Festungs- und zweiten Hauptstadt des Hochstifts, auf. Dort diente der Vater als Kastner des Bamberger Dompropsteiamts. Seine Mutter war die Tochter des Forchheimer Stücklieutnants Johann Roppelt. Bei den Oesterreichers wie den Roppelts handelt es sich um traditionsreiche Bamberger „Beamtenfamilien“, womit Pauls Karriere in hochstiftischen (und später bayerischen) Diensten im Grunde bereits vorgeprägt war.
Im Alter von elf Jahren wechselte Paul Oesterreicher von der „Teutschen Schule“ in Forchheim an das Gymnasium in Bamberg. Am 9. Januar 1782 schrieb er sich an der Bamberger Universität ein. Als erste akademische Grade erwarb er im September 1784 das Bakkalaureat und ein Jahr später mit knapp über 17 Jahren den Magister. In der Zeit seines Philosophiestudiums – vielleicht auch schon als Schüler – war Paul Oesterreicher Seminarist im Aufseesianum. Nach dem philosophischen Grundstudium widmete er sich im Hauptfach der Rechtswissenschaft. Oesterreicher unterbrach dieses Studium allerdings für längere Zeit und diente als Praktikant beim Reichshofrat in Wien. Dort eignete er sich auch grundlegende historische, diplomatische und paläographische Kenntnisse an. Am 5. August 1793 präsentierte er der juristischen Fakultät in Bamberg seine schriftlichen Ausarbeitungen für die drei Prüfungen.  In zweijähriger Arbeit entstand anschließend eine rechtshistorische Dissertation. Am 3. Oktober 1795 verteidigte Paul Oesterreicher erfolgreich seine Thesen und erwarb im Alter von 25 Jahren den Grad eines juristischen Licentiaten (IUL). Gleich nach Abschluß seiner Universitätszeit bemühte sich Paul Oesterreicher um eine Anstellung in Diensten des Hochstifts Bamberg. Der fließende Übergang vom Studium in das Berufsleben glückte durch die Ernennung zum Regierungsadvokaten am 29. November 1795. Die Bestallung zum Hofrat des Hochstifts Bamberg am 6. Februar 1800 bedeutete dann den erhofften Karrieresprung. Auf das damit verbundene Gehalt mußte er allerdings mehr als zwei Jahre warten. Die zukünftige Archivarslaufbahn zeichnete sich mit der Berufung zum Zweiten Archivar des Hochstifts am 18. November 1801 ab. Zeitgleich übernahm Paul Oesterreicher die Redaktion der vom Hofe unabhängigen Bamberger (Politischen) Zeitung des Professors Gerard Gley bzw. des Verlegers Konrad Schneiderbanger, legte diese aber kurze Zeit nach seiner Beförderung zum Ersten Archivar nach dem Tod des Josef Albert Kluger am 19. Januar 1803 nieder. Bis zu seinem Tod leitete Paul Oesterreicher das Archiv in Bamberg, das in dieser umwälzenden Zeit vom reinen Hochstiftsarchiv zum Kreisarchiv für Oberfranken mutierte.
Paul Oesterreicher war drei Mal verheiratet. Seine beiden Ehen mit Anna Pflaum (1802), der Tochter des Geheimen Referendärs Franz Matthäus Pflaum, und Anna Ziegler (1807), der Tochter des Bamberger Landesdirektionsrats Ziegler, blieben offensichtlich kinderlos. Aus der 1813 mit der protestantischen Pfarrerstochter aus Augsburg Henrietta Sofie Steiner geschlossenen dritten Ehe gingen zwei Söhne hervor. Adolph Oesterreicher wurde katholischer Geistlicher und diente als Kaplan bei verschiedenen Pfarreien, bevor er zuletzt als Kuratus im Bürgerspital auf dem Michelsberg wirkte und die Seelsorge in der Nervenheilanstalt St. Getreu übernahm. Er arbeitete lange Jahre als Schriftführer und Konservator für den Historischen Verein Bamberg. Der zweite Sohn Eduard schlug die militärische Laufbahn ein. Er starb 1869 als Lieutnant des 6. bayerischen Infanterieregiments. Während seiner langen Dienstjahre in Bamberg wohnte Paul Oesterreicher mit seiner Familie zunächst am Pfahlplätzchen 6 und in der Alten Judenstraße 14 („Böttinger-Haus“) zur Miete, bevor er mit seiner dritten Ehefrau und den Kindern das eigene Domizil am Jakobsplatz 6 bezog. Nach einem langen, arbeitsintensiven und erfüllten Leben starb er, ohne daß ihm sein Ruhestand vergönnt gewesen wäre, am 3. Februar 1839 im Alter von 72 Jahren nach mehrwöchigem Krankenlager an Entkräftung.
Die Säkularisation und dann noch vielmehr die weiteren territorialen Veränderungen hatten bewirkt, daß Paul Oesterreichers Tätigkeitsfeld als Archivar mit dem seiner Vorgänger nichts mehr gemein hatte. Das alte Hochstiftsarchiv in der Neuen Residenz mutierte unter Aufnahme des Schriftguts aller aufgelösten geistlichen Institutionen in Stadt und Land zunächst zum Archiv des kurpfalzbayerischen Fürstentums Bamberg. Die Auflösung des Hl. Röm. Reichs Deutscher Nation brachte die Übernahme der Archive des Fränkischen Reichskreises und dreier Ritterkantone sowie von Registraturgut der ehemaligen Reichsstadt Schweinfurt und der Reichsdörfer in deren Umgebung. Mit dem Erwerb des Fürstentums Bayreuth 1810 und der Verlagerung des Plassenburger Archivs und des Geheimen Archivs Bayreuth nach Bamberg wurde der Grundstein zum Archiv des neu gebildeten Obermainkreises, dem späteren Kreis- (dann Staats-)Archiv für Oberfranken gelegt. Die innere wie äußere Organisation des Archivs mußte von Grund auf neu geregelt werden. Paul Oesterreicher und sein kleiner Mitarbeiterstab widmeten sich dieser Aufgabe mit voller Energie. Urkundenverzeichnisse über Urkundenverzeichnisse wurden erstellt, von denen noch heute Archivare und Benützer gleichermaßen profitieren. Darüber hinaus mußten zahlreiche Rechtsgutachten und historische Ausarbeitungen gefertigt werden, die den neuen Machthabern zur Durchsetzung ihrer politischen Ansprüche u. a. gegen die Reichsritterschaft dienen sollten. Schließlich begannen, nicht nur wegen der weiteren territorialen Verschiebungen, arbeitsintensive Beständebereinigungsmaßnahmen zwischen den Archiven im Königreich nach dem Ortspertinenzprinzip. Paul Oesterreichers Schaffenskraft, seine archivarischen und litterarischen Verdienste, wurde auch an höherer Stelle gesehen und gewürdigt. Da eine Gehaltsaufbesserung nicht durchsetzbar war, ernannte man ihn 1821 zum königlich bayerischen Rat.
Sein ganzes Berufsleben hinweg führte Oesterreicher einen gelehrten Schriftwechsel mit Kollegen und Historikern in ganz Deutschland. Er widmete seine Aufmerksamkeit der Erhaltung historischer Denkmäler (u. a. dem Bamberger Dom, der Altenburg, der Klosterkirche in Schlüsselau mit dem Grabmal Konrad von Schlüsselbergs und verschiedenen Burgen in der Fränkischen Schweiz), woraufhin er 1811 zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften in München ernannt wurde. Darüber hinaus verfaßte er weit über 100 zumeist mit Urkundenanhängen versehene historische Veröffentlichungen, die er zuweilen in verschiedenen eigens gegründeten Reihen selbst herausgab. Waren Paul Oesterreichers Schriften zu Beginn seiner Karriere noch eher archivwissenschaftlich oder zeitgeschichtlichpolitisch motiviert, so verfaßte er nach 1810 nahezu ausschließlich Arbeiten zu Themen der bambergischen oder fränkischen Landesgeschichte, ohne dabei jemals seine Maxime zu verlassen, nur neues, aus originärem Quellenmaterial gezogenes Wissen mitzuteilen. Sein immerwiederkehrendes Leitmotiv hieß: „Es muß Licht werden!“, womit er sich auch als Befürworter des Säkularisationsgeschehens zu erkennen gab. Zuletzt arbeitete Oesterreicher im Auftrag des Regierungspräsidenten an einem historisch-topographischen Lexikon des Obermainkreises, das er aber nicht mehr vollenden konnte.
Paul Oesterreicher gehörte zum politisch wachen Bildungsbürgertum Bambergs. Zumindest um 1818 war er führendes Mitglied der Lesegesellschaft „Harmonie“, die sich nicht nur als gesellschaftlich-geselliger Verein mit literarischen und wissenschaftlichen Zielen verstand. Bei der Gründung und Etablierung des Historischen Vereins Bamberg in den Jahren 1830 und 1831 war Paul Oesterreicher die entscheidende Figur. Er war überzeugt von den Werten, Funktionen und Zielen des aufblühenden historischen Vereinswesens und setzte sich nicht nur in Bamberg, sondern in ganz Franken und darüber hinaus für die Umsetzung dieser Ideen ein. Sein tragendes Engagement in Bamberg war allerdings nur von kurzer Dauer. Enttäuscht vom mangelnden Einsatz seiner Mitstreiter erklärte er bereits im Sommer 1831 die Niederlegung seiner Ämter und seinen Austritt aus dem historischen Verein.
Oesterreichers Begeisterung für die Idee der historischen Vereine war entfacht durch den Aufruf König Ludwigs I., in allen Kreisen des Königreichs Bayern historische Vereine zu gründen. Als Vorstand des Archivkonservatoriums Bamberg und Wahrer der archivalischen Überlieferung sowohl des Fürstentums Bayreuth als auch des Hochstifts Bamberg fühlte er sich natürlich besonders angesprochen und aufgefordert, an der Umsetzung mitzuwirken. Von Beginn an verfocht er – entsprechend der den fränkischen Verhältnissen wohl nicht ganz angepaßten Idee des Königs – die Vorstellung eines historischen Gesamtvereins für den Obermainkreis. Mit Schreiben vom 28. Juni 1830 lud er die Bamberger Geschichtsfreunde zur Gründung eines solchen ein. Die Voraussetzungen dafür waren bereits ungünstig, denn am selben Tag hatte sich der seit 1827 in der Kreishauptstadt Bayreuth bestehende „Verein für Bayreuthische Geschichte und Altertumskunde“ unter der Leitung des 1. Bürgermeisters Hagen nach dem Vorbild des historischen Vereins des Rezatkreises zum Kreisverein erklärt. Anfang 1830 hatte Oesterreicher den Bürgermeister Hagen offensichtlich aufgefordert, „seinen“ Verein auf den ganzen Obermainkreis auszudehnen. Als eine Antwort ausblieb, wiederholte Oesterreicher mit Schreiben vom 27. Juni 1830 sein Ansinnen und berichtete, daß man in Bamberg eigentlich für einen eigenen Verein gewesen sei. Da dieser dem Bayreuther aber nachteilig sei und nicht der Idee des Königs entspräche, wolle man nun die Idee des Kreisvereins umsetzen. Als kleines Druckmittel legte er die „Ankündigung für einen geschichtlichen Verein des Obermainkreises“ bei, der bereits von der geistigen Elite Bambergs abgezeichnet war. Darin wird als Vereinszweck angegeben, die Denkmäler der Geschichte, welche so lehrreich für das menschliche Leben sind, zu sammeln, zu erhalten, wieder herzustellen und wissenschaftlich zu behandeln, besonders nachdem sie häufig verschleudert werden oder doch unbeachtet, unbenützt geblieben sind ...“. Bürgermeister Hagen erklärte daraufhin zwar umgehend, daß sich der Bayreuther Verein in einen Kreisverein umgewandelt habe. Den Schreiben der kommenden Monate merkt man jedoch an, daß die „Bipolarität“ im Kreis so fest verankert war, daß ein wirklicher Zusammenschluss nie zustande kommen konnte. Man legte zwar „Gemeinschaftliche Satzungen“ fest, vereinbarte regelmäßige Treffen und eine gemeinsame Zeitschrift als Veröffentlichungsorgan, doch zu einem wirklichen Zusammengehen in einem Kreisverein kam es nicht, weil jeder Verein sein Eigenleben behalten wollte. So wäre es zum Beispiel für die Bamberger nie in Frage gekommen, ihre angefangene Sammlung von Archivalien, Münzen, Druckwerken und sonstigen „Altertümern“ nach Bayreuth zu verlagern und Gleiches galt natürlich umgekehrt.
Zwar versuchte man anfangs, den gemeinsamen Vereinbarungen zur Kooperation zu folgen, indem man sich alljährlich bis 1857 zum Informationsaustausch traf und ganz konkret die erste gemeinsame Zeitschrift plante. Das erste gemeinsame Heft mit dem Titel „Archiv der Geschichte des Obermainkreises“ erschien zwar, aber es fand keinen Nachfolger mehr. Schon bei der Entstehung knirschte es im Hintergrund zwischen den Verantwortlichen der Vereine gewaltig, was wohl symptomatisch für die damalige Stimmung war, in der man sich gegenseitig mit Argusaugen begutachtete. Als Beirat, Schriftführer und „heimlicher“ Vorstand des Vereins in diesen Monaten gehörte Paul Oesterreicher zu den Protagonisten. Mit Eifer hatte er erst Beiträge für das erste Heft geliefert; kritisierte dann aber von Bamberger Vereinsseite das Vorauspreschen der Bayreuther, die – ohne die Bamberger eingeschaltet zu haben – mit einer Druckerei einen Vertrag geschlossen hatten und das erste Heft für den Druck vorbereitet hatten. Allerdings war im November 1830 Paul Oesterreicher selbst von Hans von Aufseß für die Absicht hart kritisiert worden, seine „Geschichte der Burg Rabenstein“ als erste Veröffentlichung des historischen Kreisvereins erscheinen zu lassen. Offen sprach Aufseß die Situation an, indem er bat, daß zum Besten des künftigen Kreisvereins jetzt keine Trennung der Kräfte durch gesondertes öffentliches Auftreten herbeigeführt werden dürfe. Paul Oesterreicher steckte nun etwas zurück. Jedenfalls antwortete er, seine Schrift solle nur ein Vorläufer der künftigen Zeitschrift sein, ein Denkmal für die Anwesenheit seiner königlichen Hoheit in Rabenstein am 23. Juni 1830 und für dessen dort gegebene Anregung zur Schaffung des historischen Vereins für den Obermainkreis.
Paul Oesterreichers Rückzug aus dem Bamberger Verein kam relativ schnell. Anzeichen einer kleinen Krise im Vereinsleben nach der Euphorie der Anfangsmonate gab es besonders im April und dann bei der Vereinssitzung am 3. Mai 1831. Zur Erreichung des Vereinszweckes hatte man sich hohe Ziele gesetzt. Dazu gehörte etwa die Forderung, jedes Vereinsmitglied habe mindestens ein Druckwerk in die neue Vereinsbibliothek zu liefern, wöchentlich sollten Zusammenkünfte gehalten werden und monatlich sollten die Vereinsmitglieder einen historischen Beitrag liefern. Paul Oesterreicher beharrte mit Eifer auf diesen Forderungen. Er stellte klar: Es ist jetzt thätiges Zusammenwirken nothwendig, um unseren Zweck zu erreichen und Ehre zu erwerben. Sein langjähriger Intimfeind, der Bibliothekar Heinrich Joachim Jaeck hatte sich schon im April an den Verein gewandt und gebeten, die gemeinsamen Sitzungen nurmehr monatlich und nicht mehr wöchentlich abzuhalten. In der Krisensitzung vom 3. Mai verabschiedete man noch mahnende Worte an die Vereinsmitglieder und erinnerte sie an ihre in der Satzung festgelegten Pflichten. Als auch das nichts half, kehrte Oesterreicher, der Mitglied und bald auch Ehrenmitglied zahlreicher fränkischer und außerbayerischer historischer Vereine und Gesellschaften war, dem Historischen Verein in Bamberg völlig den Rücken. Mit Schreiben vom 15. Juli 1831 legte er seine Ämter nieder und trat zugleich aus dem Verein aus. Bei der nächsten Sitzung wurden deshalb Beiratswahlen abgehalten. Paul Oesterreicher wurde zwar mit den zweitmeisten Stimmen wieder gewählt, doch er nahm die Wahl nicht an. Ein letztes Mal verewigte er sich im Protokollbuch des Vereins, das er sonst – wie fast den gesamten Briefverkehr des ersten Jahres – alleine geschrieben hatte, indem er an das Ende des Sitzungsprotokolls schrieb, sein Austritt sei definitiv und endgültig.
Paul Oesterreichers hoher persönlicher Einsatz bei der Gründung des Historischen Vereins, aber auch sein rasches Ausscheiden lassen typische Charakterzüge aufscheinen. Die meisten Mitglieder fühlten sich wohl vom dem Elan, dem Eifer und der Schaffenskraft des Archivars überfordert. Auf der anderen Seite wäre Paul Oesterreicher mit „seinem“ Verein wohl nur dann zufrieden gewesen, wenn darin lauter Gleichgesinnte und Fleißige unter seiner Leitung gewirkt hätten. Zudem saß, schon wegen seiner Königstreue, aber auch aus sachlichen Gründen, die Enttäuschung tief, daß sich der historische Verein des Obermainkreises (von Oberfranken), dessen geschichtliche Quellen komplett in „seinem“ Archiv in Bamberg verwahrt wurden, nicht hatte verwirklichen lassen.

MARTIN JOSEPH VON REIDER (1793–-1862)
ZEICHNUNGSLEHRER, SAMMLER UND FORSCHER

von FRIDOLIN DRESSLER in BHVB 141 (2005) 239–-241
Als man in Bamberg im Jahre 1830 zur Gründung eines Historischen Vereins schritt –- dazu aufgefordert von König Ludwig I. -–, gehörte Martin Joseph von Reider zu den Männern der ersten Stunde. Er nahm an der Besprechung am 8. Juli 1830 im Pfarrhof der Oberen Pfarre teil, die als Gründungsakt gilt. Geboren zur Zeit des Höhepunktes der Französischen Revolution, am 3. August 1793 in Bamberg, wuchs er als älterer Sohn einer dem Bistum und Hochstift eng verbundenen Familie heran. Es war die Epoche, da der Sturm der Kirchen- und Klostersäkularisation (1802 ff.), dann der Untergang des „Alten Reiches“ das Bild der Stadt Bamberg wie auch die Lebensverhältnisse nicht weniger ihrer Bewohner tief veränderte. Nach Reiders eigener Aussage erwachten sein historisches Interesse wie seine Sammelleidenschaft bereits in diesen frühen Jahren an der höheren Schule. Er verließ diese ohne Abschluß und wechselte in die „Zeichnungsakademie“ des Majors Leopold von Westen. Hier konnte sich seine zeichnerische Begabung – ein Erbe von Mutterseite, Schwester des durch seine Pläne und Ansichten bekannten Banzer Benediktiners Johann Baptist Roppelt – voll entfalten. Mit 21 Jahren wurde er dort Lehrer und übte dieses Amt über 30 Jahre offenbar erfolgreich aus.
Entscheidend für seinen Lebensweg und sein Ansehen wurde aber, daß er von früh an seine ganze freie Zeit und Kraft, wie sein freilich bescheidenes Einkommen der Erkundung der Bamberger Kunst und Geschichte widmete. So brachte er, der ledig blieb, eine ungewöhnlich reichhaltige und teilweise auch außerordentlich wertvolle Sammlung von Kunstwerken aller Art und von vielfältigen Kulturdokumenten zusammen. Seine Sammlung soll er zwar vor den meisten seiner Mitbürger verschlossen gehalten haben, zeigte sie aber umso bereitwilliger Kennern. Diese kamen oft von weither, und er erläuterte ihnen seinen Schatz an Gemälden, Plastiken, Bildteppichen und anderen Kulturgütern weitläufig dank seiner ausgebreiteten Kenntnisse der Kunstgeschichte und speziell der Vergangenheit seiner Heimat. Ein Zeugnis seiner Sachkenntnisse dafür ist ein 1827 abgegebenes Gutachten zur Purifizierung des Bamberger Domes, die König Ludwig I. wünschte. Auch beim Historischen Verein beruhte sein Ansehen vorrangig auf seinen in den monatlichen Zusammenkünften vorgetragenen Kunst- und Geschichtskommentaren, weniger in Beiträgen zur Vereinsverwaltung. Seit 12. Dezember 1833 bekleidete er hier das Amt des die Vereinssammlungen betreuenden Konservators, doch zeigte sich schon damals sein Unvermögen, einen Sammlungsbestand inventarmäßig zu erfassen, weshalb am 3. Januar 1838 seine Ablösung erfolgte. Nochmals hatte er von 1850 bis 1860 dieses Amt und das des Bibliothekars inne. Seine offenbar zahlreichen Kontakte mit Gelehrten, Bibliothekaren und Antiquaren scheinen vielfältig gewesen zu sein, sind aber nur sporadisch nachweisbar.
Mit fortschreitendem Alter hat er sich, vielleicht bewegt durch Joseph Hellers Tod 1849, Gedanken über die Zukunft seiner Sammlung gemacht und dabei wohl zunächst an eine Übergabe an seine Heimatstadt gedacht, die ihm dabei auch seine Altersrente aufbessern sollte. Offenbar aber vergeblich, denn es gibt keine Akten in Bamberg über ein solches Bemühen. Dagegen hat der bekannte Lokalchronist Christian Pfau berichtet, Reider habe sowohl im Wissen um die Absicht König Maximilians II., ein bayerisches Nationalmuseum zu gründen, die Gelegenheit eines königlichen Besuchs in Bamberg (vielleicht 1857) für einen spektakulären Auftritt vor dem Alten Rathaus bei der Auffahrt vom Bahnhof zur Residenz benutzt: Er ließ einen seiner spätmittelalterlichen Bildteppiche beim Nahen der Königskutsche entrollen und wurde prompt vom König nach seinem Anliegen befragt. Tatsächlich kam es dann 1859 zu spannungsreichen Verhandlungen mit den königlichen Gründungsbeauftragten Jakob Heinrich von Hefner-Alteneck und Karl Maria Freiherr von Aretin. Man überredete Reider, gegen Zusage einer stattlichen Jahresrente von 1 000 Thalern und der Verleihung des Ritterkreuzes I. Klasse des Verdienstordens des hl. Michael, seine umfangreiche Sammlung nach München zu geben. In wenigen Tagen wurde vor Ort ein flüchtiges Inventar angelegt und die gesamten Kunstschätze noch im Herbst 1859 nach München verbracht. Reider mietete in München sofort eine Wohnung in bester Lage, starb dort aber bereits am 5. Februar 1862. Sein Grab auf dem prominenten Südlichen Friedhof ist schon lange aufgelassen. Im Bayerischen Nationalmuseum erinnert bei besonders exzellenten Schaustücken ein Hinweis Aus der Sammlung Reider, doch hat man viele Objekte inzwischen an andere Sammlungen weitergegeben. Einige bemerkenswerte Gemälde aus Bamberg befinden sich heute in der Fränkischen Galerie auf der Veste Rosenberg in Kronach. In Bamberg zurückgelassene Teile, vor allem Handschriften, wurden versteigert oder verkauft, wobei sich der Historische Verein zahlreiche Stücke sichern konnte.

DOMDECHANT JOHANN ROTHLAUF

von LUITGAR GÖLLER in BHVB 141 (2005) 242–-246
Unter ungeheurer Betheiligung aller Stände wurden gestern (16.3.) Nachmittags 3 Uhr die irdischen Überreste des verlebten hochwürdigen Herrn Domdechants Rothlauf (in) der im alten Kirchhof befindlichen Capitelsgruft beigesetzt. Die Menschenmenge, die sich gestern im Kirchhof befand, ist dort sonst nur am Allerseelentage zu finden. Die Wege, durch welche sich der imposante Leichenzug bewegte, waren zu beiden Seiten dicht besetzt, nicht minder war es der Platz um die Grabstätte, lange bevor dort der Zug angekommen war …
... Diese allgemeine Theilnahme lieferte den wiederholten Beweis, in welch´ hoher Achtung der Dahingeschiedene gestanden und daß sein Andenken in allen Kreisen ein gesegnetes und gesichertes ist
(Stadtarchiv Bamberg (künftig: StadtAB), BS 7323/2, Fränkische Chronik, Bamberg, 17. März 1881).
In der Mitteilung des Metropolitankapitels vom Tod Johann Rothlaufs am 14. März 1881 an die bayerischen Ordinariate – unterzeichnet von Dompropst Fellner und Domdekan Kotschenreuther – heißt es: Der Dahingeschiedene besaß glänzende Eigenschaften des Geistes und die edelsten Vorzüge des Herzens, die je das Leben eines Priesters zieren können. Die ganze Laufbahn seines priesterlichen und amtlichen Wirkens, in welcher er besonders durch tiefe Frömmigkeit, durch reiches Wissen, durch Menschenfreundlichkeit und Duldsamkeit gleich hervorragte, war eine Kette edler Handlungen.
Mit ihm verliert der Hwst. Oberhirte einen lojal ergebenen treuen Freund, das Domkapitel einen seiner geschäftsgewandtesten liebenswürdigen Collegen, die Stadt Bamberg einen stets hilfsbereiten Vater der Armen.
Unsere Trauer in den Verlust unsere lb. Collega ist darum eine große und gerechte
(Archiv des Erzbistums Bamberg (künftig: AEB), Personalakt Rep. 2 Nr. 2104/5).

Wer war Johann Rothlauf?

In Friedrich Wachters „General-Personal-Schematismus der Erzdiözese Bamberg 1007-–1907“ stehen nur wenige Zeilen über Rothlauf. Das hat sicher seinen Grund darin, daß bei ihm der Aufstieg gradlinig verlief. Im Gegensatz zu manch anderen Geistlichen, die sich über zahlreiche auswärtige, oft auch abgelegene Stellen vorwärts arbeiten mussten, um eine gute Pfarrei zu erhalten, meinte es die Vorsehung gut mit Rothlauf. Ohne je Bamberg verlassen zu haben, kann seine geistliche Laufbahn fast als „Bilderbuchkarriere“ bezeichnet werden. Dennoch ist die Quellenlage hinsichtlich seines Lebenslaufs und Wirkens nicht sehr günstig. Im Folgenden wird nur veröffentlicht, was mit vertretbarem Aufwand zu ermitteln war.
Geboren wurde Johann Rothlauf am 22. Juli 1806 in Scheßlitz als Sohn des Rotgerbers Johann Georg Rothlauf und seiner Gattin Anna Maria Hügerich. Am gleichen Tag erhielt er die Taufe. Sein Pate war Johann Molitor, der Sohn des Bäckers Martin Molitor (AEB, Matrikel der Pfarrei Scheßlitz, Bd. 7/14, S.268).
Am 4. Dezember 1831 empfing Rothlauf die Priesterweihe. Bei der „Prüfung zur Ausübung der Seelsorge aus der Moral und Pastoralwissenschaft“ am 20. Dezember 1831 wurde er unter 21 Kandidaten als einziger mit der Note vorzüglich ausgezeichnet (AEB, Generalvikariatsprotokolle 1831, Nr. 780, 20.12.).
Der „Schematismus der Geistlichkeit des Erzbistums Bamberg für das Jahr 1834“ bezeichnet ihn als Hofmeister. Aus einem Gesuch an die Regierung des Obermainkreises vom 4. Juni 1835 um Zulassung zur Prüfung für das Pfarramt ergibt sich, daß er die jungen Barone von Ruffin – vermutlich Verwandte des Erzbischofs – unterrichtete (AEB, Rep. 4/3, Nr. 218).
Am 30. Mai 1835 bat er das Generalvikariat um ein „Qualifikationszeugnis zum Behufe seiner Zulassung zur bevorstehenden Pfarrkonkursprüfung“ (AEB, Generalvikariatsprotokolle, Nr. 407, 30.5.). Nach dem ihm am 31. Mai 1835 erteilten Qualifikationszeugnis war er der Beste mit folgenden Noten (AEB, Generalvikariatsprotokolle, Beschluß Nr. 464, 31.5.):
Wissenschaftliche Bildung       vorzüglich = 1
Amtseifer                                      unermüdet beständiger = 1
Moralisches Betragen                ausgezeichnet gutes.= 1


Nach dem Zeugnis der vom 1.–4. Juli 1835 erfolgten Classifikation gehörte er zur Classe 1, als 6. unter 47 Teilnehmern. Seine Einzelnoten in 10 Fächern schwankten zwischen 1 – 11/2 – 11/3, nur in Pastoral hatte er 2 – offenbar fehlte ihm wegen seiner Hofmeistertätigkeit die Praxis der Seelsorge (AEB, Rep. 4/3, Nr. 218).
Rothlauf erfreute sich offenbar der besonderen Förderung von Erzbischof Joseph Maria von Fraunberg, denn dieser verlieh seinem Hofmeister und Sekretär am 23. April 1838 die durch den Tod des Domvikars Josef Hemmerlein vakante 6. Vikarsstelle am Dom.
Die Genehmigung durch König Ludwig I. erfolgte am 22. Mai 1838, die Einweisung am 6. Juni 1838. In der Folgezeit war Rothlauf Sekretär des Allgemeinen geistlichen Rates.
Am 15. Juni 1847 stand das durch das Ableben des Seniors des Kapitels Dr. Andreas Gros und das Vorrücken der übrigen Kanoniker erledigte 10. Kanonikat zur Wiederbesetzung an. Nach Artikel X des Konkordates von 1817/1821 stand dem Oberhirten die Berufung zu. So ernannte Erzbischof Bonifaz von Urban am 1. August 1847 den Domvikar und Sekretär Johann Rothlauf zum Domkapitular. Diese Ernennung brachte Rothlauf am 2. August 1847 dem Metropolitankapitel zur Kenntnis mit der Bitte, die königliche Genehmigung einzuholen, die dann am 31. August 1847 erfolgte. Die Installation fand am 1. Oktober 1847 statt. In seiner Eigenschaft als Domkapitular war er Sekretär des Metropolitankapitels, des Metropolitangerichts und Synodalexaminator (AEB, Personalakt Rep. 2, Nr. 2104/5).
Nach dem Tod des Domdechanten Dr. Adam von Gengler am 1. April 1866 wurde der zwischenzeitlich zum Offizial und Direktor der erzbischöflichen Kanzlei beförderte Rothlauf am 6. Juli 1866 durch König Ludwig II. zum Domdechanten ernannt. Die Investitur nahm Erzbischof Michael von Deinlein am 20. Juli 1866 vor, nachdem der Neuernannte das tridentinische Glaubensbekenntnis und das „iuramentum fidelitatis et obedientiae“ abgelegt hatte. Die Installation erfolgte am 23. Juli 1866 (AEB, Personalakt Rep. 2 Nr. 2104/5).
Große Verdienste hat sich Rothlauf um den St. Johannis-Zweigverein und als Consulent der Kleinkinderbewahranstalt des 1. Distrikts erworben.
Seine Gewandheit in mehreren Sprachen und seine anerkennenswerthen Kenntnisse in der mit Vorliebe gepflegten, besonders heimathlichen Geschichte erschlossen ihm auch fremde und sogar gelehrte Weise, so heißt es in einem Nachruf des Bamberger Pastoralblattes [XXIV. Jahrgang, Nr. 13, S. 48]. So war es nicht verwunderlich, daß der Privatsekretär und Hauskaplan des Erzbischofs 1837 dem 1830 gegründeten „Historischen Verein zu Bamberg in Oberfranken von Bayern“ beitrat. Vom 4. Juni 1851 bis 6. März 1856 bekleidete er das Amt eines Sekretärs des Vereins. Als Nachfolger des zum Bischof von Augsburg ernannten 1. Vorstandes, Weihbischof und Generalvikar Michael von Deinlein wurde er 1856 für 19 Jahre 1. Vorsitzender („Vorstand“) des Vereins. Bei der Erweiterung des Vorstandes am 14. September 1865 fiel ihm der 1. Vorsitz mit den Zuständigkeiten Allgemeine Geschäftsführung und Führung der Korrespondenz zu. Seine Tätigkeitsberichte der Jahre 1856 bis 1875 sind Beweis für sein Wirken und die Entwicklung des Historischen Vereins.
In Rothlaufs Tätigkeit als 1. Vorsitzender fiel der Erwerb der Maternkapelle als Vereinslokal. Am 4. Mai 1860 beschloß die Generalversammlung den Kauf der Kapelle zum Preis von 1 200 fl. Dieses Denkmal, das zum Verkauf anstand, sollte vor der Zerstörung bewahrt und wenigstens in seinem äußeren Bestand als Kapelle erhalten werden. Da der Verein außer seinen Exponaten kein Vermögen besaß, war er auf Wohltäter sowie eine obrigkeitlich erlaubte Emittierung von Aktien angewiesen. Nach manchen Umbauten im Innern konnte am 29. Juli 1861 die feierliche Eröffnung des Vereinslokals und des damit verbundenen Museums stattfinden (BHVB 23 (1860), S. VIII f.; 24, S. III–VI und 149; 25 (1862), S. VI f., IX–XI).
Wie den jährlichen Vereinsberichten Rothlaufs zu entnehmen ist, unterhielt Rothlauf rege Kontakte zu den in Deutschland bestehenden wissenschaftlichen Gesellschaften, Geschichts- und Altertumsforschenden Vereinen sowie mit einzelnen Gelehrten und Forschern. Dadurch erfuhr die Vereinsbibliothek ansehnliche Zuwächse von mitunter kostbaren Werken. Durch zahlreiche Geschenke – auch von Seiten des 1. Vorsitzenden – war die Maternkapelle 1865 so gefüllt, daß sie nicht mehr ausreichte, eine übersichtliche Aufstellung der einzelnen Exponate zu ermöglichen. Durch Anschaffung von neuen Schränken wurde Sorge für eine bessere Aufbewahrung der Handschriften, Urkunden, Bücher, Münzen und anderer Altertümer getragen. Auch die Zahl der Mitglieder nahm kontinuierlich zu.
Als 1. Vorsitzender des Historischen Vereins schrieb Rothlauf zahlreiche Nekrologe mit Würdigung der wissenschaftlichen Bedeutung verdienter Mitglieder, so 1855 auf Domkapitular Friedrich Wunder (BHVB 18 (1855), S. XXV–XXXI), 1858 auf Geistlichen Rat Dr. Haas und Prof. Dr. Zeus (BHVB 21 (1858), S. 63–76), 1864 auf Dr. Georg Thomas von Rudhart, Joseph von Reider und Dr. Johann Lukas von Schönlein (BHVB 27 (1864), S. 107–153), 1866 auf Erzbischöflichen Geistlichen Rat und Stadtpfarrer Caspar Schweitzer (BHVB 29 (1866), S. 183–197), 1869 auf Domkapitular Dr. Leonhard Clemens Schmitt (BHVB 31 (1869), S. 97–106), 1870 auf Pfarrer Lucas Hermann (BHVB 32 (1870), S. 195–-201) und auf Kuratus A. Oesterreicher (BHVB 32 (1870), S. 202–205), 1875 auf Professor Dr. Anton Ruland (BHVB 37 (1875), S. 1–12) und auf Erzbischof Dr. Michael von Deinlein (BHVB 37 (1875), S. 93–-108).
In den Jahresberichten 1869-–1871 (BHVB 31 (1869), S. 58–96; 32 (1870), S. 115–-187; 33 (1871), S. 1–80) veröffentlichte er einen unkommentierten Textabdruck aus einer Handschrift der Kapitelsbibliothek aus dem Jahre 1748 „Verzeichnis der Kanoniker des alten Domstiftes in Bamberg in der Zeit von 1046 bis 1749“. Seine Absicht war es, geschichtliche Notizen über das ehemalige Bamberger Domkapitel als Baustein zur Ausführung einer künftigen Geschichte bekannt zu geben (BHVB 31 (1869), S. 58).
Am 29. Mai 1865 wurde das von König Ludwig I. der Stadt Bamberg gestiftete Denkmal des Fürstbischofs Franz Ludwig von Erthal feierlich enthüllt. Eine ausführliche Beschreibung der Festlichkeiten aus der Hand Rothlaufs erschien in der Bamberger Zeitung Nro. 148 und 149 (30. und 31. Mai 1865). Da nach seiner Meinung Zeitungsblätter mit der Zeit verloren gehen, veröffentlichte er einen Augenzeugenbericht dieses Ereignisses (BHVB 28 (1865), S. 84–99). Außerdem erschien von ihm als Festgabe eine Broschüre „Kurze Lebensbeschreibung Franz Ludwigs von und zu Erthal, Fürstbischofs zu Bamberg und Würzburg Herzogs in Franken“. In ihr sollte durch das segensreiche Wirken Franz Ludwigs Dankbarkeit und Verehrung geweckt und zur Nachahmung seiner hohen Tugenden im Allgemeinen angeregt werden.
In einer weiteren Abhandlung beschäftigte er sich mit der Baugeschichte der St. Jakobskirche von 1154–1852 unter dem Titel „Geschichtliche Notizen über die St. Jakobskirche in Bamberg. Ein Vortrag, gehalten in einer Sitzung des historischen Vereins 1868 vom I. Vereins-Vorstand (BHVB 31 (1869), S. 45–57 und S. 107–110).
1873 behandelte er die Frage „Welcher Altar im Dom zu Bamberg galt ursprünglich für den Hauptaltar und welcher der beiden Chöre demzufolge für den Hauptchor?“ (BHVB 35 (1873), S. 156–-170). Hier spricht er sich für den Peterschor aus.
In Würdigung seiner Verdienste für den Historischen Verein Bamberg wurde er 1876 Ehrenvorstand ernannt. Die Historischen Vereine von Bayreuth und Landshut machten ihn zu ihrem Ehrenmitglied.
Am 13. März 1881 abends um 1/2 7 Uhr ist Domdechant Johann Rothlauf in Anwesenheit des Erzbischofs, des Dompropstes und des Generalvikars im Alter von 74 Jahren und 6 Monaten einem längeren Leiden erlegen. Leider wurde ihm selbst, der so viele Nachrufe auf verstorbene Vereinsmitglieder veranlaßte, in den Vereinsberichten diese Ehre nicht zuteil; sein Tod fand hier keine Erwähnung.
Eines der beliebtesten Originalportraits von Bamberg, dem vielleicht kein Herz feindselig schlug, ist mit ihm verblichen (Bamberger Pastoralblatt, XXIV. Jahrgang, Nr. 13, S. 48). Ganz besonders aber verlieren die Armen der Stadt, denen der größte Theil der Einkünfte des Verblichenen zufloß, in ihm einen Vater und werktätigen Tröster. Sein Andenken wird in der ganzen Erzdiöcese in gesegneter Erinnerung bleiben (StadtAB BS 7323, Fränkische Chronik, Bamberg, 17. März 1881).

PHILIPP AUGUST GOTTHOLD SABEL (1852–-1909)
KÖNIGLICHER GYMNASIALPROFESSOR UND KIRCHENRAT, WAPPEN- UND SIEGELFORSCHER

von FRANZ BITTNER in BHVB 141 (2005) 247–-251
Gotthold Sabel wurde am 12. Juni 1852 in Waldangelloch, Großherzoglich-Badisches Bezirksamt Bretten, als Sproß eines badischen Pfarrergeschlechtes geboren. Sein Großvater Johann Philipp Sabel war Dekan in Heidelberg, sein Vater Ludwig Adolf Sabel, verheiratet mit Wilhelmina Grosch, Pfarrer in Waldangelloch, später in Gochsheim (Baden). Das Großherzogtum Baden, 1806 durch den Reichsdeputationshauptschluß und den Beitritt zum Rheinbund entstanden, hatte im 19. Jahrhundert das Glück, von allgemein liberalen Herrschern regiert zu werden. Im Geburtsjahr Sabels trat Großherzog Friedrich I. (1852–-1907), ein überzeugter Protestant, seine 56jährige Herrschaft an, die Baden nach schweren Unruhen der Revolution 1848/49 zum „Musterländle“ machte. Nach dem Abitur (Gymnasialabsolutorium) in Stuttgart studierte Sabel von Ostern 1872 bis Herbst 1876 an der Universität Erlangen. In Ansbach legte er 1876 die theologische Aufnahmeprüfung mit der Note III (gut) ab. Hier folgte 1879 die Anstellungsprüfung. Vor der eigentlichen Anstellung nahm Sabel 1876 ein Angebot des Pfarrers Petrus Heller in Kleinheubach/Main, kgl. Bezirksamt Miltenberg, bei ihm als Privat-Vikar einzutreten, bereitwillig an. Er reichte, befürwortet durch Pfarrer Heller, ein Gehorsamstes Gesuch des Predigtamtskandidaten Gotthold Sabel – Betreff: Verwendung im bayerischen Kirchendienste, vorgelegt beim Königlichen Dekanate in Erlangen 16. September 1876 ein und stellte die gehorsamste Bitte: Ein hochwürdiges königliches Protestantisches Consistorium wolle geneigtest genehmigen, daß der gehorsamst Unterzeichnete in dem Dienste der bairischen Landeskirche Verwendung finde, d. h. das Vikariat Kleinheubach übernehme. Kurz darauf traf die Genehmigung ein. Auch das wiederum von Pfarrer Heller sowie vom Oberconsistorium München befürwortete Gesuch um die Ordination, für die Sabel um Befreiung von der weiten, beschwerlichen Reise nach Bayreuth, auch wegen der großen Ausdehnung der Pfarrei Kleinheubach, bat, hatte Erfolg, und die Ordination wurde in Kreuzwertheim vollzogen. Am 12. September 1878 erging die Aufforderung an Sabel, sich für den Dienst in der Bayerischen Landeskirche zu entscheiden. Sabel antwortete am 2. Oktober 1878 zustimmend. Im Jahre 1879 erwarb er die bayerische Staatsangehörigkeit und erhielt erst später, seit dem 1. Januar 1882, Heimatrecht in Kleinheubach. Im Jahr 1879 wirkte Sabel als Pfarrverweser in Amberg und Vohenstrauß, zudem legte er in Ansbach die theologische Anstellungsprüfung mit der Note III (gut) ab. Durch Höchste Entschließung des kgl. Staatsministeriums des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten wurde Sabel am 28. Dezember 1879 die Funktion eines protestantischen Religionslehrers an den kgl. Lehrerbildungsanstalten und der kgl. Studienanstalt in Bamberg übertragen. Er bezog ein Funktionsgehalt von 2 868 Mark. Zu Ostern 1882 heiratete er die jüngste Tochter des Pfarrers Heller, Emilie Heller. Für seine Tätigkeit erntete Sabel von seinen vorgesetzten protestantischen Behörden hohes Lob. Die Lehrer wurden alle fünf Jahre qualifiziert und erhielten eine Quinquennalnote. Das protestantische Dekanat Bamberg richtete am 21. Mai 1885 einen Brief an das kgl. Consistorium Bayreuth mit der Bitte, die Note für Sabel von III auf II (sehr gut) zu erhöhen. Seine Zensur in den letztjährigen dekanatischen Qualifikationslisten lautet folgendermaßen: Ist von sehr großer Statur, sehr lebendigem, regsamem Geiste, überhaupt von sehr beweglichem Wesen, voll edlen höheren Strebens. Seinem hiesigen arbeitsvollen Lehrberufe widmet er sich mit vollster Hingebung, predigt daneben auch zuweilen gerne und findet mit seinen schriftgemäßen, einfachen warmen, ganz frei und fließend vorgetragenen, manchmal etwas zu ausführlichen Predigten auch entsprechenden Eingang bei der Gemeinde. Bei seiner Vielseitigkeit läßt er es auch im Ringen nach immer größerer Gründlichkeit und Tiefe nicht fehlen. ... führt mit seiner gediegenen Gattin einen sehr anständigen Haushalt und vollkommen würdigen Handel. Bis jetzt kinderlos, hat er meist Zöglinge in seinem Hause. Seine Berufswirksamkeit als Religionslehrer ist noch in jedem Jahre von Seite der kirchlichen Behörde besonders anerkannt worden. Im Namen seiner Majestät des Königs von Bayern genehmigte das Oberconsistorium München das Ansuchen. Im gleichen Jahre wurde Sabel zum Gymnasial-Professor ernannt, seit 1890 unterrichtete er auch am Neuen Gymnasium Bamberg. Sabels freier Umgang mit dem Lehrstoff wurde vom Consistorium Bayreuth gerügt, doch Sabel rechtfertigte sich und der Tadel wurde zurückgenommen (von Sabel am 30. März 1887 als gelesen bestätigt). Seine tiefe Religiosität und die ökumenische Hilfe für die katholischen Präparanden beweist ein Brief des Consistoriums Bayreuth an das Dekanat Bamberg: Daß sich Professor Sabel bei der Beichte und Kommunion derselben (katholischen Präparanden) unter Genehmigung des Parochus betätigt hat, gibt von dem seelsorgerischen Ernste Zeugnis, mit dem er sein Lehramt führt und trägt gewiß zur religiös-sittlichen Förderung der Schüler bei. Doch das Consistorium kontrollierte streng, wie zwei Anfragen zeigen: Findet eine gemeinsame Morgenandacht der protestantischen Schüler statt? Ist der sonntägliche Nachmittags-Gottesdienst verpflichtend oder frei? Sabel antwortet, daß eine gemeinsame Morgenandacht beider Konfessionen vom jeweiligen Hilfslehrer mit Gebet, Psalmengesang, Vater Unser (deutsch) ohne Doxologie, und dem Gloria patri durchgeführt werde. Abends werden Andachtslieder, die für beide Konfessionen passen, gesungen. Prinzregent Luitpold verlieh Sabel mit Wirkung vom 1. Juli 1896 dem protestantischen Religionslehrer an beiden humanistischen Gymnasien in Bamberg die pragmatischen Rechte mit Anrechnung der Dienstzeit im Gymnasialdienst auf die Pensionsbezüge. Sein hohes Ansehen als Lehrer und Wissenschaftler führte 1907/1908 zur Beförderung zum Königlich-Bayerischen Kirchenrat.
Am 11. Februar 1909 mußte das Bamberger Dekanat dem kgl. Protestantischen Consistorium mitteilen: Der k. Gymnasialprofessor Kirchenrat Sabel dahier ist heute früh 3/4 7 Uhr an den Folgen eines Schlaganfalls verstorben. Sein plötzlicher Tod weckte eine breite und tiefe Anteilnahme, wie die Trauerreden am Grabe erkennen lassen. Der 1. Vorsitzende des Historischen Vereins Bamberg,  Lycealprofessor Dr. Dürrwächter, würdigte ihn als ein im Vereinsausschuß besonders eifriges Mitglied, dessen historische Studien weit über die Grenzen des Vereinsgebietes hinausgingen. In der letzten Monatsversammlung, kurz vor seinem Tod, legte Sabel einen fertigen chronologischen Kalender, berechnet auf 2000 Jahre, vor. Bei der feierlichen Beerdigung erwiesen ihm die Gymnasien, alle Behörden, Adel, Militär, Domkapitel, Israelitische Kultusgemeinde, Stadtvertreter, der Verein für protestantische Gemeindepflege, dessen Vorstand Sabel war, und der Verein der interkonfessionellen Krippenanstalt die letzte Ehre.
Wenden wir uns nun G. Sabels wissenschaftlichem Werk zu, das bis heute Beachtung verdient. Eine seiner umfangreichsten Arbeiten ist der Entwurf der Städte-Wappen für das Melanchthon-Haus in Bretten (Kreis Karlsruhe), dem Geburtsort Philipp Melanchthons (1497–1560). Dieser eindrucksvolle Bau wurde als ehrendes Museum in historisierendem gotischem Stil 1897 begonnen und vom 19.–21. Oktober 1903 eingeweiht. Die Wappen der Fassade wurden als Glasmosaik ausgeführt. Diese Kunst hat eine jahrtausendealte Tradition, doch für Bretten wurde eine neue Technik für die Herstellung der Mosaiksteinchen gefunden, die für die Firma Pfuhl & Wagner ein glänzendes Geschäft wurde, da Kaiser Wilhelm II. dieser Kunst geradezu Ewigkeitswert zusprach. An der Fassade sind die Mosaiken mit den Städtewappen nach den Lebensstationen Melanchthons von Bretten, Pforzheim, Heidelberg, Tübingen und Wittenberg, an den Galerie-Erkern das kurpfälzische, badische, kursächsische und preußische Wappen nach Entwürfen Sabels angebracht (1900/1901). Das Material lieferte die Gesellschaft Pfuhl &Wagner in Berlin, deren bekanntester Künstler August Oetken (1868-1951) die Glasmosaiken an der Fassade anfertigte. Sabel entwarf auch die Wappen für das „Städtezimmer“, benannt nach den 121 Wappen von Städten, mit denen Melanchthon im Briefwechsel stand. In der Bibliothek des Melanchthonhauses erhalten ist eine Rote Originalleinenmappe, 30 Kartonblätter mit je 4 (insgesamt 120) aufgeklebten Photographien von Wappen. Auf dem Innendeckel befindet sich eine eingeklebte handschriftliche Widmung: Herrn Otto Hupp, Kunstmaler, s/m liebenswürdigen und allezeit hilfsbereiten Berater in Liebe und Verehrung zugeeignet von G. Sabel, Professor. Die alphabetisch angeordneten Wappen führen von Reval bis Venedig und Siebenbürgen. Die Wappenzeichnungen Sabels gingen zunächst nach Berlin an den Theologen, Kirchenhistoriker und Christlichen Archäologen Nikolaus Müller (1857–1912), den maßgebenden Initiator zur Errichtung des Melanchthonhauses. Die Bildhauer Lober in Wittenberg, später Prof. Gotthold Riegelmann schnitzten die Wappen aus Holz und lieferten sie zur Begutachtung an Sabel. Dieser übergab sie dann der Fa. Mayer, Dekorationsmaler in Bamberg. Von hier gelangten sie schließlich nach Bretten. Wohl für seine Arbeit am Melanchthonhaus wurde er von Großherzog Friedrich I. von Baden zum Ritter 1. Klasse des Zähringer Löwenordens erhoben, denn die Daten der Ordensverleihung (Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Sich unter dem 19. Oktober d. J. (1903) gnädigst bewogen gefunden ...) und das Datum der Einweihung des Melanchthonhauses (19.–21. Oktober 1903) fallen auf den gleichen Tag.
Die Wappenkunde war für Sabel „ein sehr wichtiger Helfer und Ratgeber für die Geschichte.“ Den wissenschaftlichen Umgang mit Wappen und Siegeln eignete er sich durch Selbststudium an. Die heraldischen Arbeiten Sabels zeichnen sich durch eine genaue Beobachtungsgabe, Sorgfalt bei der Deutung der Farbgebung, und eine scharfsinnige Interpretation des Sinngehaltes der Wappenbilder aus. Die enge Verwandtschaft von Wappen und Siegeln regte Sabel auch zu Arbeiten über Siegel an, wobei er meist kombinierte (heraldisch-sphragistisch). Fundiert werden seine Schlüsse durch die kritische Auseinandersetzung mit dem Quellenbestand sowie durch das Verständnis für Zusammenhänge und Wirkungen von adeligen Besitzverhältnissen und Wappen. Die Verehrung für Philipp Melanchthon führte dazu, daß sich Sabel mit der verwickelten Geschichte des Zerbster Stadtsiegels beschäftigte. Lob erntete Sabel für die Geschichte des Siegels der Stadt Ettlingen von seinem Freunde, dem Kunstmaler Otto Hupp. Der Aufsatz über die Stadtsiegel und das Stadtwappen von Pforzheim, wo Verwandte Sabels lebten, führte zu einem Gelehrtenstreit mit Robert Gerwig, Privatmann und Mitglied der städtischen Archivkommission und dem Vorstand der badischen historischen Kommission. Auch der Schwan im Wappen Martin Luthers interessierte Sabel. Er widerlegte die Legende über eine Prophezeiung des tschechischen Reformators Jan Huß († 1415), daß Luther (ein Schwan) sein Nachfolger würde und führt diese Erweiterung des Wappens auf Gedenkmünzen zurück. Eine historisch-heraldische Untersuchung widmet sich einem alten Ölgemälde eines sitzenden Bischofs in vollem Ornat mit Krummstab, der einem vor ihm sich beugenden mittelalterlich gekleideten hohen „Herrn“ die Hand reicht.
Sabel, der zwanzig Jahre in Bamberg lebte, wurde 1898 außerordentliches Mitglied des Historischen Vereins Bamberg und trat hier gleich mit einem Vortrag über die Wappen der Stadt und des Bistums Bamberg auf. Im Zuge der großen Reorganisation des Vereins 1907 wählte man ihn in die Historische Sektion des Ausschusses. Der frühe Tod verhinderte die Vollendung der Erschließung der umfangreichen Siegelsammlung des Vereins. Seine private Siegelsammlung erwarb der Verein nach längeren Verhandlungen im November 1919 für 250 Mark. Wegen seiner Erfahrung im Entwerfen hatte man ihm Arbeiten an der Ausstattung der Altenburg übertragen. Bemerkenswert sind die fürstbischöflichen Wappen nach seinen Vorgaben an den farbenprächtigen Erkerfenstern. „Viele alte Wappen in der Stadt hat er gerettet und erneuert“ (R. Herd). Nicht übergehen darf man zwei Abhandlungen Sabels, die sich auf Bamberg beziehen. So greift er in einem später gedruckten Vortrag das schon vor ihm umstrittene Thema des Wappens der Stadt und des Bistums Bamberg kritisch auf. Nach einer allgemeinen Einführung in das Wappenwesen stellt Sabel die Frage nach dem Ursprung beider Wappen, erwähnt die Meinung einiger Chronisten und kommt zu dem Ergebnis, daß aller Wahrscheinlichkeit nach Kaiser Friedrich II. (1212–-1250) dem Bistum unter Bischof Ekbert von Andechs 1235 im Zuge der Bereinigung des Wappenwesens auf dem Reichstag zu Mainz das Wappen mit dem Löwen und dem darüber liegenden Schrägfaden verlieh. Beim Stadtwappen, verliehen durch Bischof Ekbert, entschied sich Sabel für den gerüsteten Ritter St. Georg, sein weißes Banner mit rotem Kreuz in der Rechten, ein rotes Kreuz auf der Brust, in der Linken den Meranier-Schild mit einem Adler. Auch das Papstgrab im Bamberger Dom erregte die Neugier des unermüdlichen und detailversessenen Sabel. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf die westliche Schmalseite des Sarkophags, besonders auf einen sitzenden Mann ohne Kopfbedeckung. Dessen rechte Hand faßt ein Schwert an der Schneide. Auf einem Rundschild hält ein Lamm mit Nimbus einen Kreuzesstab. Sabel lehnt die Deutung als Weltenrichter ab, denn das Bild des Schildes finde sich auf den Münzen des Bamberger Bischofs Ekbert von Andechs (1203–-1237). Dieses Bild müsse ein Symbol des Bistums gewesen sein, bevor es ein eigenes Wappen führte. Sabel folgert aus der Struktur des Steines und dem gleichen Stil der beiden Darstellungen, daß der Sarkophag ohne die Deckplatte aus der Zeit von 1203 bis 1235 stamme und hält Bischof Ekbert für den Auftraggeber.
Ein Abbild der Religiosität im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ist Sabels Bemühen, sich geistlicher Dichtung zuzuwenden. Der Pietismus, die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts und volksmissionarische Strömungen mögen ihn bestimmt haben, mit Übersetzungen aus dem Alten Testament eine Vertiefung des Glaubens anzustreben. So wählte er vier poetische Texte aus: Jakobs Weissagung und Segen 1. Mos. 49, 1–27; Moses Siegeslied am roten (!) Meer, 2. Mos. 15, 2-19; Moses Lied 5. Mos. 32, 11–43; Gebet von Mose, dem Manne Gottes, Psalm 90. Nach einer textkritischen Einleitung verurteilt er frühere Übersetzungen wegen der Anlehnung an den häufigen Gebrauch des hebräischen Parallelismus der Glieder (Verse). Er war überzeugt, daß sich zur Übertragung nur die alten jambischen, reimlosen Metra eignen, die das volle poetische Verständnis erst ermöglichen. Nur dann dürfte wohl die idealste Verdeutschung der ältesten hebräischen Poesie erreicht werden.
Möge diese kurze Biographie die Erinnerung an eine Persönlichkeit von überregionaler Bedeutung beleben!

ANDREAS AUGUSTIN SCHELLENBERGER (1746–-1832)
PFARRVERWESER, STADTPFARRER, GEISTLICHER RAT

von MANFRED F. FISCHER in BHVB 141 (2005) 252–-255
Gleich an vier Orten in Bamberg findet sich eine Memoria für Andreas Augustin Schellenberger, den langjährigen und beliebten Stadtpfarrer an der Oberen Pfarrkirche, was auf eine besondere Bedeutung dieses Priesters für die Stadt schließen läßt: Da ist sein Grabstein unter einem großen, steinernen Kreuz als einzig erhaltener, freilich veränderter Rest seiner Grabstelle auf dem ehemaligen Friedhof auf dem Stephansberg. Ein Inschrift-Epitaph an einem Langhauspfeiler in der Oberen Pfarrkirche selbst, dediziert von der Krankenhausstiftung, hat Michael Landgraf gestaltet. Eine Gedächtnistafel des Historischen Vereins von 1865 aus rotem Sandstein ziert eine Fassade des dortigen Pfarrhauses. Und schließlich wurde nach ihm eine Straße am Oberen Stephansberg benannt. Es ist also angezeigt, die vielfältigen Verdienste des Geehrten für die Stadt und ihre Institutionen aufzuzeigen, über den bisher noch keine zusammenfassende Vita besteht.
Andreas Augustin Schellenberger wurde am 7. März 1746 als Kirchnerssohn in Bamberg geboren. Fast sein ganzes Leben hat er später auch hier verbracht.
Zum Priester wurde er ordiniert am 9. Mai 1772, war zuerst am 3. November 1772 Kooperator in Lichtenfels, sodann ab 20. November 1773 Kaplan an der Pfarrkirche U. L. Frau in Bamberg, zugleich Frühmeßbenefiziat. Seit dem 16. September 1782 war er Pfarrverweser an dieser Kirche. Am 22. Januar 1791 wurde er zum wirkl. geistl. Rat ernannt. Er war ein höchst verdienstvoller Priester, mit der Bamberger Politik seiner Zeit als langjähriger Zeitgenosse eng vertraut. Er kümmerte sich intensiv um die Pflege seiner Gemeinde und seiner Pfarrkirche, deren Geschichte er herausgab: 1787 erschien zur Vierhundertjahrfeier seine groß angelegte Monographie mit Beschreibung der Pfarrei und ihrer Kirche samt Ausstattung. Doch auch zeitgeschichtliche Ereignisse bewegten ihn. So schrieb er 1796 ein lateinisches Tagebuch über den Franzoseneinfall vom August 1796 in Bamberg, der ihn mit den Folgen der französischen Revolution konfrontiert hatte.
Schellenberger lebte in einer Zeit des Umbruches der bisher vertrauten politischen, kirchlichen und gesellschaftlichen Systeme. Nach der Säkularisation wirkte er segensreich an der Leitung der Diözese mit. So war er Senior des Generalvikariates, als der Bischofsstuhl verwaist war (1808–1821). Er war intensiv beteiligt bei der Neuorganisation der Pfarreien in Bamberg nach dem Übergang an Bayern. Ab 29. Dezember 1805 wurde er nach der neuen Ordnung einziger und wirklicher Pfarrer der Oberen Pfarre. In der bischofslosen Zeit 1808–1818 war er mit sieben anderen Räten unter einem Präsidenten Mitglied des königl. geistlichen Rates, eines Kollegiums, das im Auftrag der kgl. bayerischen Regierung die kirchlichen Geschäfte des säkularisierten Fürstbistums besorgte.
Schon unter Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal leitete Schellenberger das Armenwesen der Stadt, das ihm sehr am Herzen lag, und erwarb sich Verdienste um das Allgemeine Krankenhaus, das später auch Haupterbe seines Vermögens wurde. Schon bei der Grundsteinlegung am 29. Mai 1787 hatte er mit dem Bamberger Klerus im Beisein des Fürstbischofs von Erthal fungiert. Anläßlich der Eröffnung 1789 hielt er bei einer Feier in der Oberen Pfarre eine vielbeachtete Rede. Schellenberger war in der Aufsichtskommission des Allg. Krankenhauses auch noch nach dem Ende des Fürstbistums tätig und beriet das kurfürstliche Generalkommissariat. Auf seine Anregung wurde das alte Waisenhaus am Unteren Kaulberg 30, das 1804 mit der Säkularisation aufgelöst worden war, 1824/28 wieder begründet.
Unter Fürstbischof Christoph Franz von Buseck mußte er den neuen Friedhof auf dem Stephansberg für die Einwohner links der Regnitz anlegen lassen, da nach der Entschließung vom 12. Dezember 1797 die alten innerstädtischen Beerdigungsplätze aufgelassen wurden. Er war innerlich dagegen gewesen, mußte daher mehrmals gemahnt werden. Am 11. Januar 1802 hatte Buseck die neue „Leichen- und Trauerordnung“ in Kraft gesetzt. Die erste Bestattung am Stephansberg war am 1. Oktober 1802 vorgenommen worden.
Als großer Freund der schönen Künste rettete Schellenberger nach der Säkularisation viele Kunstwerke aus aufgebenen bzw. zum Abbruch vorgesehenen Kirchen Bambergs, vor allem aus der Franziskaner-Klosterkirche bzw. aus St. Clara, von denen er viele in die Obere Pfarrkirche verbrachte. Er kümmerte sich auch um die Sammlung des 1790 verstorbenen Chorregenten Joseph. Sebastian Schramm, eines frühen Vertreters der inventarisierenden Denkmalpflege in Bamberg, von der er ein Verzeichnis anlegte. Er brachte damals vor allem aus dem Bamberger Umfeld eine beachtliche, ja bedeutende Sammlung von Kunstwerken und Altertümern zusammen. Durch sein Testament wurde diese zum Grundstock der seit 1838 bestehenden heutigen städtischen Sammlungen. Zu ihr gehörten 37 meist altdeutsche Gemälde und 60 Elfenbein- und Holzschnitzarbeiten. Auch um vorhandene Kunstwerke in seiner Kirche kümmerte er sich eifrig. So holte er 1829 von Friedrich Carl Rupprecht ein Gutachten zur Wiederherstellung bzw. Ausschmückung der spätmittelalterlichen Taufe ein. Er war also lebhaft interessiert an Geschichte und Kunst.
Als er 1822 sein fünfzigjähriges Priesterjubiläum feierte, erhielt Schellenberger von den Kaplänen der Oberen Pfarre eine Darstellung zur Geschichte der Kirche, als Fortsetzung seines eigenen früheren, sehr verdienstvollen Opus. Die Pfarrkinder des III. Stadtbezirks widmeten ihm ein langes Jubelgedicht.
Am 8. Juli 1830 wurde im Pfarrhaus der Oberen Pfarre in Schellenbergers Beisein der Historische Verein Bamberg gegründet. Er stand gleichsam an dessen Wiege, als nach dem Bamberg-Besuch König Ludwigs I. im Juni 1830 allgemein von den Geschichtsfreunden dazu angeregt worden war. Noch mehrere Treffen des Vereins fanden 1830 dort statt.
Schellenberger starb, fast erblindet, hoch betagt am 26. Februar 1832. Er war in Bamberg sehr verehrt, hatte 1822 zu seinem Priesterjubiläum von König Maximilian I. die goldenen Zivildienstmedaille verliehen bekommen. Seinen Tod meldete auch der Historische Verein in seinem Bericht von 1834: Der Tod des hochverdienten Greises, Herrn geist. Rathes und Stadtpfarrers Schellenberger, der körperlich erblindet, mit dem inneren Auge nichts übersah, was die Ehre und das Wohl Bambergs betraf, war auch für unsere Gesellschaft ein großer Trauerfall. Nach der Aussegnung in der Oberen Pfarrkirche bewegte sich damals ein sehr langer Trauerzug durch die Stadt, die Glocken, auch der evangelischen Kirche, läuteten. Er vermachte seine Bibliothek dem erzbischöflichen Priesterseminar. Als Erben setzte er das Allgemeine Krankenhaus ein. Er wurde bestattet auf eigenen Wunsch inmitten seiner Pfarrkinder auf dem von ihm selbst angelegten, später aber wieder aufgelassenen Friedhof auf dem Stephansberg. Sein Grab erhielt er zu Füßen des einst in seinem Auftrag von Johann Wilhelm Wurzer gearbeiteten steinernen Kruzifixes, das von 1836 bis zu ihrem Abbruch 1872 in eine vom Franz Konrad Schneider’schen Benefizium (gest. 1. Januar 1823) dort erbaute kleine Kapelle inkorporiert war. Nach der Auflassung des Friedhofes und nach der Bebauung des Geländes künden heute nur noch das Kreuz und der erneuerte Stein von seinem Grab.

CASPAR ANTON SCHWEITZER (1806–-1866)

von HORST GEHRINGER in BHVB 141 (2005) 256–-259
Am 28. März 1806 wurde Caspar Anton Schweitzer in Bamberg geboren. Er war der dritte Sohn des Bäckermeisters Johann C. Schweitzer im Steinweg (heute: Untere Königstr. 40). Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er Theologie. Am 24. April 1831 weihte ihn Erzbischof Joseph Maria Johann Nepomuk von Fraunberg (1768–-1842) zum Priester. Schon während seiner Studienzeit beschäftigte sich Schweitzer neben der Theologie mit historischen Themen. Damit stand Schweitzer in einem Trend seiner Zeit, in der historische Forschung gerade in den Kreisen des Bildungsbürgertums auf große Resonanz stieß. Ein Jahr vor Schweitzers Priesterweihe wurde in Bamberg der Historische Verein gegründet. Mit den Gründungen historischer Vereine aber war von Seiten des bayerischen Königs Ludwig I. (1825–-1848) auch eine staatspolitische, herrschaftsstabilisierende Funktion verbunden. Die Rückbesinnung auf die Geschichte sollte ein einheitliches bayerisches Staatsbewußtsein schaffen und den Patriotismus der Untertanen stärken. Deutlich sichtbar wurde diese Politik u. a. durch das neue bayerische Wappen mit seiner Visualisierung der Pfalz, Frankens, Schwabens und Altbayerns in den Wappenfeldern, aber auch durch die Umbenennung der bisher nach Flüssen bezeichneten Kreise. 1838 erhielt der bisherige Obermainkreis die Bezeichnung Oberfranken.
Nach seiner Priesterweihe war Schweitzer als Kooperator und Pfarrverweser in Hirschaid (1831–-1832), Stadelhofen (1832), Neunkirchen am Brand (1833) und schließlich ab September 1834 in Bamberg (St. Gangolf) tätig. Nachdem der bisherige Lokalkaplan in der Wunderburg, Friedrich Leppert, zum Pfarrer von St. Gangolf ernannt worden war, wurde Schweitzer 1837 zum Nachfolger Lepperts als Curatus in der Wunderburg ernannt. Nach der Beförderung Lepperts zum Domkapitular folgte ihm wiederum Schweitzer 1848 als Pfarrer von St. Gangolf. Sein besonderes Augenmerk galt schon während seiner Zeit in der Wunderburg dem Schulwesen. Bis 1856 war er als Stadtschulen-Referent tätig. Aber auch in seiner Pfarrei widmete er sich mit Erfolg diesem Bereich. So wurde in der Wunderburg die bestehende Schule um ein zweites Stockwerk wegen der gestiegenen Schülerzahlen erweitert. Seit 1864 wirkten hier auch die Englischen Fräulein, die am 4. Juli mit der Trennung in eine Knaben- und Mädchenschule die bisherigen Lehrer für die weibliche Schuljugend ersetzten. Er gewann die kinderlose Klara Schmitt, geb. Ebert, für die Stiftung eines Legats von 2 000 fl. für den Fond einer Kleinkinderbewahranstalt für den östlich der Regnitz gelegenen II. Distrikt der Stadt Bamberg. Diese Stiftung erhöhte er aus eigenen Mitteln um weitere 200 fl.
Ein weiteres Anliegen war die Pflege und Verschönerung der ihm anvertrauten Gotteshäuser in St. Gangolf und in der Wunderburg. Schweitzer verfolgte damit nicht zuletzt auch die Absicht, die Anhänglichkeit der Pfarrangehörigen an „ihre“ Kirche zu vertiefen bzw. diese auch bei vielen, die eher zur ehemaligen Pfarrkirche St. Martin hin orientiert waren, erst zu erzeugen. Sein Pfarramt und die damit verbundenen administrativen Aufgaben versah der Geistliche offenbar mit großer Sorgfalt. Daneben war er als Mitglied des Armenpflegschaftsrates der Stadt auch im sozialen Bereich engagiert.
Schweitzer fand aber trotz der Tätigkeit als Seelsorger Zeit zu wissenschaftlichen Studien. Sein besonderes Interess galt dabei seit seiner Schulzeit der Geschichte. Bereits 1835 wurde er Mitglied des Historischen Vereins, schließlich Mitglied des Vereinsausschusses und Kassier. In den folgenden Jahren widmete sich Schweitzer diesen Studien mit großer Intensität. Er verfaßte zahlreiche Veröffentlichungen angefangen von Quelleneditionen bis hin zu einer ganzen Anzahl von Aufsätzen zu Themen aus der fränkischen Landesgeschichte, vor allem aber der Bamberger Geschichte. Die Liste seiner Publikationen, die zum überwiegenden Teil in den Berichten des Historischen Vereins Bamberg, aber auch beim Historischen Verein in Bayreuth erschienen, umfaßt außer den gedruckten Titeln weitere 38 (!) handschriftliche Arbeiten. Bei einer dieser Arbeiten handelt es sich um ein Manuskript, das sich im Archiv der Pfarrei Maria Hilf/St.Wolfgang befindet und die Vorarbeiten zu einer Geschichte dieses Stadtteils beinhaltet.
Schweitzer setzte sich bei seinen Arbeiten gründlich mit den Unterlagen in den Bamberger Archiven und Bibliotheken auseinander und arbeitete akribisch unter Angabe der von ihm verwendeten Quellen. In seinem Testament vermachte er dem Historischen Verein Bamberg ein Legat von 200 fl., aus dessen Erträgen Bücher beschafft werden sollten. Seine Studien, die ihn auch nach München führten, brachten ihm eine Reihe von Bekanntschaften, so z. B. mit dem Vorstand des Reichsarchivs in München oder in Bamberg mit dem Mediziner Dr. von Schönlein. Mit Schönlein verband ihn das Interesse an der Obstbaumzucht und Obstbaumveredelung, mit der sich Schweitzer in seiner Freizeit ebenso wie mit der Bienenzucht beschäftigte. Sein Engagement als Seelsorger wie auch als Wissenschaftler genoß hohes Ansehen. Dies war letztlich auch ein Grund für seine Ernennung zum Geistlichen Rat durch Erzbischof Michael von Deinlein (1800–1875).
Lange Jahre machten dem Geistlichen Atembeschwerden und Brustkrämpfe zu schaffen. Deswegen hatte er in Bamberg und Erlangen eine Reihe von Ärzten konsultiert. Nach der Rückkehr von einer Reise nach Erlangen starb Schweitzer, einer der fleißigsten und fruchtbarsten Bamberger Historiker, am 9. Januar 1866 noch am Bahnhof. Sein Grab, die Gruft Nr. 95, befindet sich in der 1. Abteilung des Bamberger Friedhofs an der südlichen Mauer. Johann Rothlauf, der Vorsitzende des Historischen Vereins, widmete ihm im Bericht desselben Jahres einen ausführlichen Nachruf. Noch heute trägt im Osten Bambergs die Verbindungsstraße zwischen der Neuerbstraße und der Kloster-Banz-Straße den Namen des Theologen und Historikers.

KARL SPRUNER VON MERTZ (1803–-1892)
GESCHICHTSFORSCHER UND -KARTOGRAPH

von WILFRIED KRINGS in BHVB 141 (2005) 260–-264
Karl von Spruner oder Spruner von Mertz gehört zu den ersten Mitgliedern des historischen Vereins, der sich Ende Juni/Anfang Juli 1830 unmittelbar nach dem Besuch König Ludwigs I. in Bamberg, der neben Bayreuth wichtigsten Stadt des damaligen bayerischen Obermainkreises, konstituierte. Spruner war zu dem Zeitpunkt 27 Jahre alt. Er war 1803 geboren und hatte die militärische Laufbahn eingeschlagen. Er war 1814 in das königlich bayerische Kadettenkorps in München eingetreten, hatte dieses absolviert und stand nun im Rang eines Leutnants. Er war der einzige Vertreter des Militärs im Verein. In dem aus vier Personen bestehenden ersten Ausschuß bekleidete er bis 1836 das Amt des Kassiers. Nikolaus Haas, Stadtpfarrer an St. Martin, erwähnt in seinem „Bericht über das bisherige Bestehen und Wirken des historischen Vereins der Ober-Main-Kreises“, den er in einer Sitzung am 19. Februar 1834 erstattete, unter den Startschwierigkeiten des Vereins das Ausrücken des Herrn Lieutenant von Spruner auf Cordon gegen die Cholera. Dennoch waren, so Haas, Herr von Spruner und Herr Bibliothekar Jäck (...) geraume Zeit, mit lobenswürdiger ausharrender Thätigkeit, die vorzüglichsten Organe des Vereines. Dieser habe sich unter den gegebenen Umständen vor allem auf die selbstgewählte Aufgabe verlegt, Hülfsmittel der Geschichte zu sammeln.
Diesem Ziel ist eine bemerkenswerte Karte verpflichtet, die Spruner im zweiten Bericht 1838 als Faltbeilage veröffentlichte. Sie ist wissenschaftsgeschichtlich von Bedeutung, nicht nur für das Hochstift Bamberg. Sie steht zugleich am Beginn einer Reihe von kartographischen Arbeiten zur Geschichtswissenschaft, mit denen Spruner sich auf diesem Gebiet in die Forschungsfront seiner Zeit eingliederte. Als sein Hauptwerk gilt der „Historisch-geographische Handatlas“ (Gotha 1837–1852). 1843 verlieh die Philosophische Fakultät der Universität Erlangen Spruner, der damals 40 Jahre alt war, die Ehrendoktorwürde ob praestantissima opera quibus historia universalis et Bavarica mappis historico-geographicis ... depingitur.
Doch zu der erwähnten Karte. Haas kündigte 1834 die Herausgebung einer Gaukarte des Herzogthums Ostfranken an: Er erläuterte dazu: Schon im Beginne des Vereines drang sich die Bemerkung auf, daß wenn man für Geschichte arbeite und sie Licht und Gründlichkeit erhalten soll, vor allem der Boden müsse abgemarkt werden, auf dem die Grenzen sich hinziehen und die Ereignisse sich folgten. Die vorhandenen Vorarbeiten wollten nicht genügen. Daher habe sich Spruner erboten, eine solche Karte zu entwerfen. Seine treffliche Vorbildung im Kgl. Kadettenkorps, besondere Vorliebe und Geschicklichkeit zu dergleichen Arbeiten hätten es ihm ermöglicht, in etwa 3 Jahren die Materialien zu sammeln, zu ordnen, auszuarbeiten. Die Karte mißt plano innerhalb des Rahmens 41,0 x 52,3 cm. Das durch Spruner erfaßte Gebiet reicht von Erfurt im Norden bis Augsburg und Freising im Süden (ca. 350 km) und vom Rhein (Mainz, Speyer) im Westen bis Passau im Osten (ca. 440 km). Methodisch ist die Aufgabe so angegangen, daß innerhalb dieses Gebietsausschnitts für eine große Zahl von Ortschaften das Jahr der Ersterwähnung ermittelt und in die Karte übertragen wurde. In einer eingesetzten „Erklärung“ heißt es: [Signatur] Bißthum; [Signatur] Palatium Regis; [Signatur] Kloster (die Zahl benennt das Stiftungs-Jahr); [Signatur] Urbs, Civitas, Burg, [Signatur] vicus, Dorf; [Signatur] Handelsstrasse durch Carls des Grossen Capitular vom Jahr 806 bestimmt; [Signatur] Aelterer Lauf der Flüsse. NB. [Nota bene] Die Zahlen bezeichnen das erste Erscheinen eines Ortes in den Urkunden. Bestimmen diese kein Jahr, so wurde selbes entweder nach den vorhandenen weiteren Daten, oder der mittleren Jahrzahl des treffenden Zeitraumes angenommen. Um die Karte auch für die Periode der erblichen Grafschaften brauchbar zu machen, wurden die Sitze der Grafen und Dynasten, nebst denen der vorzüglichsten Ministerialen ebenfalls eingetragen.
Bei Bamberg lesen wir: Babenberg Bisth. 1007 ggdt [gegründet], Babenberg 902 [bei der Altenburg, mit Signatur Urbs, Civitas, Burg], Teuerstat [ohne Jahr], Hauptsmoor Wald. In der Umgebung der Stadt sind eingetragen (hier chronologisch geordnet): Kunigeshofen 741, Heidu 795, Halazestat 806, Bunaha 807, Nendilin-Uraha 973, Mamelungstat 1013, Biscofesberg 1015, Camerin 1017, Hirzheide 1079, Memensdorf 1124, Giche 1125, Liuzichendorf 1135, Alren 1137, Bedstat 1142, Gezendorf 1157; ohne Jahr Franchendorf, Thurfilun, Schehezlize.
Wie bei Hallstadt ist bei Forchheim das Jahr 806 für die Nennung im Diedenhofener Kapitular beigesetzt, hier zusätzlich die Signatur Palatium Regis (Königspfalz). Spruner unterstellt, daß es eine Verbindung der im Diedenhofener Kapitular genannten neun Lokalitäten an der Ostgrenze des Reichs zwischen Enns (Oberösterreich) und Bardowick (Niedersachsen) gab und verbindet durch eine „Handelsstraße“ Passau über Forchheim und Hallstadt mit Schmalkalden und Erfurt. Es ist möglicherweise das erste Mal, daß diese Verbindung auf einer Karte erscheint (rotbraun koloriert).
Was die Darstellung der Gaue bzw. ihrer Grenzen angeht, so erübrigte sich eine Erklärung, da sie bereits separat erschienen war. Zu erkennen sind gerissene Linien, die von Hand zu kolorieren waren. Dazu gibt es erläuternde Zusätze: Silva Thuringica quä Thuringiam dirimit a Francia. Anal. Sax. 1078; Sala fl quä Toringos et Sorabos dividit; Spätere Gränze Ostfrankens (östl. des Sulza fl./Sulzach, bei Feuchtwangen). Rot steht für Ducatus Franciae orientalis oder Franconiae und die Untergliederungen, grün für Ducatus Francia occidentalis oder rhenensis.
Am 7. März 1832 habe der Verein beschlossen, die Karte auf eigene Kosten auf Stein drucken zu lassen. Das war damals in Bayern, das über geeignete Vorkommen zur Herstellung von Lithographiesteinen verfügte, das verbreitetetste Reproduktionsverfahren. Nach mancherlei Verhandlungen mit andern Künstlern habe das Uebertragen auf den Stein ein sehr gewandter, junger Mann dahier, Hr. Rössert, übernommen. Gemeint war Joseph Rössert (1808–1876), der gut zwei Jahre später, am 14. September 1834, als Lithograph konzessioniert wurde. Die Karte trägt rechts unten den Vermerk: Gedruckt i. d. lithographischen Anstalt v. Jos. Rössert in Bamberg 1848; dazu kommt ein Prägestempel: AUF KOSTEN DES HIST VEREINS ZU BAMBERG.
Die Darstellung ist technisch aus heutiger Sicht keine Meisterleistung, ja nicht einmal eine Karte im strengen Sinn, die ein Medium der Visualisierung räumlicher Sachverhalte sein sollte. Dies wäre zu erreichen gewesen, wenn statt Ortsname und Jahr eine Signatur eingesetzt worden wäre, die je nach gewünschter zeitlicher Staffelung (z. B. nach Jahrhunderten) unterschiedlich gestaltet wäre. Auf diese Weise würde man eine grobe Vorstellung von der zeitlichen Differenzierung der Besiedlung erhalten, obwohl die belegbare Ersterwähnung nichts über das wirkliche Alter der Örtlichkeit aussagt. Auch wenn Spruner diesen Schritt nicht vollzog, mit einer konkreten Jahreszahl hatte man etwas in der Hand, was beispielsweise für Planung und Durchführung von Jubiläumsfeiern von unschätzbarem Wert war und bis heute gerne genutzt wird. Eine Auflistung der Ortsnamen mit den Erstbelegen in chronologischer Ordnung kam erst 1911 heraus.
Aus der Perspektive des jungen Königreichs ist nachvollziehbar, daß man sich für die Zustände interessierte, die vor der hochstiftischen Zeit bestanden; schließlich hatte man sich das hochstiftische Territorium gegen den Widerstand der „Betroffenen“ einverleibt. Zugleich ist verständlich, daß die von Frankreich übernommene rational-geographische Einteilung in Flußgebiete (Obermain-Kreis, Regen-Kreis usw.) auf Dauer nicht Bestand haben konnte. Bereits 1838 wird sie durch die emotional-historische in Stammesgebiete (Oberfranken statt Ober-Main) ersetzt. Dieses Konstrukt sollte sich jedoch als nicht stark genug erweisen, um die in jüngerer Zeit, besonders nach 1500 entstandenen Unterschiede innerhalb des Bezirks vergessen zu machen.
Über die Vorfahren Spruner von Mertz liegt eine Darstellung von Edmund Hausfelder aus dem Jahr 2001 vor. Die Erhebung der Familie in den Adelsstand scheint 1727 erfolgt zu sein. Karls Vater starb 1807 im Alter von nur 27 Jahren als Magistratsdiurnist (Angestellter ohne festes Gehalt) in Neuburg an der Donau. Die Mutter verstarb 1811. Großeltern väterlicherseits waren Carl Spruner von Mertz (1736–-1814) und seine zweite Frau (1775–-1813). Der Großvater führte in Ingolstadt zwischen 1785 und 1802 wiederholt die Geschäfte als Amtsbürgermeister.
Karl Spruner von Mertz setzte, nachdem er 1825 Leutnant geworden war, seine militärische Laufbahn fort, die er als General der Infanterie (seit 1883) abschloß. Wie lange er sich in Bamberg aufgehalten hat, wäre noch zu klären. 1828 heiratete er Anne (Nanny) de Riboudet (* 1811 Bamberg, † 1888 München), Tochter der in der Karolinenstraße 7 (heute „Hofbräu“) ansässigen Witwe Regina Riboudet geb. Wagner. Deren verstorbener Ehemann war der aus Frankreich stammende Kaufmann Franz (eigentlich Anatole François de) Riboudet. Nach dem Bekunden Jaecks war Riboudets Bildersammlung ein Schatz in Bamberg, dessen diese Stadt in den vorigen Jahrhunderten sich nicht zu erfreuen hatte. Das Ehepaar Spruner bekam drei Kinder; zwei wurden in Bamberg geboren (1835 u. 1836), während das dritte in größerem zeitlichem Abstand in Würzburg zur Welt kam (1844).
Ein Karrieresprung Spruners erfolgte erst nach 1850. Er war zeitweise Generaladjutant König Ludwigs II. 1886 trat er in den Ruhestand und starb 1892 in München.  Bestattet wurde er auf dem Alten Nördlichen Friedhof, Arcisstraße 45. Im Zweiten Weltkrieg wurde die seit 1868 benutzte Anlage schwer beschädigt. Das Grab existiert nicht mehr.

GEORG ADAM THIEM (1811–-1892)
SEKRETÄR, KONSERVATOR

von SIBYLLE RUSS in BHVB 141 (2005) 265–-269
Georg Adam Thiem zählt zwar nicht zu den Gründern des historischen Vereins, durch seine frühe Mitarbeit und sein Engagement hinterließ er in den 20 Jahren seines Bamberger Wirkens jedoch deutliche Spuren. Als jüngstes Ausschußmitglied brachte er sich engagiert ein, regte vielfach Aktivitäten des Vereins an und bereicherte nicht zuletzt die Sammlungen durch eine große Anzahl von wertvollen Geschenken.
Geboren wurde Georg Adam Thiem am 8. Juni 1811 in Bamberg als Sohn eines Webermeisters in der Theuerstadt 13 (alte Nr. 974). Den Vater verlor Georg mit fünf Jahren, von den vier Geschwistern starben drei Mädchen im Kindesalter. Das Umfeld mit kleinen Handwerkern und Gärtnern, aber auch Künstlern (Josef Mutschelle bewohnte Haus Nr. 977, heute Nr. 7) und pensionierten Kanonikern des ehemaligen Stiftes St. Gangolph, mag den jungen Thiem – ebenso wie die häuslichen Verhältnisse – vielfältig geprägt haben. Nach Gymnasium und Studium der Theologie wurde er am 23. August 1835 zum Priester geweiht.
Noch zu Zeiten seines Studiums, also bereits in den ersten Jahren nach der Gründung des Historischen Vereins 1830, kam er mit diesem in Kontakt. Einer der Schwerpunkte der Vereinstätigkeit dieser Jahre war die Herausgabe des „Renners“ von Hugo von Trimberg, an welcher Thiem seit 1832 mit der Übernahme von Korrekturen erheblichen Anteil gehabt hatte. In der Sitzung vom 1. Januar 1835 wurde er dafür – auf Vorschlag Jaecks – zum Ehrenmitglied ernannt. Thiems Selbstbewußtsein den historischen Autoritäten gegenüber zeigt sich in einem dem Protokoll vom 4. Juli 1838 beigebundenen undatierten Schreiben, in dem er sich beschwerte, daß er trotz seines großen Anteils an der Herausgabe des Renners im zweiten Bericht des Vereins (erschienen 1838) neben Jaeck, Rudhart, von Reider und dem Buchdrucker Reindl nicht genannt worden sei.
Nach 15 Monaten als Kaplan in Döringstadt trat Thiem am 26. Januar 1837 seine zweite Stelle in St. Martin in Bamberg an. Pfarrer war dort Nikolaus Haas, einer der bedeutenden Mitarbeiter des Historischen Vereins und mit Thiem seit Jahren bekannt. Persönliche Fürsprache des Pfarrers bei der Versetzung Thiems ist auszuschließen, denn Haas hatte sich bei der Ablehnung des eigentlich vorgesehenen Kaplans Dr. Michael Stenglein eine oberhirtliche Rüge und den Unmut des Generalvikars Fraas zugezogen. Die vom Pfarrer erstellten Charakteristiken des Kaplans fielen jedoch nur für das erste Jahr positiv aus, was Haas mit zu geringer Kenntnis Thiems rechtfertigte. Die folgenden Beurteilungen gestalteten sich so negativ, daß Fraas eine Begründung von Haas verlangte. Seine Antwort würde einen ungünstigen, wenn nicht gar skurilen Eindruck Thiems vermitteln, wenn sich nicht gleichzeitig Anzeichen für einen Generationskonflikt, vielleicht sogar für einen gewissen Neid auf den jungen Kaplan herauslesen ließe. Haas kritisierte die in mancherlei Hinsicht mangelhafte Bildung und führt dazu an, daß Thiem das auf seine (Haas) Fürsprache hin abgehaltene Examen zum Gymnasial-Professor sehr schlecht bestanden habe, u. a. besitze er nicht einmal die nötigen Kenntnisse in der deutschen Sprache. Dass dies sicherlich nicht den Tatsachen entsprach, zeigen z. B. zwei Sonette, die Thiem noch als Kaplan in Döringstadt verfaßt hatte, die zwar keine Meisterwerke der Dichtkunst, aber dennoch nicht ungefällig sind. Zudem war Thiem seit 1833 Mitarbeiter am Weimarer Nekrolog der Deutschen; auch seine spätere publizistische Tätigkeit läßt Zweifel an der Einschätzung Nikolaus Haas’ aufkommen. Der Bericht Haas’ endete mit der Bitte, Thiem nach den Fastenpredigten zu versetzen und Stadtpfarrer möglichst mit ähnlichen Stadtsöhnen zu verschonen.
Am 1. Dezember 1842 wurde Thiem Kuratus des Bürgerspitals auf dem Michaelsberg, ab dem 20. Okober 1843 zusätzlich in St. Getreu. Er nahm die Seelsorge in beiden Einrichtungen sehr ernst, denn er wußte um die besondere Problematik der Betreuung von Kranken und Sterbenden. Um seinen Mitbrüdern hierbei Hilfestellung zu leisten, gab er neben einem Andachtsbuch auch die Andachtsübungen des P. Marquard von Rotenhan SJ heraus. Die Lebensbeschreibung des im Rufe der Heiligkeit verstorbenen Bamberger Jesuiten, die er den Andachten beifügte, zeugt vom historischen Interesse Thiems und seinem Bemühen, historische Hintergründe und Zusammenhänge darzustellen.
Die Jahre auf dem Michaelsberg bis zu seinem Weggang als Pfarrer nach Kupferberg im Mai 1851 waren geprägt von seinem Engagement im Historischen Verein, bei der Kleinkinderbewahranstalt und durch vielfältige publizistische Tätigkeit.  Bereits im Dezember 1841 -– nach dem Rücktritt Joseph Pfregners -– hatte Thiem im Historischen Verein das Amt des Konservators übernommen, das er bis zum Mai 1851 inne hatte. Ab dem 6. Dezember 1848 bis zu seinem Weggang nach Kupferberg fungierte er zusätzlich als Sekretär. Schon für den 4. Bericht von 1841 hatte Thiem den Geschäftsbericht erstellt, eine Aufgabe, die er bis zum 14. Bericht 1851 ausführte.
Er regte z. B. 1843 an, Lebensskizzen verstorbener Mitglieder in den Berichten zu veröffentlichen. 1849, im 12. Bericht, begann er diese bis heute fortgesetzte Form der Nachrufe mit jenen für Friedrich Brenner und Andreas Steinruck. Ebenso rückte er die „Denksteine an den Straßen“ und ihre Inschriften ins Blickfeld. Ansätze systematischer Sammlung werden in Thiems Antrag deutlich, neben den bisher gesammelten Portraits der in Diensten des ehemaligen Fürstbistums Bamberg gestandenen Personen, auch Ansichten von Kirchen und öffentlichen Gebäuden, Statuen und Monumenten zu sammeln.
Die Sammlungen des Historischen Vereins haben Thiem eine Reihe von wertvollen Geschenken zu verdanken. Hervorzuheben sind z. B. verschiedene Prozessionale des 17. und 18. Jahrhunderts aus dem Kloster Michaelsberg, mehrere Bamberger Andachtsbücher, Urkunden, Gemälde, Siegel und Münzen. Zudem gab Thiem Manuskripte oder Ausgaben seiner zahlreichen Schriften in die Vereinsbibliothek.
Bedauerlicherweise endete die Mitarbeit Thiems im Historischen Verein mit seinem Weggang nach Kupferberg; sein Austritt aus dem Verein 1854 mag damit zusammenhängen. Allerdings würdigte man seine Verdienste erneut durch eine Ehrenmitgliedschaft, die erst mit Thiems Tod beendet wurde.
Auch seine Versetzung im Juli 1867 nach Buttenheim brachte kein weiteres Engagement für den Historischen Verein. Offensichtlich hatte Thiem inzwischen andere Tätigkeitsfelder gefunden. So berichtete das Bamberger Tagblatt vom 4. Dezember 1871 von der Übergabe des neuen Feuerwehrhauses in Buttenheim durch Thiem, den sich um alles Gemeinnützige so sehr interessierenden Herrn Pfarrer … 1875 wurde er bei der Abgeordnetenwahl zum bayerischen Landtag als Ersatzmann gewählt und rückte 1879 für einen verstorbenen Abgeordneten nach.
Nach langem und schwerem Leiden verstarb Georg Adam Thiem im Alter von 81 Jahren in Buttenheim am 16. Juli 1892 um 6 Uhr abends. Begraben wurde er auf dem Buttenheimer Friedhof, die Gemeinde betrauerte einen seeleneifrigen, herzensguten Hirten.
Ein Leben ging zu Ende, in dem sich der Bogen spannt von den Jahren nach der Säkularisation bis zur Wende zum 20. Jahrhundert. Von rastlosen Eifer und vielfältigem Engagement geprägt, übernahm Thiem arbeitsreiche Aufgaben in Seelsorge, caritativen Einrichtungen und nicht zuletzt im Historischen Verein. Sein jeweiliges Arbeitspensum versuchte er durch systematische Organisation zu strukturieren, gleichzeitig aber brachte er seine Eindrücke, Erfahrungen und sein Wissen zum Nutzen anderer zu Papier – nicht ohne den historischen Bezug darzustellen. Die Bandbreite seiner Publikationen zeigt das vielfältige Interesse dieses Mannes. Es ist kaum verständlich, daß Georg Adam Thiem bis heute kein würdigender Nachruf gewidmet wurde.

DR. HEINRICH WEBER (1834–-1898)
LYZEALPROFESSOR UND HISTORIOGRAPH

von LOTHAR BRAUN in BHVB 141 (2005) 270–-274
Heinrich Weber stammte – wie auch seine Eltern – zwar aus Unterfranken, doch ging er schon seinen Studien teilweise in Bamberg nach. Er wurde am 21. Juni 1834 in dem kleinen Marktflecken Euerdorf an der Fränkischen Saale (Landkreis Bad Kissingen), damals Sitz eines Landgerichts, geboren, wo sein Vater als königlich-bayerischer Landrichter wirkte. Als der Vater bald darauf in die Dienste des Fürsten von Leiningen als Herrschaftsrichter trat, verzog die Familie in das Odenwaldstädtchen Amorbach. Dort besuchte der Knabe die Lateinschule, siedelte aber nach dem frühen Tod seines Vaters 1846 mit seiner Mutter und seinen Geschwistern nach Würzburg über, wo er an der Lateinschule und am Gymnasium seine Ausbildung fortsetzte. Wegen seiner besonderen schulischen Leistungen und der bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Mutter wurde ihm 1849 ein Freiplatz im Aufseesianum in Bamberg gewährt. Dieses von dem Bamberger und Würzburger Domherrn Jodocus Bernhard von Aufseß 1738 gestiftete Studienseminar hatte satzungsgemäß ein Drittel seiner Freiplätze an talentierte Knaben aus dem ehemaligen Hochstift Würzburg zu vergeben, weshalb im 19. Jahrhundert zahlreiche Schüler aus Unterfranken – so auch Weber – ihre Gymnasialstudien in Bamberg absolvierten. Anschließend studierte er ein Jahr Philosophie am Lyzeum in Bamberg, war gleichzeitig Präfekt am Aufseesianum und nahm 1854 das Studium der Theologie an der Universität Würzburg auf, an dessen Ende die Priesterweihe am 9. August 1857 in Würzburg stand. Die ihm angebotene Möglichkeit, das Germanikum in Rom besuchen zu können, hatte er aus gesundheitlichen Gründen ausschlagen müssen.
Weber wirkte nun einige Jahre als Kaplan in der Seelsorge, zuletzt seit 1860 in Schweinfurt, wo er gleichzeitig den Religionsunterricht am Gymnasium und an der Gewerbeschule erteilte und zeitweise auch die Pfarrverwesung innehatte. Von hier wurde er 1865 an die Lateinschule und im folgenden Jahr an das Gymnasium Würzburg berufen, um hier als Gymnasialprofessor die Fächer Religion und Geschichte zu unterrichten.
Am 7. August 1871 wurde Weber zum außerordentlichen Professor der Geschichte am Lyzeum in Bamberg ernannt, ohne das Doktorat oder die Habilitation erlangt zu haben. Es gab nur wenige vergleichbare Fälle, in denen im 19. Jahrhundert Gelehrte, die sich im höheren Schuldienst bewährt hatten, ohne akademischen Grad an Lyzeen berufen wurden. Weber rechtfertigte die in ihn gesetzten Erwartungen vollauf. 1889 ernannte ihn die Theologische Fakultät der Universität Würzburg zum Dr. theol. honoris causa und am 1. Juli 1892 stieg er zum ordentlichen Lyzealprofessor auf. Seine in über 26 Jahren ausgeübte Lehrtätigkeit umfaßte das gesamte Spektrum der historischen Wissenschaften einschließlich der Propädeutik und der Hilfswissenschaften. In seinen Vorlesungen behandelte er auch die Bamberger Geschichtsquellen und die Geschichte des Hochstifts Bamberg. Seine Lehrtätigkeit wurde von Zeitgenossen wegen ihrer „Gründlichkeit, Unparteilichkeit, Vollständigkeit und höchst sorgfältig(er) Ausarbeitung“ gerühmt. Hinzu kam „eine imponierende Sicherheit und Ruhe in seinen Ausführungen“.
Neben seiner akademischen Lehrtätigkeit entfaltete Weber eine ausgedehnte schriftstellerische Tätigkeit, bei der Themen zur Geschichte des Hochstifts Bamberg und dessen Einrichtungen im Vordergrund standen. Gerade in diesem Bereich wird seine enge Bindung zum Historischen Verein deutlich, dessen eifriges Mitglied er seit 1871 war. Seine wichtigsten literarischen Werke wurden in den Berichten des Vereins veröffentlicht. Es sind dies vor allem sein „Beitrag zur Geschichte des Collegiatstifts zum hl. Stephan in Bamberg“ (1878), sein Hauptwerk, die „Geschichte der gelehrten Schulen im Hochstift Bamberg von 1007–-1803“ (1880 ff.), das „Bamberger Weinbuch“ (1884) und die umfangreiche Darstellung „Das Bisthum und Erzbisthum Bamberg, seine Einteilung in alter und neuer Zeit und seine Patronatsverhältnisse“ (1895). Kleinere Abhandlungen betrafen meist Quellenbearbeitungen und -veröffentlichungen. In selbständigen Veröffentlichungen befasste er sich mit der Geschichte des Aufseesianums (1880), dem Christenlehrunterricht im Bistum Bamberg (1883), mit P. Marquard von Rotenhan SJ (1885), Fürstbischof Johann Gottfried von Aschhausen (1889) und dem Kirchengesang im Fürstbistum Bamberg (1893). Zahlreiche Beiträge meist lokal- und regionalgeschichtlichen, aber auch volkskundlichen Inhalts lieferte er für die Programme des Lyzeums, die Frankfurter „Zeitgemäßen Broschüren“, den Bamberger Stadt- und Landkalender, den Sulzbacher Kalender für katholische Christen und das Archiv für christliche Kunst. Außerdem war Weber Mitarbeiter der Historisch-politischen Blätter, zahlreicher Zeitschriften und des in Freiburg bei Herder erschienen Kirchenlexikons, für das er gegen 50 Artikel verfaßte.
Hinzu kam eine reichhaltige Vortragstätigkeit in verschiedenen, meist katholischen Vereinen vom Gesellenverein bis zur Görresgesellschaft, aber auch im Historischen Verein, die in den alljährlichen Tätigkeitsberichten aufgeführt sind. Die ab 1884 aufkommenden Studienfahrten, die meist mit der Eisenbahn unternommen wurden, bereicherte er mit Vorträgen über die Zielorte, die teilweise gedruckt wurden. Dem Vereinsausschuß gehörte er von 1881 bis zu seinem Tode an. Hier oblag ihm seit 1882 auch die Betreuung der Urkunden, Handschriften und sonstigen Archivalien.
Mitten in seinem beruflichen und schriftstellerischen Schaffen bereitete seinem Leben am 18. Januar 1898 ein Herzschlag, der ihn im Domkapitelhause ereilte, ein unerwartetes, auch für die Geschichtswissenschaft viel zu frühes Ende. Sein Grab in der II. Abteilung des Bamberger Friedhofes wurde 1962 aufgelassen, doch wurden seine sterblichen Reste 1964 in die als städtisches Ehrengrab dienende Schönlein’sche Gruft überführt. Außerdem hält ein in Bamberg-Ost nach ihm 1933 benannter Platz die Erinnerung an den bedeutenden Bamberger Historiker wach.